Siegfriedskopf: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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(Entstehungsgeschichte)
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Das von Beginn an "Siegfriedskopf" genannte Denkmal spielt auf den Brudermord des Nibelungenstoffes und die "Dolchstoßlegende" an und lässt sich in die Tradition so genannter Langemarck-Denkmäler stellen, die den Heldentod der deutschen Jugend glorifizieren und nicht nur für die Nationalsozialisten als Symbol für den kämpfenden Studenten standen. Das Denkmal wurde unter Rektor Carl Diener, Professor für Geologie und Paläontologie an der Universität Wien, errichtet, der den "Abbau der Ostjuden" forderte und überzeugt war, dass die DSt die "fortschreitende Levantisierung Wiens" aufhalten könne.
 
Das von Beginn an "Siegfriedskopf" genannte Denkmal spielt auf den Brudermord des Nibelungenstoffes und die "Dolchstoßlegende" an und lässt sich in die Tradition so genannter Langemarck-Denkmäler stellen, die den Heldentod der deutschen Jugend glorifizieren und nicht nur für die Nationalsozialisten als Symbol für den kämpfenden Studenten standen. Das Denkmal wurde unter Rektor Carl Diener, Professor für Geologie und Paläontologie an der Universität Wien, errichtet, der den "Abbau der Ostjuden" forderte und überzeugt war, dass die DSt die "fortschreitende Levantisierung Wiens" aufhalten könne.
 
   
 
   
 
 
'''1938-1945 | Die Universität Wien während des Nationalsozialismus'''
 
'''1938-1945 | Die Universität Wien während des Nationalsozialismus'''
 
[[Bild:posch2.jpg|thumb|[[Siegfriedskopf]], "Langemarck"-Feier des NS-Studentbundes am 11. November 1938, Studentenführer Müller bei seiner Rede neben dem "Siegfriedskopf", Quelle: Bildarchiv Zeitgeschichte]]
 
[[Bild:posch2.jpg|thumb|[[Siegfriedskopf]], "Langemarck"-Feier des NS-Studentbundes am 11. November 1938, Studentenführer Müller bei seiner Rede neben dem "Siegfriedskopf", Quelle: Bildarchiv Zeitgeschichte]]
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Im Zuge des Umbaus und der Sanierung von Aula, Seitenaulen und Arkadenhof der Universität Wien wurde der „Siegfriedskopf“ von der Aula in den Arkadenhof verlegt. Die sich über mehrere Dekaden hinziehende Kontroverse um das Gefallenendenkmal waren Anlass, den „Siegfriedskopf“ durch ein Kunstprojekt in einen neuen Kontext zu stellen. Mit der künstlerischen Konzeption und technischen Ausführung wurden wir, Bele Marx & Gilles Mussard (Atelier Photoglas) beauftragt. Der neue Kontext des Gefallenendenkmals wurde mit Roger Baumeister, dem Architekten der Universitäts- Neugestaltung, sowie dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien unter Leitung von Univ.Prof.Dr.Mag. Friedrich Stadler zusammen mit Mag. Mario Wimmer erarbeitet.
 
Im Zuge des Umbaus und der Sanierung von Aula, Seitenaulen und Arkadenhof der Universität Wien wurde der „Siegfriedskopf“ von der Aula in den Arkadenhof verlegt. Die sich über mehrere Dekaden hinziehende Kontroverse um das Gefallenendenkmal waren Anlass, den „Siegfriedskopf“ durch ein Kunstprojekt in einen neuen Kontext zu stellen. Mit der künstlerischen Konzeption und technischen Ausführung wurden wir, Bele Marx & Gilles Mussard (Atelier Photoglas) beauftragt. Der neue Kontext des Gefallenendenkmals wurde mit Roger Baumeister, dem Architekten der Universitäts- Neugestaltung, sowie dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien unter Leitung von Univ.Prof.Dr.Mag. Friedrich Stadler zusammen mit Mag. Mario Wimmer erarbeitet.
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In der Neu-Disposition und der parallel dazu verlaufenden künstlerischen Auseinandersetzung mit dem „Siegfriedskopf“ wurde die Grundstimmung der Zwischenkriegszeit an der Universität Wien und der Diskurs um das Denkmal, vorwiegend in den letzten Dekaden des vorigen Jahrhunderts, nachgezeichnet. Im Zusammenhang mit der architektonischen Neugestaltung wurde entschieden den „Siegfriedskopf“ von seinem ursprünglichen Standort in der Hauptachse der Aula des Gesamtgebäudes der Universität zu entfernen und ihn im westlichen Teil des Arkadenhofes in einer neuen Weise zu positionieren.
 
In der Neu-Disposition und der parallel dazu verlaufenden künstlerischen Auseinandersetzung mit dem „Siegfriedskopf“ wurde die Grundstimmung der Zwischenkriegszeit an der Universität Wien und der Diskurs um das Denkmal, vorwiegend in den letzten Dekaden des vorigen Jahrhunderts, nachgezeichnet. Im Zusammenhang mit der architektonischen Neugestaltung wurde entschieden den „Siegfriedskopf“ von seinem ursprünglichen Standort in der Hauptachse der Aula des Gesamtgebäudes der Universität zu entfernen und ihn im westlichen Teil des Arkadenhofes in einer neuen Weise zu positionieren.
 
Die vom Bundesdenkmalamt geforderte Witterungshülle aus Glas unterstützte die Idee, die Hülle gleichzeitig als Träger von Textbeiträgen und Fotografien aus Tageszeitungen von 1923 (dem Jahr, in dem der Siegfriedskopf aufgestellt wurde) bis heute einzusetzen. Aufbauend auf diesen Vorgaben der Architekten begann die künstlerische Intervention. Das Objekt besteht nunmehr aus mehreren Glasebenen und Einheiten. Der äußere Kubus ist Träger eines zeitgeschichtlichen Textes von Minna Lachs, sie beschreibt darin exemplarisch eine Situation antisemitischer Übergriffe in den 20er Jahren. Im inneren Teil des Glaskubus befinden sich weitere Glasflächen mit Texten und Fotografien aus Publikationen. Über eine neben der Skulptur stehende Informationsstation werden ergänzend, am Beispiel von vier Zeitschichten - 1914-1923, 1938-1945, 1965-1968, 1990 bis zur Gegenwart – unterschiedliche Reaktionen sichtbar gemacht, für die das Denkmal stand und steht. Die Texte wurden unter wissenschaftlicher universitärer Beratung von uns ausgewählt und liefern einen Beitrag zu den historischen Hintergründen und den vielschichtigen Vorgängen um das Denkmal. Subsumierend betrachtet stellen sie einen Teil der Dokumentation über die Geschichte des Denkmals dar.
 
