Theodor von Sickel

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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Gemälde von Johann Viktor Krämer, 1905, Archiv der Universität Wien
Fotografie Sickels von M.Frankenstein, V.L.Pisani, s.d., Archiv der Universität Wien

Theodor Ritter von Sickel (*18. Dezember 1826 in Aken an der Elbe; † 21. April 1908 in Meran, Südtirol), war ein deutsch-österreichischer Historiker und Geschichtsforscher. Das Denkmal Theodor von Sickel im Arkadenhof der Universität Wien wurde von dem Kärntner Bildhauer Josef Kassin geschaffen.

Leben

Theodor von Sickel wurde am 18. Dezember 1826 in Aken an der Elbe, in der Nähe von Dessau in eine evangelische Pastoren- und Gelehrtenfamilie geboren. Nach dem Abitur an der Klosterschule „Unserer lieben Frau in Magdeburg“ begann er ein Studium der evangelischen Theologie in Halle, Saale, wechselte 1847 aber nach Berlin um sich der Philologie und Geschichte zu widmen.[1] Aufgrund der aktiven Teilnahme an der Revolution von 1848/49 musste er Berlin verlassen und promovierte 1850 zum Dr. phil. in Halle.[2] Im selben Jahr zog er nach Paris um sich archivalischen Forschungen zur Geschichte Lothringens und des Burgunds zu widmen, wobei er sich seinen Lebensunterhalt als Zeitungskorrespondent und Übersetzer für deutsche und österreichische Zeitungen verdiente.[3] In Paris besuchte er erste Vorlesungen der École des chartes. Gute diplomatische Beziehungen ermöglichten ihm 1853 und 1854 Auslandsaufenthalte in der Schweiz, dem damals noch österreichischen Mailand und in Südfrankreich, wo er in Bibliotheken und Archiven Material zu seinen Forschungen sammelte. 1855 wurde er schließlich vom französischen Unterrichtsministerium beauftragt wissenschaftliche Forschungen zu betreiben was ihn abermals nach Mailand, sowie nach Venedig, Turin und schließlich im folgenden Jahr nach Wien führte.[4] Er hatte den Auftrag das Verhältnis Frankreichs zu den italienischen Staaten im 15. Jahrhundert zu erforschen. Der Geschichtsforscher habilitiert sich als Dozent für historische Hilfswissenschaften am Institut für Österreichische Geschichtsforschung wo er das Wissen aus Mailand und Paris in seine Praktiken einfließen lassen konnte und dessen Leiter er 1873 werden sollte. Davor wurde er 1857 bereits zum außerordentlichen, und rund zehn Jahre später zum ordentlichen Professor für Geschichte und historische Hilfswissenschaften ernannte.[5] Er führt einen neuen Lehrplan im Institut ein[6] und widmet sich fast ausschließlich dem Studium der Urkunden. Seine Ergebnisse wurden teils selbstständig, teils im Rahmen gemeinsamer Publikationen veröffentlicht (siehe Werksverzeichnis). Sickel trug 1881 maßgeblich zur Öffnung des Vatikanischen Archivs[7] bei und stellte somit die Möglichkeit für österreichische Historiker her, wissenschaftliche Forschungen zu betreiben. Er übernahm die Leitung der Forschungsaktivität und gründete zwei Jahre darauf das Österreichische Historische Institut in Rom.[8] Um sich vollkommen dieser Aufgabe zu widmen, ließ er sich 1891 von seinen Pflichten in Wien entbinden[9] und verbrachte seine letzten Lebensjahre ab 1901 in Meran.

