Viktor Tilgner

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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Porträt des Bildhauers Viktor Tilgner (1844-1896), um 1875 – 1890.

Viktor Oskar Tilgner (* 25. Oktober 1844 in Preßburg/Bratislava; † 16. April 1896 in Wien) war als Bildhauer vorwiegend in Wien zur Zeit des Historismus tätig und zählt zu den Vertretern des neobarocken Stils. Von ihm stammen mehrere Denkmäler im Arkadenhof beziehungsweise sind nach seinen Modellen geschaffen worden. 1890 wurde das von Tilgner selbst geschaffene Doppeldenkmal der beiden Gelehrten Theodor und Johann von Oppolzer enthüllt, nur ein Jahr später das Denkmal für Ferdinand von Hebra. Nach bereits bestehenden Porträtbüsten von Tilgner wurden 1913 das Denkmal für Eduard Hanslick, und 1929 das für Robert Ultzmann aufgestellt.

Leben

Viktor Oskar Tilgner wurde am 25. Oktober 1844 in Preßburg, dem heutigen Bratislava (Slowakei), geboren. Sein Vater war als einfacher Hauptmann der kaiserlichen Armee in Oberungarn stationiert; nur zwei Jahre später übersiedelte die Familie nach Wien.[1]

Seine Ausbildung zum Bildhauer begann er ab 1859, dem Jahr seiner Aufnahme an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, wo er Schüler Franz Bauers war. Zeitgleich arbeitete er im Atelier des Bildhauers Josef Gasser. Von 1861 bis 1864 unterbrach er seine akademische Ausbildung, die er jedoch nach Intervention Bauers bis 1871 fortsetzte.[2] 1865 erhielt der junge Bildhauer die Füger-Medaille und 1869 wurde ihm ein Preisstipendium zugesprochen.

Bekannt und auch für seine weitere künstlerische Entwicklung bedeutsam, war die persönliche Freundschaft mit dem Maler Hans Makart (1840-1884), der seinen Künstlerkollegen förderte. Tilgner durfte im großen Makart-Atelier in der Gusshausstraße arbeiten, 1874 unternahmen sie eine gemeinsame Italienreise. Sein einflussreicher Freund und Förderer Albert Ilg (1847-1896), Kunsthistoriker und Kustos der kaiserllichen Sammlungen vermittelte ihm den österreichischen Hochbarock eines Georg Raphael Donner.[3] 1883 wurde Tilgner ehrenhalber zum Professor, 1888 zum Ehrenmitglied der Wiener Akademie der Bildenden Künste ernannt. Im Gegensatz zu seinem Konkurrenten Edmund Hellmer blieb ihm jedoch eine ordentliche Professur verwehrt.

Die letzten 20 Jahre seines Schaffens arbeitete Viktor Tilgner in einem weitläufigen Atelier des ehemals als Gewächshaus benutzten Seitentrakt des Palais Schwarzenberg.[4] In den ersten zwei großen Räumen befanden sich Modelle seiner Arbeiten, das dritte Zimmer war als Wohnraum ausgestattet und enthielt seine beachtliche Kunst- und Büchersammlung. Hier empfing er zahlreiche prominente Gäste, vor allem Maler, Bildhauer und Musiker, unter anderen auch Johann Strauß.

Nach einem, sich lange bemerkbar gemachten Herzleidens, verstarb der Künstler plötzlich, laut zeitgenössischen Berichten an einem Herzschlag, und wurde auf einstimmigen Beschluss des Beirates der Gemeinde Wien in einem Ehrengrab neben den Arkaden am Zentralfriedhof beigesetzt.[5] Sein ehemaliger Schüler Arthur Strasser nahm Tilgner die Totenmaske ab. Sein Schüler und Mitarbeiter Fritz Zerritsch schuf das Grabdenkmal für den Verstorbenen nach dessen eigenen Entwürfen.[6]

Schaffen

Erste private und öffentliche Aufträge waren meist Porträtdarstellungen. Ludwig Hevesi wies darauf hin, dass diese Beschränkung nicht freiwillig war, erst in den 90er Jahren erhielt er vermehrt öffentliche Aufträge.[7] In den ersten zwei Jahrzehnten seiner bildhauerischen Tätigkeit allein schuf er rund 300 Porträtbüsten.[8] Besondere Auszeichung wurde dem Porträt der Hofschauspielerin Charlotte Wolter zuteil, das er gemeinsam mit vier weiteren Werken bei der Wiener Weltausstellung 1873 präsentierte und für das er eine Goldmedaille erhielt. [9]

