Rudolf von Scherer

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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Zeichnung, Rudolf Scherer, ©ÖNB.
Arnold Hartig, Gedenktafel Rudolf von Scherer, Arkadenhof der Universität Wien, Nr. 142, 1951 enthüllt.

Rudolf von Scherer (*11. August 1845 in Graz; † 21. Dezember 1918 in Wien) war ein österreichischer Moraltheologe. Das Denkmal für Rudolf Scherer wurde von Arnold Hartig ausgeführt und befindet sich im Arkadenhof der Universität Wien.

Leben

Rudolf Ritter von Scherer wurde am 11. August 1845 in Graz als Sohn eines Beamten der Landesschulbehörde geboren.[1] In den Jahren 1862 bis 1866 studierte er Rechtswissenschaften an der Universität Graz, wo er sich auf die historische Schule der Rechtswissenschaften sowie Kirchenrecht spezialisierte. Im darauffolgenden Jahr erlangte er seine Doktorwürde und inskribierte an der Universität München um sich der katholischen Theologie zu widmen. 1868 wechselte er an die Universität Tübingen wo er sich dem selben Fach verschrieb und der studentischen Verbindung A.V. Guestfalia Tübingen beitrat. Außerdem besuchte er das Grazer Priesterseminar wo er 1869 zum Priester geweiht wurde. Die folgenden drei Jahre war er als Kaplan in Leibnitz in der Seelsorge tätig.[2] 1872 begab sich Scherer für zwei Jahre nach Wien um das Frintaneum, ein höheres Bildungsinstitut für Weltpriester, zu besuchen wo er 1875 den Doktor der Theologie erlangte. Ein Jahr zuvor war er bereits nach Graz berufen worden um aushilfsweise Kirchenrecht zu lehren. 1876 wurde er schließlich zum ordentlichen Professor für Kirchengeschichte an der theologischen Fakultät Graz ernannt. Scherer hatte in den Jahren 1881 bis 1893 dreimal das Amt des Dekans der theologischen Fakultät inne. Ab 1899 verlagerte sich der Lebensmittelpunkt des Theologen nach Wien. An der theologischen Fakultät der Universität Wien wurde er im selben Jahr zum ordentlichen Professor ernannt und auch hier sollte er in den Jahren 1902 und 1908 als Dekan tätig sein.[3]

Schaffen

Scherers bedeutendstes Werk ist das „Handbuch des Kirchenrechts“, das trotz seiner Datierung und einiger Veränderungen auch heute noch zur Klärung kirchenrechtlicher Fragen zu Rate gezogen wird.[4] Von den geplanten drei Bänden sind zwei erschienen, der dritte wurde teilweise später publiziert. Die 1886 und 1898 erschienen Bände bilden eine Abschrift Scherers wichtigster Erkenntnisse während seiner Lehr- und Forschungstätigkeit. Scherer applizierte eine „moderne Methode kritisch-historischer Forschung“ [5] auf das bestehende, dogmatische Rechtssystem. Auch der Fokus seiner Vorlesungen lag stets auf rechtshistorischen und rechtsdogmatischen Parabeln im Kirchenrecht.

Seine Auffassung sollte ihm allerdings im Zuge des Antimodernisteneids, 1910 von Papst Pius X. veranlasst, zum Verhängnis werden. Von Scherer wurde erwartet den Antimodernisteneid zu leisten, doch dieser weigerte sich, "rechtshistorisch argumentier[end]"[6]. Der Eid, der von allen Klerikern der katholischen Kirche abzulegen war, richtete sich gegen den Modernismus, den Protestantismus, den Darwinismus, die Leben-Jesu-Forschung sowie jegliche Schulen der Bibelwissenschaft. Gegner, wie auch Scherer einer war, sahen darin eine Verletzung der wissenschaftlichen Freiheit. Erst 1967 wurde der Antimodernisteneid von Papst Paul VI. abgeschafft und durch das Glaubensbekenntnis ersetzt.[7] In Folge der innerkirchlichen Unruhen ließ sich Scherer 1912 frühzeitig wegen gesundheitlicher Probleme und inhaltlicher Zerwürfnisse von seinen Ämtern entbinden. Scherers liberale und moderne Haltung war schon in frühen Jahren dank seiner Mutter beeinflusst worden, die bereits 1848 "reformkatholische Forderungen erhob (u.a. Aufhebung des Pflichtzölibats, muttersprachliche Liturgie)" [8].

