Theodor Meynert

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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Baelz, Theodor Meynert, Lithographie, nach 1892.

Theodor Meynert (* 15. Juni 1833 in Dresden, † 31. Mai 1892 in Klosterneuburg) war deutsch-österreichischer Psychiater und Neurologe. Er befasste sich mit der Anatomie und Physiologie des zentralen Nervensystems und führte die anatomische Diagnostik im Bereich der Psychiatrie ein. Das Denkmal Theodor Meynert im Arkadenhof der Universität Wien wurde vom Bildhauer Theodor Khuen geschaffen.

Leben

Theodor Meynert wurde als Sohn des Schriftstellers Hermann Günther Meynert (*1808; † 1895) und dessen Frau Marie, geborene Emmering, in Dresden geboren. Da Meynerts Vater ab 1841 als Schriftsteller für die “Wiener Allgemeine Theaterzeitung” und den “Österreichischen Soldatenfreund” tätig war, übersiedelte die Familie nach Wien.[1]

In Wien besuchte Meynert das Piaristengymnasium und begann im Anschluss daran mit dem Medizinstudium. Schon während seiner Gymnasialzeit galt sein besonderes Interesse den Künsten, allen voran der Lyrik. Unter seinem Lehrer Johann Gabriel Seidl wurde er besonders gefördert. In seinen posthum veröffentlichten Gedichten wie auch wissenschaftlichen Publikationen ist deutlich der Hang zum Lyrischen erkennbar.[2] Als Meynert jedoch Johanna Fleischer, seine zukünftige Frau, kennenlernte, widmete er sich verstärkt seinem Studium und befasste sich mit der Herstellung histologischer Präparate. Sein besonderes Interesse galt fortan der Anatomie des Gehirns. Auch außerhalb der Universität befasste sich Meynert mit der systematischen Zerstückelung gehärteter Gehirne mithilfe von Rasierklingen.[3]

Durch seinen Schwager Gustav Scheuthauer (* 1832; † 1894), der als Assistent unter Carl von Rokitansky (* 1804; † 1878) tätig war, lernte Meynert den Pathologen kennen. Von Rokitansky gefördert, folgte 1861 die Promotion zum Dr.med. 1865 habilitierte er sich für das Fach “Bau und Funktion des Gehirns und Rückenmarks mit Beziehung auf deren Erkrankungen”. Carl von Rokitansky errichtete 1866 eigens für Meynert eine Prosektorenstelle an dem neuen Niederösterreichischen Landessanatorium. Im Jahr 1870 folgte die Ernennung zum außerordentlichen Professor der psychiatrischen Abteilung der Universität Wien. Noch im selben Jahr ernannte man Meynert zum Direktor der I. Psychiatrischen Klinik des Allgemeinen Krankenhauses in Wien, welches neu errichtet worden war. Diese Stelle hatte er bis zu seinem Tod inne. Zu seinem Nachfolger wurde Maximilian Leibesdorf (* 1818; † 1889) ernannt. Durch Rokitanskys Unterstützung wurde Meynert an das Landessanatorium in Zürich geholt. Als jedoch 1874 in Wien die II. Psychiatrische Klinik für ihn errichtet wurde, kehrte er wieder in seine Wahlheimat zurück.[4]

Theodor Meynert gilt als einer der bedeutendsten Neurologen seiner Zeit, dem es mithilfe hervorragender Wissenschaftler, unter ihnen Heinrich Obersteiner (* 1847; † 1922), Gabriel Anton (* 1858; †1933), Carl Mayer (* 1862; † 1936) und August Forel (*1848; † 1931) gelang, die österreichische Psychiatrie des 19. Jahrhunderts im Hinblick auf die Hirnforschung entscheidend zu prägen und zu verändern.[5]