Die vom Bundesdenkmalamt geforderte Witterungshülle aus Glas unterstützte die Idee, die Hülle gleichzeitig als Träger von Textbeiträgen und Fotografien aus Tageszeitungen von 1923 (dem Jahr, in dem der Siegfriedskopf aufgestellt wurde) bis heute einzusetzen. Aufbauend auf diesen Vorgaben der Architekten begann die künstlerische Intervention. Das Objekt besteht nunmehr aus mehreren Glasebenen und Einheiten. Der äußere Kubus ist Träger eines zeitgeschichtlichen Textes von Minna Lachs, sie beschreibt darin exemplarisch eine Situation antisemitischer Übergriffe in den 20er Jahren. Im inneren Teil des Glaskubus befinden sich weitere Glasflächen mit Texten und Fotografien aus Publikationen. Über eine neben der Skulptur stehende Informationsstation werden ergänzend, am Beispiel von vier Zeitschichten - 1914-1923, 1938-1945, 1965-1968, 1990 bis zur Gegenwart – unterschiedliche Reaktionen sichtbar gemacht, für die das Denkmal stand und steht. Die Texte wurden unter wissenschaftlicher universitärer Beratung von uns ausgewählt und liefern einen Beitrag zu den historischen Hintergründen und den vielschichtigen Vorgängen um das Denkmal. Subsumierend betrachtet stellen sie einen Teil der Dokumentation über die Geschichte des Denkmals dar.
 
Für uns steht im künstlerischen Zentrum dieser Arbeit die Schrift. Sie ist Zeugnis historischer sowie kultureller Vergangenheit und Gegenwart. Es ist die Schrift, mit der Geschichte geschrieben und Geschichte dokumentiert wird. Und es sind wiederum Schriften, die in diktatorisch geführten Regimes der Zensur, der Verbrennung und Vernichtung anheim fallen. Um die Schrift als aktives Element einbeziehen zu können, galt es eine Darstellungsform zu finden, die sie als Teil eines sich stets verändernden Prozesses sieht. Die ausgewählten Texte wurden gescannt, aufbereitet, auf einem transparenten Film, gleich einem Diapositiv, ausbelichtet und zwischen Glasschichten eingebettet. Das Verfahren – genannt Photoglas – wurde ab 1997 von uns in Kooperation mit Partnern entwickelt und in Folge patentiert. Der Begriff Photoglas steht sowohl für das Atelier Photoglas (künstlerische Konzeption, Planung und technische Durchführung von Projekten) als auch für die Technologie Photoglas, die es ermöglicht großformatige Diapositive in Glasschichten dauerhaft einzuarbeiten.
 
Für uns steht im künstlerischen Zentrum dieser Arbeit die Schrift. Sie ist Zeugnis historischer sowie kultureller Vergangenheit und Gegenwart. Es ist die Schrift, mit der Geschichte geschrieben und Geschichte dokumentiert wird. Und es sind wiederum Schriften, die in diktatorisch geführten Regimes der Zensur, der Verbrennung und Vernichtung anheim fallen. Um die Schrift als aktives Element einbeziehen zu können, galt es eine Darstellungsform zu finden, die sie als Teil eines sich stets verändernden Prozesses sieht. Die ausgewählten Texte wurden gescannt, aufbereitet, auf einem transparenten Film, gleich einem Diapositiv, ausbelichtet und zwischen Glasschichten eingebettet. Das Verfahren – genannt Photoglas – wurde ab 1997 von uns in Kooperation mit Partnern entwickelt und in Folge patentiert. Der Begriff Photoglas steht sowohl für das Atelier Photoglas (künstlerische Konzeption, Planung und technische Durchführung von Projekten) als auch für die Technologie Photoglas, die es ermöglicht großformatige Diapositive in Glasschichten dauerhaft einzuarbeiten.
 
Naturlicht, Wetterverhältnisse und mögliche gewaltsame Eingriffe von Außen sind wesentlicher Bestandteil der Schriftskulptur. Durch Sonnenlicht wird gleichsam ein Schatten der Schrift auf das Objekt projiziert, der die unterschiedliche Lesbarkeit des Gesamtobjekts hervorruft. Der Lauf der Sonne ist Teil des Konzepts. Er versetzt die Skulptur in einen permanenten Wandel von Licht und Schatten und die Textpassagen in einen abwechselnd aktiven und passiven Zustand. Über die drei Glas-Bügel legt sich - einer Matrize gleich - eine zweite Glasschicht. Die Oberfläche gibt, wie erwähnt, die autobiografische Erinnerung der Zeitzeugin Minna Lachs wieder, wobei Zeile für Zeile wie eine Zikkurat um den Glaskörper läuft, den man umgehen muss, um den Text vollständig lesen zu können. Auch die äußere „Glasschicht“ arbeitet mit Naturlicht, den Wetterverhältnissen und allen möglichen äußeren Umständen und Eingriffen. Im Laufe der Zeit wird die Schrift durch die Verwitterung noch deutlicher und dominanter werden. Je nach Wetterlage ist sie unterschiedlich sichtbar, wobei sich die sandgestrahlte Schrift beispielsweise bei Regen mit Wasser füllt, sodass sie auf der Gesamtoberfläche des Glasobjektes beinahe verschwindet, bei Sonneneinstrahlung hingegen entstehen Schattenbilder bzw. Projektionen, die zusätzliche Ebenen erzeugen.
 
