Theodor Billroth

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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Theodor Billroth um 1887

Christian Albert Theodor Billroth (* 26.April 1829 Bergen auf Rügen; † 6.Februar 1894 Abbazia, Istrien), war einer der bedeutendsten Chirurgen des 19.Jahrhunderts und Vertreter der Wiener Medizinischen Schule. Er vollbrachte vor allem auf dem Gebiet der Kehlkopf- und Abdominalchirurgie Pionierleistungen und gilt als der Begründer der wissenschaftlichen Chirurgie. Das Denkmal Theodor Billroth von Kaspar Clemens Eduard Zumbusch im Arkadenhof der Universität Wien wurde 1897 enthüllt.

Leben

Billroth wurde als Sohn eines Pastors auf Rügen geboren und absolvierte in Greifswald mit Mühen seine Schulzeit und bis 1849 die ersten Jahre seines Medizin-Studiums, welches er anfangs wegen seiner Liebe zur Musik noch vernachlässigte. In weiterer Folge studierte er in Göttingen und Berlin unter anderem bei dem Neurologen Moritz Heinrich Romberg, bei dem Anatomen Johannes Peter Müller und dem Pathologen Ludwig Traube. 1852 promovierte er in Berlin und besuchte anschließend Vorlesungen von Ferdinand von Hebra, Richard Heschl und Johann von Oppolzer an der Universität in Wien. Über Paris, wo er die Bekanntschaft mit Franz von Pitha, dem späteren Chirurgen am Josephinum machte, kehrte er 1853 nach Berlin zurück. 1856 habilitierte er bei Langenbeck für Chirurgie und pathologische Anatomie. 1872 war er Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie und 1881 Mitbegründer der Wiener Freiwilligen Rettungsgesellschaft nach dem Ringtheaterbrand. Seit 1874 war er Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien. 1883 wurde er zum Mitglied der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften und 1888 zum Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina gewählt. Er war ab 1887 Mitglied des Herrenhauses und Träger des zivilen Leopold-Ordens. Auf Billroths Initiative wurde 1893 der Bau des Hauses für die Gesellschaft der Ärzte in Wien begonnen, ab 1888 war er Präsident dieser Gesellschaft.

Billroth war zudem ein ausgezeichneter Pianist und Violinist. In Wien trat er bereits anlässlich seines ersten Aufenthaltes 1852 dem Akademischen Gesangsverein bei und er war eng mit Johannes Brahms und Eduard Hanslick befreundet. Unter anderem aufgrund seiner Musikliebe lehnte er eine zweimalige Berufung nach Berlin ab.

1858 schloss er die Ehe mit Christine Michaelis, einer Tochter des Berliner Hofmedikus Edgar Michaelis. Das Paar hatte vier Kinder.

Billroth starb im Alter von 65 Jahren an Herzversagen in Abbazia und wurde in einem Ehrengrab auf dem Wiener Zentralfriedhof (Gruppe 14A, Nummer 7) bestattet.

Billroths Name ist auch lange nach seinem Tod in zahlreichen Institutionen präsent. So schreibt zum Beispiel die Österreichische Gesellschaft für Chirurgie alljährlich den mit derzeit € 6.000,-- dotierten Theodor-Billroth-Preis für die beste wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiet der klinischen und experimentellen Chirurgie und deren Grenzbereiche aus;[1] die Ärztekammer für Wien verleiht den mit € 7.500,-- dotierten Billroth-Preis für wissenschaftliche Arbeiten; das von ihm initiierte Gebäude der Gesellschaft der Ärzte in Wien heißt auf Betreiben seines Schülers Anton von Eiselsberg „Billrothhaus“; diese Gesellschaft verleiht auch die Billroth-Medaille an namhafte Mediziner.[2] In Indien bestehen seit 1990 die Billroth-Hospitals [3] und sowohl in Österreich als auch in Deutschland wurden Schulen nach Billroth benannt. Sein Porträt erschien auf dem Doppelschilling von 1929 sowie auf zahlreichen Briefmarken. Billroths Geburtshaus in Bergen auf Rügen wurde 1998 von der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie gekauft, heute befindet sich hier unter anderem eine wissenschaftliche Bibliothek.