Im 9. Wiener Gemeindebezirk benannte man im Jahr 1894 eine Gasse nach ihm, die sich direkt neben dem Allgemeinen Krankenhaus befindet.[6] Auch in Klosterneuburg, dem einstigen Wohnort des Neurologen, gibt es eine Meynertgasse. 1901 enthüllte man die von Theodor Khuen geschaffene Büste im Arkadenhof der Universität Wien welche vom k.k. Ministerium für Kultus und Unterricht gestiftet worden war.[7]

Privates

Theodor Meynert war mit Johanna Fleischer (* 1837; † 1879) in erster Ehe verheiratet. Aus dieser Verbindung gingen drei Kinder hervor: Karl, Theodora Maria Johanna und Johanna. 1879 jedoch verstarb seine Frau an einem Lungenleiden. 5 Jahre später, 1884, erlag auch Meynerts Sohn Karl einer Lungenkrankheit. Diese beiden Schicksalsschläge hat der Neurologe wohl nie verkraftet. Trotzdem heiratete er 1882 Natalia Magdalena Freiin von Grimschitz, die er während einer psychiatrischen Behandlung ihres Mannes kennengelernt hatte. Die Ehe zwischen Meynert und Natalia dürfte sehr harmonisch gewesen sein, auch Dora Stockert-Meynert (* 1870; † 1947), eine Tochter des Neurologen und bekannte Dichterin, verehrte ihre Stiefmutter. Leider war das Glück der beiden Eheleute nur kurz, denn Theodor Meynert verstarb am 31. Mai 1892 an Herzversagen.[8]

Schaffen

Besondere Bedeutung erlangte Theodor Meynert durch seine umfangreichen Forschungen zu Bau, Struktur und Funktion des Gehirns und wurde somit zum Begründer der Zytoarchitektonik der Hirnrinde. Seine Forschungsarbeit wurde in späterer Zeit von Constantin von Economo weiterentwickelt, der ihm auch sein bahnbrechendes Werk “Die Zytoarchitektonik der Großhirnrinde des erwachsenen Menschen” (1929) widmete.[9]

Meynert begründete die Strukturlehre der Großhirnrinde, indem er die verschiedenen Hirnrindenregionen nachwies und bis zu diesem Zeitpunkt unbekannte Zelltypen festlegte.[10] Er sah die pathologische Anatomie des Gehirns als die Grundlage der Psychiatrie und infolge auch der Behandlung der Geisteskrankheiten an.

Doch für seine herausragenden Leistungen erntete Meynert anfangs starke Kritik. Man war der Meinung, dass ein pathologischer Anatom, der Gehirnforschung betrieb, kein richtiger Psychiater sei. Meynert hingegen hatte bereits international großes Ansehen aufgrund seiner wissenschaftlichen Leistungen genossen, sodass diese Kritik seinem Erfolg keinen Abbruch tat.[11] In weiterer Folge entwickelte Meynert eine Gesamtübersicht über alle vorhandenen Fasersysteme des Gehirns und konnte erfolgreich nachweisen, dass der Nucleus basalis Ausgangsort der cholinergen Innervation ist.[12]

In Bezug auf das Fasersystem des Hirns gelang Meynert eine Unterscheidung in Projektions- und Assoziationsfasern. Je höher der Anteil an Assoziationsfasern im gesamten Fasersystem war, umso größer war die Wahrscheinlichkeit, einen Fortschritt in der gesamten Spezies Mensch beobachten zu können. Theodor Meynert vertrat die Meinung, dass alle menschlichen Verhaltensweisen auf anatomische und physiologische Abläufe zurückzuführen waren. Somit versuchte er, die Psychiatrie als naturwissenschaftliches Fach zu etablieren und ihr den Charakter des Spekulativen und Romantischen zu nehmen, von dem sie im 19. Jahrhundert stark geprägt war.[13]

Eponyme

Nach Theodor Meynert wurden aufgrund seiner wissenschaftlichen Leistungen Strukturen des menschlichen Gehirns benannt.