Naturlicht, Wetterverhältnisse und mögliche gewaltsame Eingriffe von Außen sind wesentlicher Bestandteil der Schriftskulptur. Durch Sonnenlicht wird gleichsam ein Schatten der Schrift auf das Objekt projiziert, der die unterschiedliche Lesbarkeit des Gesamtobjekts hervorruft. Der Lauf der Sonne ist Teil des Konzepts. Er versetzt die Skulptur in einen permanenten Wandel von Licht und Schatten und die Textpassagen in einen abwechselnd aktiven und passiven Zustand. Über die drei Glas-Bügel legt sich - einer Matrize gleich - eine zweite Glasschicht. Die Oberfläche gibt, wie erwähnt, die autobiografische Erinnerung der Zeitzeugin Minna Lachs wieder, wobei Zeile für Zeile wie eine Zikkurat um den Glaskörper läuft, den man umgehen muss, um den Text vollständig lesen zu können. Auch die äußere „Glasschicht“ arbeitet mit Naturlicht, den Wetterverhältnissen und allen möglichen äußeren Umständen und Eingriffen. Im Laufe der Zeit wird die Schrift durch die Verwitterung noch deutlicher und dominanter werden. Je nach Wetterlage ist sie unterschiedlich sichtbar, wobei sich die sandgestrahlte Schrift beispielsweise bei Regen mit Wasser füllt, sodass sie auf der Gesamtoberfläche des Glasobjektes beinahe verschwindet, bei Sonneneinstrahlung hingegen entstehen Schattenbilder bzw. Projektionen, die zusätzliche Ebenen erzeugen.
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Das ursprüngliche Denkmal wurde in seine skulpturalen Bestandteile: Plinthe, Sockel und Kopf zerlegt und die isolierten Einzelteile einem jeweiligen „Glasraum“ zugeordnet. Die Fragmentierung des Objekts kommt auf metaphorischer Ebene einer Archäologisierung des Denkmals gleich. Neben der räumlichen Entrückung wird gleichsam die zeitliche Distanznahme angesprochen, die mit der künstlerischen Auseinandersetzung einen neuen Zugang in der Gegenwart schafft. Sowohl die passive als auch die aktive Rezeption des Betrachters ist als Teil der öffentlichen Auseinandersetzung miteinbezogen. Da die Skulptur sich laufend mit den gegebenen Wetterverhältnissen verändert, ist sie in einem passiven Stillstand, besitzt aber gleichzeitig die Stärke „aktiv“ zu reagieren. Je stärker eine mögliche Einwirkung von außen stattfindet, desto deutlicher tritt die Erzählung der obersten Glasschicht in den Vordergrund und wird umso sichtbarer.
 
Das ursprüngliche Denkmal wurde in seine skulpturalen Bestandteile: Plinthe, Sockel und Kopf zerlegt und die isolierten Einzelteile einem jeweiligen „Glasraum“ zugeordnet. Die Fragmentierung des Objekts kommt auf metaphorischer Ebene einer Archäologisierung des Denkmals gleich. Neben der räumlichen Entrückung wird gleichsam die zeitliche Distanznahme angesprochen, die mit der künstlerischen Auseinandersetzung einen neuen Zugang in der Gegenwart schafft. Sowohl die passive als auch die aktive Rezeption des Betrachters ist als Teil der öffentlichen Auseinandersetzung miteinbezogen. Da die Skulptur sich laufend mit den gegebenen Wetterverhältnissen verändert, ist sie in einem passiven Stillstand, besitzt aber gleichzeitig die Stärke „aktiv“ zu reagieren. Je stärker eine mögliche Einwirkung von außen stattfindet, desto deutlicher tritt die Erzählung der obersten Glasschicht in den Vordergrund und wird umso sichtbarer.
 
Die Neupositionierung war architektonisch notwendig, und es war politisch sinnvoll den Senatsbeschluss aus den 90er Jahren, den Siegfriedskopf zu verlegen, endlich zu realisieren. So wurde aus der Universitätsaula ein Objekt entfernt, das seit Jahrzehnten für Diskurs und Auseinandersetzung sorgte. Ursprünglich als Kriegerdenkmal geplant, wurde der Siegfriedskopf 1923 in der Aula der Universität aufgestellt und bald zur Ikone der deutsch - nationalen Studenten Verbindungen und so zum Symbol für politischen Extremismus, Faschismus und Antisemitismus. Er war kein Symbol für eine freie, offene und moderne Universität.
 
Die Neupositionierung war architektonisch notwendig, und es war politisch sinnvoll den Senatsbeschluss aus den 90er Jahren, den Siegfriedskopf zu verlegen, endlich zu realisieren. So wurde aus der Universitätsaula ein Objekt entfernt, das seit Jahrzehnten für Diskurs und Auseinandersetzung sorgte. Ursprünglich als Kriegerdenkmal geplant, wurde der Siegfriedskopf 1923 in der Aula der Universität aufgestellt und bald zur Ikone der deutsch - nationalen Studenten Verbindungen und so zum Symbol für politischen Extremismus, Faschismus und Antisemitismus. Er war kein Symbol für eine freie, offene und moderne Universität.

Version vom 28. Oktober 2014, 17:21 Uhr

Siegfriedskopf, Arkadenhof der Universität Wien, enthüllt 1923.
Lage des Denkmals, Nr. SK, Plan des Arkadenhofes der Universität Wien, Maisel 2007.
Siegfriedskopf, Arkadenhof der Universität Wien, Installation von Marx&Mussard seit 2006.

Der Siegfriedskopf ist eine Skulptur von Josef Müllner (1879-1969), die nach dem ersten Weltkrieg als Denkmal für gefallene Angehörige der Universität Wien konzipiert wurde. Ab 1923 stand das von der Deutschen Studentenschaft initiierte Kriegerdenkmal in der mittleren Hauptachse der Aula im Hauptgebäude der Universität und entwickelte sich nach seiner Errichtung zur "Ikone der deutsch-nationalen Studentenverbindungen und zum Symbol für politischen Extremismus, Faschismus und Antisemitismus"[1]. Dieser umstrittene Bedeutungsgehalt führte 1990 zu einem Beschluss des Akademischen Senats den ursprünglichen Standort zu wechseln und den historischen Kontext deutlicher zu kennzeichnen. Heute befindet sich der Siegfriedskopf in einem beschrifteten Glaskubus von Marx&Mussard (Atlelier Photglas), der seine inhaltliche Mehrdeutigkeit visuell unterstreicht. Das neukonzipierte Denkmal steht seit 2006 im Arkadenhof der Universität Wien.