Großen Einfluss auf die künstlerische Entwicklung Tilgners hatte der neobarocke, französische Bildhauer und Medailleur Gustave Deloye, der ab 1870 in Wien arbeitete und Tilgner in sein Atelier einlud.[10] Das Atelier wurde Deloye, der an der Ausstattung des Ausstellungspalastes für die Wiener Weltausstellung arbeitete, von Johann II. Fürst Liechtenstein in der Rossau zur Verfügung gestellt. Laut Cornelia Reiter übte es ähnliche Anziehungskraft aus, wie das Atelier Makarts. Hans Makart, dessen neobarocker Stil in der Malerei für eine ganze Epoche namensgebend war, prägte Tilgner - "sowohl in der Themenwahl, als auch in der spezifischen Interpretation".[11]

Am 18. Mai 1890 wurde das von Viktor Tilgner gestaltete Doppeldenkmal des Medizinprofessors und Internisten Johann von Oppolzer und seines Sohnes des Astronomen Theodor von Oppolzer im Arkadenhof der Universität Wien enthüllt. Etwa ein Jahr später, am 14. Juni 1891 wurde das Denkmal für Ferdinand von Hebra enthüllt. Dieses beruhte auf eine bereits bestehende Porträtbüste, von der Tilgner jedoch eigens für den Arkadenhof eine Version aus Bronze goss. Das Denkmal für Eduard Hanslick hingegen wurde 1910 nach einem Gipsmodell von Tilgner gegossen. Dasjenige für Robert Ultzmann wiederum entstand 1928/29 nach einer Marmorbüste von Tilgner am Matzleinsdorfer Friedhof.

Im Rahmen der regen Bautätigkeit an der Wiener Ringstraße schuf Tilgner Bauplastik für die Neue Burg, für die Hofmuseen, das Künstlerhaus und das Hofburgtheater. Aber auch monumentale Werke im öffentlichen Raum, Brunnenanlagen und Denkmäler, finden sich in seinem Oeuvre. Als sein bedeutenstes Werk gilt das Mozart-Denkmal im Wiener Burggarten, welches sich ursprünglich am Albertinaplatz befand. Er konnte sich mit der Ausführung seines Denkmalentwurfs gegen Edmund Hellmer, der den ersten Preis im Wettbewerb erhalten hatte, durchsetzen. Unterstützung erfuhr er durch seinen einflussreichen Freund, den die Kunstpolitik seiner Zeit dominierenden Albert Ilg. Die Denkmalenthüllung in Anwesenheit des Kaisers am 20. April 1896 fand ohne den Künstler statt, der nur vier Tage zuvor verstorben war.[12]

Ausgewählte Werke

  • Vicenzo Bellini, Büste, Wien, Staatsoper, 1868
  • Charlotte Wolter, Porträtbüste, Wien, Burgtheater, 1872/73
  • Triton und Nymphe, Brunnen, Bronze, Wien, Volksgarten, 1874
  • Der Geologe Ami Boué (1794-1881), Porträtbüste, Terrakotta; Gipsmodell, Belvedere, Wien, 1878
  • Peter Paul Rubens, Statue, Wien, Künstlerhaus, 1882
  • Hummel-Denkmal, Bratislava, 1887
  • Ganymedbrunnen, Bratislava, vor dem Theater, 1888
  • Doppeldenkmal, Arkadenhof der Universität Wien, 1890
  • Josef Werndl, Denkmal, Steyr, 1893/94
  • Wolfgang Amadeus Mozart, Denkmal, Marmor, Wien, Burggarten, 1896
  • Hans Makart-Denkmal, Marmor, Wien, Stadtpark (Entwurf: V. Tilgner, Ausführung: F. Zerritsch), 1898
  • Anton Bruckner-Denkmal, Wien, Stadtpark (Büste: V. Tilgner, Muse: F. Zerritsch), 1899
  • Ballustradenfiguren, Hofmuseen, Wien
  • Figuraler Schmuck am Corps de Logis, Neue Burg
  • Nischenfiguren und Büsten an der Hauptfassade des Burgtheaters
  • Statuen für das Parlamentsgebäude: Archimedes, Varro, Homer, Phidias
  • Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien: Ferdinand von Hebra (1891), Johann und Theodor von Oppolzer (1890), Eduard Hanslick (1913 enthüllt), Robert Ultzmann (Kopie nach V. Tilgner von K. Selinger, 1929 enthüllt)
  • Nischenfiguren und Büsten an der Hauptfassade des Burgtheaters
  • Porträtmedaillons der Vertreter der Wiener Medizinischen Schule, Hochparterre-Fries, Wiener Poliklinik: Oppolzer, Rokitansky, Skoda, Hyrtl, Siegmund, Schuh, Arlt, Braun, Dumreicher, Jäger, Türck, Brücke