Schaffen

Stammbaum der Billroth-Schule, © Institut für Geschichte der Medizin

1853 bis 1860 arbeitete Billroth an der Charité in Berlin, anfangs als Assistent von Bernhard von Langenbeck, der ihn mit der plastischen Chirurgie und der Konstruktion chirurgischer Instrumente vertraut machte. Er nahm die Stelle als Langenbecks Nachfolger trotz eines Angebotes nach dessen Tod 1887 nicht an, ebenso lehnte er Positionen in Greifswald, Rostock und Heidelberg ab. 1860 übernahm er einen Lehrstuhl an der chirurgischen Klinik in Zürich, während seines dortigen Aufenthaltes verfasste er zahlreiche seiner pathologisch-anatomischen Schriften. In seinem 1863 verfassten Werk „Die allgemeine chirurgische Pathologie und Therapie in 50 Vorlesungen“ entwickelte Billroth die wissenschaftliche Chirurgie durch eine Synthese von Klinik und pathologischer Anatomie und Histologie. Dieses Standardwerk erschien bis 1906 (bearbeitet von Alexander Winiwarter) in sechzehn Auflagen und zahlreichen Übersetzungen.[4]

In seinen klinischen Berichten beschrieb er nicht nur die kurzfristigen Leistungen und Erfolge seiner Operationen, sondern kontrollierte deren Tauglichkeit und ihre Spätfolgen anhand von statistischen Auflistungen und listete deren Endergebnisse schonungslos auf. Intensiv untersuchte er die Ursachen fiebererzeugender Erkrankungen nach Operationen. Seine diesbezüglichen Untersuchungen schrieb er in seinem in Wien entstandenen Werk „Coccobacteria septica“ nieder. Das Werk war zwar bald überholt, galt aber dennoch als ein Grundpfeiler der Bakteriologie.

1867 war Billroth bereits als bedeutender Chirurg bekannt, als die medizinische Fakultät Wiens unter der Initiative von Arlt, Brücke, Hebra und Rokitansky ihn als Nachfolger von Franz Schuh für die 2. chirurgische Lehrkanzel wünschte: "jenen Professor der Chirurgie zu wählen, von welchem die größte Förderung der Wissenschaft zu erwarten steht ..., der als Lehrer, Operateur und Schriftsteller durch besondere Genialität sich schon ausgezeichnet hat, ... der erwarten lässt, die modernste Richtung der Chirurgie zu vertreten, ...der geeignet ist, eine chirurgische Schule hier zu gründen, welche der Universität zum Ruhme und dem Lande zum größten Nutzen gereichen soll.".[5] Dieser Klinik stand er bis zu seinem Tod vor.

Während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 wirkte er vorwiegend als Chirurg in den Lazaretten von Weißenburg und Mannheim. Gemeinsam mit dem, ihm freundschaftlich verbundenen, Kollegen Jaromir von Mundy verbesserte er den Transport der Verletzten. In Wien wirkte er als Arzt im Allgemeinen Krankenhaus sowie als Professor und Forscher an der Universität und wurde zu einem der herausragendsten Vertreter der Wiener Medizinischen Schule. Zu seinen Schülern zählten unter anderem Anton von Eiselsberg, Robert Gersuny, Viktor von Hacker, Carl Gussenbauer, Julius von Hochegg, Alexander von Winiwarter und Anton Wölfler. 1876 verfasste er seine kritische Studie „Über das Lehren und Lernen der medicinischen Wissenschaften“. Zu Konflikten kam es in Wien mit dem Vertreter der konservativen Richtung, Johann Dumreicher, dem Vorstand der ersten chirurgischen Klinik, der als Vertreter des traditionellen, josephinischen Gedankengutes galt.

Billroth, der zahlreiche neue chirurgische Eingriffe entwickelte oder bestehende Operationsmethoden weiter entwickelte, wurde bereits von seinen Zeitgenossen als „kühnster Chirurg“ seiner Zeit bezeichnet.[6] Seine Erfolge als Chirurg resultierten unter anderem auch in der konsequenten Durchführung der Wunddesinfektion bei Operationen, die ihm die Behandlung zahlreicher Krankheiten ermöglichte. Seine bedeutendsten Leistungen liegen in den Eingriffen im Magen-Darmtrakt und darin, ihre Technik schulmäßig entwickelt zu haben.[7] 1871 führte er die erste Ösophagektomie (Entfernung der Speiseröhre) durch, am 3.Dezember 1873 die erste Laryngektomie (Entfernung des Kehlkopfes) und schließlich am 29.Januar 1881 die erste erfolgreiche Magenresektion an einer Magenkrebspatientin. Diese Operation gilt als erste der modernen Abdominalchirurgie. Die von ihm entwickelten Operationsmethoden des Magen-Darmtraktes werden als Billroth I und Billroth II bezeichnet. Billroth führte zudem die Mischnarkose, bestehend aus Äther und Chloroform, sowie den wasserdichten Verbandstoff „Billroth-Batist“ ein.