Beschreibung und Analyse

Siegfriedskopf, Nahaufnahme, 2006
Ausschnitt Torso, Junger Herkules, 69-96 n. Chr., Metropolitan Museum, New York
Arno Breker, Der Sieger, 1939
Siegfriedskopf, Arkadenhof der Universität Wien, Installation von Marx&Mussard seit 2006.

Die Skulptur von Josef Müllner zeigt den Kopf des germanischen Helden Siegfried (siehe: Notizen zur dargestellten Person). Das markante Gesicht ist aus einem grob bearbeiteten Steinblock herausmodelliert, dessen Sockel folgende Inschriften trägt:"Ehre, Freiheit, Vaterland" / "1914-1918" / "Den in Ehren gefallenen Helden unserer Universität" / "Errichtet von der Deutschen Studentenschaft und ihren Lehrern". Der muskulöse Hals geht in einem markanten Kinn über; im Profil fügen sich die ausgeprägte Form des Kehlkopfes mit dem maskulinen Kieferabschluss und dem geraden, schmalen Nasenrücken zu einem asketischen Bild zusammen. Das leicht wallende, zurückgekämmte Haar betont seine imposante abgerundete Stirn. Müllner greift damit auf einen Typus zurück, der sich bis in die Antike zurückverfolgen lässt (siehe: Abbildungen). Auf diese spezifische Idealisierung des Männerbildes bezogen sich etwas später u.a. Arno Breker und Josef Thorak, die sich in den sog. Kreis der "Nazikünstler" einordnen lassen (siehe: Abbildungen).

Die Witterungshülle der Installation von Marx&Mussard besteht aus mehreren Glaseinheiten. Um den Glaskörper des äußeren Kubus läuft ein zeitgeschichtlicher Text von Minna Lachs, der antisemitische Ausschreitungen im Zeitraum der 1920er Jahre autobiographisch erläutert. Im Inneren der Glasverkleidung befinden sich weitere Flächen mit Texten und Fotografien, die eine differenzierte Darstellung des historischen Hintergrundes zum Ausdruck bringen. Diese Texte wurden unter wissenschaftlicher universitärer Beratung vom Institut für Zeitgeschichte ausgewählt.[2]

Für die Gesamterscheinung des Denkmals leistet das Tageslicht einen wichtigen konzeptuellen Beitrag: die Schatten der Schrift werden auf die Skulptur projiziert und bewegen sich im Ablauf des Tages. Somit wird die komplexe Lesbarkeit des Gesamtwerks metaphorisch unterstrichen. Der Siegfriedskopf liegt ohne Sockel, d.h. ohne Hoheitszeichen, auf dem Boden des Inneren und verliert dadurch seine Autorität. Im Vordergrund des Mahnmals steht die Schrift und damit die Kritik an der Verklärung von Geschichte und Wissenschaft in der Diktatur des Nationalsozialismus. (Weitere Informationen, siehe: [1]).

Notizen zur dargestellten Person

Siegfried ist eine germanische Sagenfigur. Im Nibelungenlied, das während des Dritten Reiches zum Nationalepos erkoren wurde, stirbt er durch eine hinterlistige Ermordung von hinten. Aus diesem Grund lässt sich der Siegfriedskopf u.a. als eine "steingewordene Dolchstoßlegende"[3] interpretieren (Der Ausdruck "Dolchstoß-Legende" steht für das Bemühen der politischen Rechten nach dem Ersten Weltkrieg die Niederlage Deutschlands mit verräterischen Handlungen bzw. politischen Fehlern innerhalb des Reiches selbst (Defätismus der Bevölkerung, Novemberrevolution 1918, Passivität des Staates) zu erklären. Die Linksparteien sowie die deutschen Juden wurden pauschal für die Niederlage verantwortlich gemacht [4]).

Entstehungsgeschichte

Siegfriedskopf, 1927, Quelle: Universitätsarchiv Wien (106.I.16_03)

1914-1923 | Errichtung eines Denkmals für die "Helden" des Ersten Weltkriegs

Im November 1914 wurden die Auswirkungen des Ersten Weltkriegs an der Universität Wien deutlich. Viele Studierende waren in das Kriegsgeschehen involviert. Die antisemitischen Ausschreitungen ein Jahr zuvor schienen für kurze Zeit der integrativen Kraft der Kriegseuphorie gewichen zu sein. Ebenfalls im November 1914 kam es zu einer Schlacht bei Langemarck in Flandern, die zur Urszene eines Mythos vom kämpfenden Studenten und der Glorifizierung seines "Heldentods" werden sollte. In dieser Situation schlägt Edmund Hauler, Professor für klassische Philologie an der Universität Wien, vor, in der Aula ein Denkmal für die im Ersten Weltkrieg getöteten Angehörigen der Universität Wien zu errichten. In den Vorstellungen der Deutschnationalen und Deutschvölkischen ein "Abwehrkrieg", der die Vorherrschaft Deutschlands und des Deutschen über nationale Grenzen hinweg sichern sollte. Das Denkmal, wie Hauler es vorgeschlagen hatte, wurde nicht realisiert. 1923 wurde das Konzept eines Gefallenendenkmals wieder aufgenommen. Auf Initiative der Deutschen Studentenschaft (DSt) Österreichs wurde in Verbindung mit "ihren Lehrern" ein Denkmal für die in "Ehren gefallenen Helden unserer Universität"errichtet. Die DSt wurde nicht von allen Studierenden demokratisch gewählt, stellte allerdings den alleinigen Anspruch auf deren Repräsentation. Durch diese Konstellation und die deutlich antisemitische und antidemokratische Ausrichtung der DSt in Österreich ist klar, dass jüdische sowie weibliche aber auch sozialistische und liberale Studierende und Lehrende vom Gedenken ausgeschlossen wurden. Das "Siegfriedskopf"-Denkmal kommt aus der Werkstatt des Professors für bildende Kunst, Josef Müllner, der später u.a. ein Reiterstandbild für die Olympischen Spiele in Berlin (1935) sowie die Adolf Hitler-Büste für die Aula der Akademie für bildende Künste (1940) gestaltete. Das "Siegfried"-Denkmal war zunächst als übergroße liegende Ganzkörperplastik entworfen. Aus Kostengründen konnte aber nur der "Siegfriedskopf" realisiert werden. Das von Beginn an "Siegfriedskopf" genannte Denkmal spielt auf den Brudermord des Nibelungenstoffes und die "Dolchstoßlegende" an und lässt sich in die Tradition so genannter Langemarck-Denkmäler stellen, die den Heldentod der deutschen Jugend glorifizieren und nicht nur für die Nationalsozialisten als Symbol für den kämpfenden Studenten standen. Das Denkmal wurde unter Rektor Carl Diener, Professor für Geologie und Paläontologie an der Universität Wien, errichtet, der den "Abbau der Ostjuden" forderte und überzeugt war, dass die DSt die "fortschreitende Levantisierung Wiens" aufhalten könne.