Zeitlebens wurden die Leistungen und Ideale des Kanonisten mit zahlreichen Auszeichnungen und Ehrungen gewürdigt, wie beispielsweise der juristischen Doktorwürde der Universitäten Budapest und Czernowitz sowie des Titels des Hofrats und 1907 der Mitgliedschaft in der Akademie der Wissenschaften, Wien. Rudolf von Scherer verstarb am 21. Dezember 1918 in Wien und wurde am Wiener Zentralfriedhof bestattet. Im darauffolgenden Jahr wurde sein Grab allerdings nach Graz verlegt.[9]

Werke (Auswahl)

Scherer verfasste zahlreiche Abhandlungen für selbstständige Publikationen wie das Archiv für katholisches Kirchenrecht, die Theologisch-praktische Quartalsschrift und Beiträge für Sammelwerke wie für den Wetzer-Welte und das Staatslexikon. Sein bedeutendsten Werk, das Handbuch des Kirchenrechts, konnte er nicht mehr fertigstellen, so wurden die Vorarbeiten des dritten Bandes später herausgegeben.

  • Ueber das Eherecht bei Benedict Levita und Pseud-Isidor, Graz 1879.
  • Von der Process-Fähigkeit der kirchlichen Institutionen, in: Archiv für katholisches Kirchenrecht, Band 47, Graz 1882.
  • Handbuch des Kirchenrechts, 2 Bände, Graz 1886/1898.
  • Vorarbeiten zu Band des Handbuchs des Kirchenrechts, hg. von K.G. Hugelmann, in: Zeitung für öffentliches Recht, 3, 1922/23 und 7-8, 1928/29.
  • Grundriß des Kirchenrechts, Wien 1901.

Literatur

  • "Grass 1990": Nikolaus Grass, Österreichisches Biographisches Lexikon 1815-1950, Band 10, Wien 1990.
  • "Hartmann 2013": Gerhard Hartmann, Österreichisches Cartellverband, Wien 2013.
  • "Lenius, Schinnerl 2010": Rainer Lenius, Ingeborg Schinnerl, Austria Forum, Wien 2010.
  • "Payer 2004": Alois Payer, Religionskritik. Papst Pius X. - Der Antimodernisteneid, 2004. [1]
  • Josef Kremsmair: Rudolf Ritter von Scherer. Ein hervorragender Kanonist und seine Haltung zum Antimodernisteneid. In: Franz Pototschnig, Alfred *Rinnerthaler hg: Im Dienst von Kirche und Staat. In memoriam Carl Holböck, Wien 1985.
  • Johannes Martetschläger: SCHERER, Rudolf Ritter von. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 9, Bautz, Herzberg 1995.
  • Ernst Chr. Suttner hg: Die Katholisch-theologische Fakultät der Universität Wien 1884–1984. Festschrift zum 600-Jahr-Jubiläum, Berlin 1984.

Einzelnachweise

  1. Austria-Forum, Lenius/Schinnerl 2010, abgerufen am 9. November 2013.
  2. Online-Eintrag im Österreichischen Cartellverband, Hartmann 2013, abgerufen am 9. November 2013
  3. Grass 1990, S. 88.
  4. Austria-Forum, Lenius/Schinnerl 2010, abgerufen am 9. November 2013.
  5. Grass 1990, S. 88.
  6. Online-Eintrag im Österreichischen Cartellverband, Hartmann 2013, abgerufen am 9. November 2013
  7. http://de.academic.ru/dic.nsf/dewiki/86647
  8. Online-Eintrag im Österreichischen Cartellverband, Hartmann 2013, abgerufen am 9. November 2013
  9. Austria-Forum, Lenius/Schinnerl 2010, abgerufen am 9. November 2013.

Weblinks

  • Eintrag "Rudolf von Scherer" auf Wikipedia [2]
  • Eintrag "Rudolf von Scherer" im Austria Forum [3]
  • Eintrag "Rudolf von Scherer" im Österreichischen Cartellverband [4]
  • Der Antimodernisteneid auf Wikipedia [5]
  • Literatur von und über Rudolf von Scherer in der Deutschen Nationalbibliothek [6]