Literatur

  • Bergruen 1887: Oskar Berggruen, Viktor Tilgner’s Bildhauerwerke, in: Die Graphischen Künste, 10, 1887, S. 125-132.[1]
  • Frodl 2002: Gerbert Frodl (Hg.), Geschichte der Bildenden Kunst in Österreich, 5. Das 19. Jahrhundert, München u.a. 2002.
  • Czeike 1997: Felix Czeike, Historisches Lexikon Wien, 5, Wien 1997, S. 457-458.
  • Hevesi 1897: Ludwig Hevesi, Victor Tilgners ausgewählte Werke, Wien 1897.
  • Hevesi 1903: Ludwig Hevesi, Oesterreichische Kunst im 19. Jahrhundert. 1848–1900, Leipzig 1903, S. 172-174.
  • Krasa-Florian 1995: Selma Krasa-Florian, Albert Ilg und Viktor Tilgner. Zur Plastik des Neubarock in Wien, in: Friedrich Polleroß (Hg.), Fischer von Erlach und die Wiener Barocktradition, Wien 1995, S. 369-388.
  • Krause 1973: Walter Krause, Die Plastik der Wiener Ringstraße. Von der Spätromantik bis zur Wende um 1900, Wiesbaden 1980.
  • Kuntner 2012: Claudia Kuntner, Die Entstehung des Wiener Goethedenkmals an der Wiener Ringstraße. Der Entwurf Edmund Hellmers und seiner Konkurrenten, phil. Dipl. (ms.), Wien 2012.
  • Maisel 2007: Thomas Maisel. Gelehrte in Stein und Bronze, Wien u.a. 2007.
  • Martinez 1894: A. Martinez, Wiener Ateliers. Biographisch-kritische Skizzen, 4, Wien 1894.
  • Medvecký 1964: Ľudovít Medvecký, Viktor Tilgner. 1844-1896, (Kat. Ausst., Městská Galleria, Bratislava 1964), Bratislava 1964.
  • Pollak 1908: Fritz Pollak, Tilgner, Viktor Oskar, in: Allgemeine Deutsche Biographie, 54, Leipzig 1908, S. 703-705.[2]
  • Pötzl-Malikova 1976: Maria Pötzl-Malikova, Die Plastik der Ringstraße. Künstlerische Entwicklung 1890-1918, Wiesbaden 1976.
  • Reiter 2002: Cornelia Reiter, Der Neobarock in der Bildhauerei. Victor Tilgner, Theodor Friedl und Rudolf Weyr als führende Repräsentanten des Neobarock, in: Gerbert Frodl (Hg.), Geschichte der Bildenden Kunst in Österreich, 5. 19. Jahrhundert, München u.a. 2002, S. 508-515.
  • Schölermann 1897 : W. Schölermann, "Tilgner, Victor Oscar", in: Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog, 1, Berlin 1897, S. 275-279.
  • Vollmer 1939: Hans Vollmer, "Tilgner, Victor Oskar", in: Hans Vollmer (Hg.), Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart, 33, 1939, S. 169.

Einzelnachweise

  1. Berggruen 1887, S. 125.
  2. Kuntner 2012, S. 35.
  3. Reiter 2002, S. 508.
  4. Schölermann 1897, S. 279.
  5. Ehrengrab, Gruppe 14A, Nr. 28.
  6. Czeike 1997, S. 457.
  7. Hevesi 1903, S. 173. Reiter 2002, S. 511.
  8. Bergruen 1887, S. 126.
  9. Reiter 2002, S. 509.
  10. Martinez 1894, S. 36, Kuntner 2012, S. 35, Reiter 2002, S. 508.
  11. Reiter 2002, S. 508.
  12. Pollak 1908, S. 705.

Weblinks

  • Wikipedia-Artikel zu Viktor Tilgner [3] (zuletzt aufgerufen am 23.8.2014)
  • Hauptwerk von Viktor Tilgner gerettet. Wiener Zentralfriedhof. Allegorie der Bildhauerei. Viktor Tilgner 1875, in: BDA, Dezember 2004. Denkmal des Monats. [4] (zuletzt aufgerufen am 23.8.2014)

Darstellungen


Julia Strobl, Ines Oswald, Ivic Dragana, Alice Hundsdorfer, Rene Kreisl, Cigdem Özel, Michaela Pilat, Carina Schaffer