1938-1945 | Die Universität Wien während des Nationalsozialismus

Siegfriedskopf, "Langemarck"-Feier des NS-Studentbundes am 11. November 1938, Studentenführer Müller bei seiner Rede neben dem "Siegfriedskopf", Quelle: Bildarchiv Zeitgeschichte

Anfang April 1938 fand in der Universität Wien eine Feier der Deutschen Studentenschaft (DSt) Österreichs anlässlich des "Anschlusses" an das Deutsche Reich statt. In seinen einleitenden Worten begrüßte ein Studierendenvertreter den "Anschluß" als "Erfüllung einer jahrhundertealten Sehnsucht" des deutschen Volkes und betonte den Kampf für den Nationalsozialismus in der illegalen Zeit. Studentenverbindungen wurden im NS-Staat verboten, da sie die Durchsetzungsmöglichkeiten des "Führerprinzips"eingeschränkt hätten und zudem als elitär und hinderlich für die Verwirklichung der "Volksgemeinschaft" galten. Bereits seit dem Ersten Weltkrieg spielte der Mythos von Langemarck vor allem für die deutschvölkischen, später auch für die nationalsozialistischen Studenten eine wichtige Rolle. Der "Siegfriedskopf" wurde zunehmend ein zentrales Symbol für diese Vorstellung vom kämpfenden Studenten und seines Heldentods. So wurde die Langemarckfeier des Nationalsozialistischen Deutschen Studenten Bunds (NSDStB) am 11. November 1938 – zwei Tage nach dem Pogrom, der so genannten "Reichskristallnacht"– rund um dieses Denkmal inszeniert. Davor hatten Vertreter des NSDStB die Entfernung von Denkmälern jüdischer Professoren gefordert, weil diese ihre Langemarckfeier stören würden. Als die Forderung nicht umgehend erfüllt wurde, beschmierten sie die Denkmäler mit Eisenlack. An der Universität Wien wurde nach deutschem Vorbild ein sogenanntes "Langemarckstudium" eingerichtet: ein Vorbereitungsstudium, das parteitreue Nationalsozialisten aus der Unterschicht förderte. Der NSDStB hatte bereits bei den Wahlen im Juli 1931 die Mehrheit in der DSt erlangt, die katholischen Verbindungen standen zu diesem Zeitpunkt in Opposition, trotzdem verband beide Seiten eine antisemitische und antisozialistische Haltung. Nach dem "Anschluß" bot der NSDStB den völkischen Kameradschaften eine legale Form der Weiterexistenz; manche Burschenschaften betrieben ihre freiwillige Selbstauflösung; andere Verbindungen bildeten wiederum als Kameradschaften eine Untergrundexistenz: primär jene, denen der erste Weg entweder verwehrt war (wie im Fall der katholischen) oder die ihn nicht beschreiten wollten oder konnten (z.B. weil sie die Mindestzahlen von 50 Aktiven und 150 Alten Herren nicht erreichten und auch mit keinem anderen Bund fusionieren wollten). Die Repräsentation der Studierenden wurde vom NSDStB übernommen, der – wie auch die Hochschülerschaft während des österreichischen "Ständestaates" – nach dem "Führerprinzip" organisiert war. "Nichtarische", vor allem jüdische Studierende wurden sukzessiv vom Studium ausgeschlossen, WissenschaftlerInnen entlassen. Viele Studierende und ihre Angehörigen emigrierten, andere wurden vom NS-System weiter verfolgt, deportiert und ermordet.

1960er Jahre | 600 Jahre Universität Wien

Siegfriedskopf, 50Jahr-CV-Rugia Feier am 22. Juni 1958 mit Rektor Prof. Erich Schenk, Quelle: VGA E12-1024