  • Meynert-Bündel (Fasciculus retroreflexus): Faserzug, der vom grauen Nervenkern zu einer Nervenzellanhäufung des Mittelhirns verläuft.
  • Meynert-Basalkern (Nucleus basalis): Ansammlung von Nervenzellen in einem Teil des basalen Vorderhirns.
  • Meynert-Haubenkreuzung (Decussatio degmentalis): Die dorsal in der Mittellinie der Mittelhirnhaube kreuzenden Fasern des Tractus tectospinalis.
  • Meynert-Schicht: Zellschicht in der Sehrinde der Großhirnfurche des medianen Okzipitallappens.
  • Meynert-Achse: Vertikale Achse durch den Hirnstamm.

Schriften

  • Der Bau der Großhirnrinde und seine örtlichen Verschiedenheiten nebst einem pathologisch-anatomischen Corollarium, 1868.
  • Zur Mechanik des Gehirnbaus, 1874.
  • Skizzen über Umfang und wissenschaftliche Anordnung der klinischen Psychiater, 1876.
  • Über Fortschritte im Verständnis der krankhaften psychiatrischen Gehirnzustände, 1878.
  • Psychiatrie. Klinik der Erkrankungen des Vorderhirns begründet auf dessen Bau , Leistungen und Ernährung, 1884.
  • Klinisches Vorlesungen über Psychiatrie auf wissenschaftlichen Grundlagen, für Studierende und Ärzte, Juristen und Psychologen, 1890.
  • Sammlung von populär-wissenschaftlichen Vorträgen über den Bau und die Leistungen des Gehirns, 1892.

Einzelnachweise

  1. Austria-Forum.
  2. Skopec 1994, S. 400-401.
  3. Regal 2004.
  4. Huber 2010, S. 300.
  5. Huber 2010, S. 300.
  6. Czeike 1995, S. 255.
  7. Maisel 2007, S. 85.
  8. Bedeutende Klosterneuburger.
  9. Regal 2004.
  10. Roth 1974, S. 256.
  11. Austria-Forum.
  12. Tragl 2007, S. 80.
  13. Regal 2004.

Literatur

  • Czeike 1995: Felix Czeike, Historisches Lexikon Wien, Band 4, Wien 1995.
  • Huber 2010: Heinz Huber, Geschichte der medizinischen Fakultät Innsbruck und der medizinisch-chirurgischen Studienanstalt (1673-1938), Wien 2010.
  • Johnston 2006: William M. Johnston, Österreichische Kultur- und Geistesgeschichte: Gesellschaft und Ideen im Donauraum 1848 bis 1938, Wien (u.a.) 2006, 4. Auflage.
  • Kiefer 1996: Mathias Kiefer, Die Entwicklung des Seelenbegriffs in der deutschen Psychiatrie ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter dem Einfluss zeitgenössischer Philosophie, Essen 1996.
  • Maisel 2007: Thomas Maisel, Gelehrte in Stein und Bronze. Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien, Wien 2007.
  • Regal 2004: Wolfgang Regal (u.a.), Der Mann, der das Gehirn beseelte (Altes Medizinisches Wien 91), in: Ärzte Woche, Ausgabe 39, Wien 2004.
  • Roth 1975: Gerhard Roth, Meynert Theodor, in: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815-1950, Band 6, Wien (u.a.) 1975, S. 255-256.
  • Schulz 1977: Friedrich Schulz, Prof. Dr. Th. Meynert. Seine gehirnanatomischen und psychiatrischen Arbeiten 1863-1892, Wien 1977.
  • Skopec 1994: Manfred Skopec, Meynert, Theodor, in: Neue Deutsche Biographie, Band 17, Berlin 1994, S. 400-401
  • Meynert 1950: Dora Stockert-Meynert, Theodor Meynert und seine Zeit. Zur Geistesgeschichte Österreiches in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Wien 1950
  • Tragl 2007: Karl Heinz Tragl, Chronik der Wiener Krankenanstalten, Wien (u.a.) 2007.

Weblinks

Darstellungen


Carola Auer, 2013, redigiert von Carina Schaffer, 2014SS