1882 gründete er gemeinsam mit Jaromir von Mundy und Hans Graf Wilczek unter dem Protektorat von Kronprinz Rudolf das Rudolfinerhaus in Wien, das neben einem Spital eine Ausbildungsstätte für zivile Krankenschwestern beinhaltete. Billroth unterstützte diese Bemühungen durch ein von ihm 1881 verfasstes Lehrbuch über Krankenpflege.[8] "Es ist der größte Erfolg meiner Persönlichkeit, den ich bisher in der Welt errungen habe" sagte Billroth, als er 250.000 Gulden für den Bau des Rudolfinerhauses erbettelt hatte.[9]

Sonstiges

Das letzte von Billroth verwendete chirurgische Messer befindet sich heute im Rudolfinerhaus. Es wurde vom Instrumentenmacher Reiner hergestellt und es handelt sich um ein Skalpell in der Gesamtlänge von 15,2 cm, wobei die Länge des schneidenden Teils 4,2 cm lang ist.[10]

Schriften

In Auswahl:

  • De natura et causa pulmonum affectionis quae nervo vago utroque vago dissecto exoritur. Dissertation, Berlin 1852.
  • Untersuchungen über die Entwicklung der Blutgefässe, nebst Beobachtungen aus der königlichen chirurgischen Universitäts-Klinik zu Berlin. Habilitation, Berlin 1856.
  • Untersuchungen über die Vegetationsformen von Coccobacteria septica und den Antheil, welchen sie an der Entstehung und Verbreitung der accidentellen Wundkrankheiten haben, Wien 1874.
  • Historische und kritische Studien über den Transport der im Felde Verwundeten und Kranken auf Eisenbahnen. Wien, 1874.
  • Über das Lehren und Lernen der medizinischen Wissenschaften an den Universitäten der deutschen Nation, nebst allgemeinen Bemerkungen über Universitäten, Wien 1876.
  • Autobiographie bis 1880, Wien 1880.
  • Die Krankenpflege im Hause und im Hospitale. Ein Handbuch für Familien und Krankenpflegerinnen, Wien 1881.
  • Zur Resection des carcinomatösen Magens, in: Wiener Medizinische Wochenschrift, 1881, Nr. 22.

Einzelnachweise

  1. Österreichische Gesellschaft für Chirurgie, Billroth-Preis. [1]
  2. Gesellschaft der Ärzte in Wien, Billrothhaus. [2]
  3. http://billrothhospitals.com/profile.asp
  4. Czeike 2004, S. 382.
  5. Lesky 1965, S. 435.
  6. Medizinische Universität Wien, Historische Meilensteine. [3]
  7. Schönbauer 1955, S. 239.
  8. Czeike 2004, 5, S. 7.
  9. Lesky 1981, 5, S. 105.
  10. Historisches Museum 1994, S. 47.

Literatur

  • Czeike 2004: Felix Czeike (Hg.), Historisches Lexikon Wien, 1, 5, Wien 2004.
  • Genschorek 1982: Wolfgang Genschorek, Wegbereiter der Chirurgie: Johann Friedrich Dieffenbach, Theodor Billroth, Leipzig 1982.
  • Historisches Museum 1994: Kultobjekte der Erinnerung. 185. Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien (heute Wien Museum), 1994.
  • Kern 1993: Ernst Kern, Theodor Billroth 1829–1894. Biographie anhand von Selbstzeugnissen, München/ Wien 1993.
  • Lesky 1965: Erna Lesky, Die Wiener Medizinische Schule im 19. Jahrhundert, Graz 1965.
  • Lesky 1981: Erna Lesky, Meilensteine der Wiener Medizin. Große Ärzte Österreichs in drei Jahrhunderten, Wien 1981.
  • Maisel 2007: Thomas Maisel, Gelehrte in Stein und Bronze. Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien, Wien 2007.
  • Nagel/ Schober/ Weiß 1994: Martin Nagel/ Karl-Ludwig Schober / Günther Weiß, Theodor Billroth. Chirurg und Musiker, Regensburg 1994.
  • Pagel 1901: Pagel, Biographisches Lexikon hervorragender Ärzte des neunzehnten Jahrhunderts, Berlin/ Wien 1901, Sp. 174-177.
  • Schönbauer 1955: Leopold Schönbauer, Billroth, in: Neue Deutsche Biographie, Berlin 1955, S. 239. (Digitalisiert).[4]
  • Wyklisky 1993: Helmut Wyklicky, Unbekanntes von Theodor Billroth. Eine Dokumentation in Fragmenten, Wien 1993.

Weblinks

  • Österreichische Gesellschaft für Chirurgie, Billroth-Preis. [5]
  • Gesellschaft der Ärzte in Wien, Billrothhaus. [6]
  • Billroth-Hospitals [7]
  • Medizinische Universität Wien, Historische Meilensteine. [8]
  • Billroth I [9] und Billroth II [10]
  • Magenresektion [11]

Darstellungen

  • Ölgemälde von Ismaél Gentz im Langenbeck-Virchow-Haus in Berlin: Darstellung der Gründung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, u.a. Billroth und Langenbeck.

Gabriele Böhm-Nevole, SoSe 2013, redigiert von Carina Schaffer, 2014SS