Der Zweite Weltkrieg hatte auch für die Universität Wien entscheidende Veränderungen bedeutet: die Vertreibung zahlreicher – vor allem jüdischer – Studierender und WissenschaftlerInnen sowie den Verlust der zentralen Stellung innerhalb des Gebiets der ehemaligen Habsburgermonarchie. Verglichen mit der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer Provinzialisierung der österreichischen Wissenschaftslandschaft. Die Entnazifizierung war auch an den Universitäten nicht konsequent betrieben worden. Ab 1947/48 wurden etwa entlassene Lehrende wieder eingestellt, vormals nationalsozialistische Studierende durften ihr Studium fortsetzen. In Österreich wurden im Unterschied zu Deutschland Burschenschaften bereits wieder Anfang der 1950er Jahre zugelassen. Bis in die 1960er hatte sich eine neue Normalität etabliert. 1965 feierte die Universität Wien ihr 600-jähriges Gründungsjubiläum, das die Inszenierung ihres Selbstverständnisses erlaubte. Die Zeit des Nationalsozialismus spielte bei einer der zentralen Festveranstaltungen, der "Totengedenkfeier" in der Aula, eine wichtige Rolle. Rektor Karl Fellinger nahm in seiner Ansprache vor dem "Siegfriedskopf" Bezug auf die Toten des Zweiten Weltkriegs und das ehemalige Konzentrationslager Mauthausen. Hinter den Kulissen wurde allerdings die Brüchigkeit der Normalität des Wiederaufbaus und des Selbstverständnisses der Universität Wien sichtbar. Seit Anfang der 1960er Jahre wurden öffentlich rechtsextreme Positionen innerhalb des universitären Bereichs vertreten. Mehrere prominente vertriebene Professoren waren zu den Jubiläumsfeierlichkeiten nach Wien eingeladen worden, unter ihnen der Autor der österreichischen Verfassung, Hans Kelsen, der mittlerweile eine Professur an der University of California in Berkeley innehatte. In einem Brief nahm er seine ursprüngliche Zusage mit dem Hinweis auf Ereignisse rund um die Person Taras Borodajkewycz, Professor an der ehemaligen Hochschule für Welthandel, zurück. Der "Fall Borodajkewycz" hatte in der österreichischen Öffentlichkeit zu einer heftigen Auseinandersetzung mit der Geschichte der Hochschulen im Nationalsozialismus geführt. Junge Aktivisten der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ), unter ihnen der derzeit amtierende Bundespräsident, Heinz Fischer, hatten Anklage gegen dessen antisemitische Äußerungen in Universitätsvorlesungen erhoben. Als Gast der österreichischen Bundesregierung kam Kelsen im Mai 1965 trotzdem nach Wien und hielt einen Vortrag vor der Sozialistischen Jugend. In Österreich war der "Fall Borodajkewycz" hochschulpolitisch eine wichtige Zäsur, durch die eine Thematisierung der NS-Vergangenheit und daran gebundener Kontinuitäten möglich wurde.

1990er | Öffentliche Debatten um den "Siegfriedskopf"

Siegfriedskopf und Aula werden am 23. November 1990 mit Farbe beschmiert

Im Sommer 1990 führte der Beschluss des Akademischen Senats der Universität Wien, den "Siegfriedskopf" aus der Aula zu entfernen, zu einer ungewohnt kontroversiellen öffentlichen Debatte. Die Geschichte des Denkmals und der Universität Wien seit dem Ersten Weltkrieg wurde in zahlreichen Zeitungsartikeln, Kommentaren und Diskussionen von verschiedenen politischen Positionen aus überdacht und neu entworfen. Damit wurde ein schwelender Konflikt öffentlich wahrnehmbar, der seit Jahrzehnten zwischen einem Großteil der politisch aktiven, vor allem linken Studierenden und schlagenden Burschenschaftern bestanden hatte. Seit der "Waldheim-Affäre" 1986 und der Übernahme des Parteivorsitzes der Freiheitlichen Partei (FPÖ) durch Jörg Haider im selben Jahr verstärkten sich rechtspopulistische Positionen. Bei der 36. Österreichischen Cartellversammlung (ÖVV) 1993 distanzierte sich der ÖVP-nahe Österreichische Cartell-Verband (ÖCV) deutlich von der neuen Politik der Haider-FPÖ und sprach sich gegen Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus aus. Wiederholt war es auch schon davor zu mitunter gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Burschenschaftern und linken Studierenden gekommen. Der wöchentliche Bummel der Burschenschafter rund um den "Siegfriedskopf" wurde von linken Studierenden, die dieser Form von Traditionspflege sowie den damit verbundenen Weltanschauungen und politischen Ansichten kritisch gegenüberstanden, angefeindet. Politisch engagierte Geschichtestudierende machten eine Ausstellung mit dem Titel "Ehre, Freiheit, Vaterland", die im rechten Seitenflügel der Aula den "Siegfriedskopf" und seine Geschichte kommentierte. Die Universität Wien gab eine offizielle Broschüre in Auftrag, in der die Universität auf diese Debatten mit einer Darstellung der Geschichte des "Siegfriedskopfes" reagierte und mit einer Auswahl von Texten die Kontroverse dokumentierte. Die Versetzung des Denkmals wurde aufgeschoben. Seit jener Auseinandersetzung haben Teile der Österreichischen HochschülerInnenschaft (ÖH) sowie andere Institutionen und Personen vielfach und in unterschiedlicher Weise den "Siegfriedskopf" und dessen Geschichte problematisiert und dessen Präsenz an einem der zentralen Orte der Universität in Frage gestellt.

2006 | Wissenschaftliche Aufarbeitung und künstlerische Gestaltung des "Siegfriedskopfes"

Siegfriedskopf, Beschädigung der Nase am 8. Mai 2002

Im Zuge des Umbaus und der Sanierung von Aula, Seitenaulen und Arkadenhof der Universität Wien wurde der „Siegfriedskopf“ von der Aula in den Arkadenhof verlegt. Die sich über mehrere Dekaden hinziehende Kontroverse um das Gefallenendenkmal waren Anlass, den „Siegfriedskopf“ durch ein Kunstprojekt in einen neuen Kontext zu stellen. Mit der künstlerischen Konzeption und technischen Ausführung wurden wir, Bele Marx & Gilles Mussard (Atelier Photoglas) beauftragt. Der neue Kontext des Gefallenendenkmals wurde mit Roger Baumeister, dem Architekten der Universitäts- Neugestaltung, sowie dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien unter Leitung von Univ.Prof.Dr.Mag. Friedrich Stadler zusammen mit Mag. Mario Wimmer erarbeitet.