Leistungen

Sickel gilt als Begründer der modernen Urkundenkritik in Österreich, die mithilfe von Schrift- und Diktatvergleichen erfolgt. Außerdem legte er den Grundstein für die nach strengen methodischen Grundsätzen der historischen Hilfswissenschaften verfolgten Quellenforschung auf den Feldern der Paläografie, Diplomatik und Chronologie. Der als ausgezeichnete Lehrer bekannte Historiker setzte auch mit seinen Untersuchungen mittelalterlicher und neuzeitlicher Quellen editions-technisch neue Maßstäbe.[10] Er revolutionierte somit nicht nur den Ruf des Instituts Österreichischer Geschichtsforschung sondern auch die Ausbildung und beeinflusste zukünftige Archivare, Museumsfachleute und Historiker.[11] Laut Zeitgenossen soll er ein verlässlicher und zur Disziplin appellierender Lehrer gewesen sein, der zu Genauigkeit und Detailtreue mahnte. Außerdem hegte er eine Abneigung gegen alles nicht beweisbare, was auf seine deutsche Fachbildung und den dadurch erworbenen Expertenblick bezüglich Echtheit von Zertifikaten und dergleichen zurückzuführen ist.[12] Dieses innovative methodische Verständnis von Quellen und deren Behandlung war für die Universität Wien und die Wissenschaft im Generellen von überaus großer Bedeutung. Besonders hervorzuheben ist Sickels Beitrag zur Urkundenlehre der Karolinger sowie sein Werk „Monumenta graphica medii aevi“, welches er mithilfe des österreichischen Unterrichtsministeriums publizierte. Seine Erkenntnisse sollten auch für andere Disziplinen ausschlaggebend sein, so für die Kunstgeschichte, in welcher Kunsthistoriker wie Alois Riegel und Franz Wickhoff seine Theorien und Praktiken anwandten.[13] Ein aussagekräftiger Schritt, seine Arbeitsweise sowie Persönlichkeit gleichermaßen betreffend fand 1859 statt, als er sich der noch jungfräulichen Fotografie bediente.[14] Sickel wurde von Zeitgenossen als selbstdisziplinierter, organisierter und durchsetzungsfähiger Wissenschaftler mit einem herausragenden gesellschaftlichen Talent beschrieben. Ehrungen, Auszeichnungen sowie nationale und internationale Orden zeugen von Sickels Beitrag zur Forschung sowie die Mitgliedschaft im Schulvorstand der evangelischen Gemeinde von seinem gemeinschaftlichen Engagement. So wurden seine wissenschaftlichen Erkenntnisse seitens der kaiserlichen Regierung 1877 mit dem Hofratstitel geehrt. Sein breiter Fokus wurde außerdem durch die Mitgliedschaft zahlreicher Akademien der Wissenschaften, wie Wien, München, Göttingen, Berlin und dem Institut de France hervorgehoben.[15]

Werke (Auswahl)

  • Zur Geschichte des Konzils von Trient, Wien 1872.
  • Liber diurnus Romanorum pontificum, Wien 1889.
  • Das Privilegium Otto I. für die römische Kirche vom Jahre 962, Innsbruck 1883.
  • Die Lunarbuchstaben in den Kalendrien des Mittelalters, Wien 1862.
  • Das Lexicon Tironiaum der Göttweiger Stiftsbibliothek, Wien 1861.
  • Jeanne d´Arc, Wien 1860.

Literatur

  • "Wurzbach 1877": Constantin von Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Österreich, Band 34, Wien 1877.
  • "Stelzer 2005": Österreichisches Biographisches Lexikon 1815-1950, Band 12, Wien 2005.
  • "Stelzer 2010": Neue Deutsche Biographie, Berlin 2010.
  • "Ottenthal 1908": Emil von Ottenthal, Theodor von Sickel. In: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung. Band 29, Wien 1908.
  • "Tangl 1908": Michael Tangl, Theodor von Sickel. In: Neues Archiv der Gesellschaft für ältere deutsche Geschichtskunde. Band 33, Wien 1908.

Weblinks

  • Eintrag "Theodor von Sickel" im Austria Forum [1]
  • Eintrag "Theodor von Sickel" auf Wikipedia [2]
  • Eintrag "Theodor von Sickel" in Neue Deutsche Biographie [3]
  • Eintrag "Theodor von Sickel" in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften [4]
  • Österreichisches Institut für Geschichtsforschung [5]
  • Digitalisierte Version der Kaiserurkunden in der Bayrischen Staatsbibliothek [6]

Einzelnachweise

  1. Stelzer 2005, S. 223.
  2. Stelzer 2010, Neue Deutsche Biographie abgerufen am 5.11.2013.
  3. Stelzer 2005, S. 223.
  4. Stelzer 2005, S. 224.
  5. Biographisches Lexikon des Kaiserthums Österreich, abgerufen am 5.11.2013
  6. Stelzer 2010, Neue Deutsche Biographie 5. 11. 2013.
  7. Stelzer 2010, Neue Deutsche Biographie 5. 11. 2013.
  8. Stelzer 2005, S. 224.
  9. UAW, PH GZ 79, 11.10.1890, Supplierung der Lehrkanzel des Prof. Dr. Theodor v. Sockel durch Prof. Dr. Engelbert Mühlbacher
  10. Stelzer 2010, Neue Deutsche Biographie abgerufen am 5.11.2013.
  11. Stelzer 2005, S. 224.
  12. Biographisches Lexikon des Kaiserthums Österreich, abgerufen am 5.11.2013
  13. Stelzer 2010, Neue Deutsche Biographie abgerufen am 5.11.2013.
  14. Stelzer 2010, Neue Deutsche Biographie abgerufen am 5.11.2013.
  15. Biographisches Lexikon des Kaiserthums Österreich, abgerufen am 5.11.2013

redigiert von Carina Schaffer, 2014SS