In der Neu-Disposition und der parallel dazu verlaufenden künstlerischen Auseinandersetzung mit dem „Siegfriedskopf“ wurde die Grundstimmung der Zwischenkriegszeit an der Universität Wien und der Diskurs um das Denkmal, vorwiegend in den letzten Dekaden des vorigen Jahrhunderts, nachgezeichnet. Im Zusammenhang mit der architektonischen Neugestaltung wurde entschieden den „Siegfriedskopf“ von seinem ursprünglichen Standort in der Hauptachse der Aula des Gesamtgebäudes der Universität zu entfernen und ihn im westlichen Teil des Arkadenhofes in einer neuen Weise zu positionieren. Die vom Bundesdenkmalamt geforderte Witterungshülle aus Glas unterstützte die Idee, die Hülle gleichzeitig als Träger von Textbeiträgen und Fotografien aus Tageszeitungen von 1923 (dem Jahr, in dem der Siegfriedskopf aufgestellt wurde) bis heute einzusetzen. Aufbauend auf diesen Vorgaben der Architekten begann die künstlerische Intervention. Das Objekt besteht nunmehr aus mehreren Glasebenen und Einheiten. Der äußere Kubus ist Träger eines zeitgeschichtlichen Textes von Minna Lachs, sie beschreibt darin exemplarisch eine Situation antisemitischer Übergriffe in den 20er Jahren. Im inneren Teil des Glaskubus befinden sich weitere Glasflächen mit Texten und Fotografien aus Publikationen. Über eine neben der Skulptur stehende Informationsstation werden ergänzend, am Beispiel von vier Zeitschichten - 1914-1923, 1938-1945, 1965-1968, 1990 bis zur Gegenwart – unterschiedliche Reaktionen sichtbar gemacht, für die das Denkmal stand und steht. Die Texte wurden unter wissenschaftlicher universitärer Beratung von uns ausgewählt und liefern einen Beitrag zu den historischen Hintergründen und den vielschichtigen Vorgängen um das Denkmal. Subsumierend betrachtet stellen sie einen Teil der Dokumentation über die Geschichte des Denkmals dar. Für uns steht im künstlerischen Zentrum dieser Arbeit die Schrift. Sie ist Zeugnis historischer sowie kultureller Vergangenheit und Gegenwart. Es ist die Schrift, mit der Geschichte geschrieben und Geschichte dokumentiert wird. Und es sind wiederum Schriften, die in diktatorisch geführten Regimes der Zensur, der Verbrennung und Vernichtung anheim fallen. Um die Schrift als aktives Element einbeziehen zu können, galt es eine Darstellungsform zu finden, die sie als Teil eines sich stets verändernden Prozesses sieht. Die ausgewählten Texte wurden gescannt, aufbereitet, auf einem transparenten Film, gleich einem Diapositiv, ausbelichtet und zwischen Glasschichten eingebettet. Das Verfahren – genannt Photoglas – wurde ab 1997 von uns in Kooperation mit Partnern entwickelt und in Folge patentiert. Der Begriff Photoglas steht sowohl für das Atelier Photoglas (künstlerische Konzeption, Planung und technische Durchführung von Projekten) als auch für die Technologie Photoglas, die es ermöglicht großformatige Diapositive in Glasschichten dauerhaft einzuarbeiten. Naturlicht, Wetterverhältnisse und mögliche gewaltsame Eingriffe von Außen sind wesentlicher Bestandteil der Schriftskulptur. Durch Sonnenlicht wird gleichsam ein Schatten der Schrift auf das Objekt projiziert, der die unterschiedliche Lesbarkeit des Gesamtobjekts hervorruft. Der Lauf der Sonne ist Teil des Konzepts. Er versetzt die Skulptur in einen permanenten Wandel von Licht und Schatten und die Textpassagen in einen abwechselnd aktiven und passiven Zustand. Über die drei Glas-Bügel legt sich - einer Matrize gleich - eine zweite Glasschicht. Die Oberfläche gibt, wie erwähnt, die autobiografische Erinnerung der Zeitzeugin Minna Lachs wieder, wobei Zeile für Zeile wie eine Zikkurat um den Glaskörper läuft, den man umgehen muss, um den Text vollständig lesen zu können. Auch die äußere „Glasschicht“ arbeitet mit Naturlicht, den Wetterverhältnissen und allen möglichen äußeren Umständen und Eingriffen. Im Laufe der Zeit wird die Schrift durch die Verwitterung noch deutlicher und dominanter werden. Je nach Wetterlage ist sie unterschiedlich sichtbar, wobei sich die sandgestrahlte Schrift beispielsweise bei Regen mit Wasser füllt, sodass sie auf der Gesamtoberfläche des Glasobjektes beinahe verschwindet, bei Sonneneinstrahlung hingegen entstehen Schattenbilder bzw. Projektionen, die zusätzliche Ebenen erzeugen.

Das ursprüngliche Denkmal wurde in seine skulpturalen Bestandteile: Plinthe, Sockel und Kopf zerlegt und die isolierten Einzelteile einem jeweiligen „Glasraum“ zugeordnet. Die Fragmentierung des Objekts kommt auf metaphorischer Ebene einer Archäologisierung des Denkmals gleich. Neben der räumlichen Entrückung wird gleichsam die zeitliche Distanznahme angesprochen, die mit der künstlerischen Auseinandersetzung einen neuen Zugang in der Gegenwart schafft. Sowohl die passive als auch die aktive Rezeption des Betrachters ist als Teil der öffentlichen Auseinandersetzung miteinbezogen. Da die Skulptur sich laufend mit den gegebenen Wetterverhältnissen verändert, ist sie in einem passiven Stillstand, besitzt aber gleichzeitig die Stärke „aktiv“ zu reagieren. Je stärker eine mögliche Einwirkung von außen stattfindet, desto deutlicher tritt die Erzählung der obersten Glasschicht in den Vordergrund und wird umso sichtbarer. Die Neupositionierung war architektonisch notwendig, und es war politisch sinnvoll den Senatsbeschluss aus den 90er Jahren, den Siegfriedskopf zu verlegen, endlich zu realisieren. So wurde aus der Universitätsaula ein Objekt entfernt, das seit Jahrzehnten für Diskurs und Auseinandersetzung sorgte. Ursprünglich als Kriegerdenkmal geplant, wurde der Siegfriedskopf 1923 in der Aula der Universität aufgestellt und bald zur Ikone der deutsch - nationalen Studenten Verbindungen und so zum Symbol für politischen Extremismus, Faschismus und Antisemitismus. Er war kein Symbol für eine freie, offene und moderne Universität. Der Siegfriedskopf wurde von seinem Sockel gestürzt, und mit Schrift ummantelt. Das so entstandene Kunstwerk ist als Metapher zu verstehen und soll daran mahnen, dass Extreme (Diktaturen) als erstes die Schrift und das freie Wort unterbinden (Autodafé). In subtiler Weise „antwortet“ und „verteidigt sich“ unsere Schrift-Skulptur, wenn notwendig, auf mögliche Eingriffe und lässt die Erzählung akkurat und von Mal zu Mal stärker hervortreten. Sie ist zum Zeichen einer so autonomen wie neutralen, nicht aber gleichgültigen Zeit geworden, in der die Geschichte nicht verdrängt und geleugnet wird, die Gegenwart aber als Brücke verstanden werden soll, die in die Zukunft weist. Weiterführende Informationen können der Homepage www.photoglas.com entnommen werden. [5]

Dieser Artikel wurde im Rahmen der Eröffnung am 13. Juli 2006 vom Institut für Zeitgeschichte veröffentlicht.[6]

Einzelnachweise

  1. Posch 2012, S. 724
  2. Scheit 2006, S. 2
  3. Scheit 2006, S. 2
  4. http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/artikel/artikel_44479
  5. http://www.photoglas.com/deutsch/buero_frameset.php?a=1&id=35
  6. http://www.univie.ac.at/universitaet/forum-zeitgeschichte/gedenkkultur/siegfriedskopf/

Quellen

  • UAW Senat 93.30, Gefallenendenkmal "Siegfriedskopf", 1914-23

Rezeption in der Presse

  • Die Presse, 2008: [2]
  • ORF, 2006: [3]
  • Wiener Zeitung, 2003: [4]
  • Der Standart, 2002: [5]
  • Davy/Vašek 1991: Ulrike Davy u. Thomas Vašek, Der "Siegfried-Kopf". Eine Auseinandersetzung um ein Denkmal in der Universität Wien. Dokumentation, Wien 1991
, S. 30 ff.

Literatur

  • Grander 1990: Margarete Grander, Gernot Heiß u. Elisabeth Klamper, Im Kampf um das Haupt des deutschen Helden Siegfried. Traditionen und ihre Hüter, in: Neues Forum, vom 15.12.1990, 57–63.
  • Davy/Vašek 1991: Ulrike Davy u. Thomas Vašek, Der "Siegfried-Kopf". Eine Auseinandersetzung um ein Denkmal in der Universität Wien. Dokumentation, Wien 1991

  • Zellhofer/Schiedl 1994: Klaus Zellhofer u. Heribert Schiedl, Rechts-Gelehrte, in: Falter, 1994, 8–9

  • Vašek 1996: Thomas Vašek, Das Schwein des Siegfried. die Auseinandersetzung um das Heldendenkmal in der Aula der Uni Wien, in: Agnes Berlakovich u. Österreichische Hochschülerschaft, Hg., Rechtsextremismus an Österreichs Universitäten (=Uni libre 100/96), Wien 1996, 67–75

  • Helpersdorfer 2002: Arnulf Helpersdorfer, Konfrontation um das Akademikerdenkmal, in: Der Ring. Freiheitliche Studentenzeitung, 2002, 7–8
  • Lamsa 2002: Wolfgang Lamsa, Der Siegfriedskopf oder wie die Wiener Universität bis Mitte der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts zu einer Hochburg des Antisemitismus und Deutschnationalismus wurde, in: Siegfrieds Köpfe. Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus an der Universität Wien, Context XXI, 2002, 135–145
  • Winckler 2002: Georg Winckler, "Ich bin ja kein Historiker …". Am 28. Februar 2002 fragte UNIQUE den Rektor der Universität Wien, Georg Winckler, über seine Meinung zu Rechtsextremismus, dem Antisemitismus Karl Luegers und dem Siegfriedskopf an der Uni Wien, in: Unique. Zeitung der ÖH der Uni Wien, 2002, 57–63
  • Siegfrieds Köpfe. Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus an der Universität Wien, Context XXI, Wien 2002.
  • Scheit 2006: Gerhard Scheit, Siegfrieds Nase. Über die Neuaufstellung des "Siegfriedskopfs" im Arkadenhof der Wiener Universität. ungedr. Statment anläßlich einer Podiumsdiskussion mit Bele Marx & Gilles Mussard, Rainer Fuchs, Herbert Posch, Gerhard Scheit, Katharina Wegan, Moderation Florian Ruttner, 18.10.2006, Wien 2006.
  • Der Siegfriedskopf im Arkadenhof oder: Wie die neue "Aufarbeitung der Vergangenheit" funktioniert, in: Herrschaftszeiten. Zeitung der Studienvertretung Politikwissenschaft Wintersemester 2006/07, Wien 2006, 10–11
  • Lecher 2008: Judith Lecher, Universität Wien: Und täglich grüßt der Siegfriedskopf. Wieder Proteste gegen Burschenschafter, die zu dem antisemitischen Gefallenendenkmal pilgern, in: Die Presse, vom 16.01.2008
  • Ruttner 2009: Florian Ruttner, Der Siegfriedskopf … oder wie die neue "Aufarbeitung der Vergangenheit" funktioniert, in: HochschülerInnenschaft an der Universität Wien, Hg., Völkische Verbindungen. Beiträge zum deutschnationalen Korporationsunwesen in Österreich, Wien 2009, 192–198.
  • Posch 2010: Herbert Posch, Kunst & Zeitgeschichte | Erinnerung – Gedenken – Universität, in: Linda Erker u.a., Hg., Update! Perspektiven der Zeitgeschichte, Zeitgeschichtetage 2010, Innsbruck u. Wien 2012, 708–733, bed. 723-725

Weblinks

  • Homepage Forum für Zeitgeschichte: [6], abgerufen am 13.6.2014
  • Siegfrieds Nase, in: dieUniversitaet online vom 8.5.2002: [7], abgerufen am 13.6.2014
  • Scheit 2006 (siehe Literatur): [8], abgerufen am 13.6.2014
  • Ruttner 2009 (siehe Literatur): [9], abgerufen am 13.6.2014

Valeska Wittig