Nikolai Sergejewitsch Trubetzkoy

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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Abb. 1: Nikolai S. Trubetzkoy, Fotografie, 1920.
Abb. 2: Nikolai S. Trubetzkoy, Fotografie.
Abb. 3: Vanja Radauš, Denkmal für Nikolai S. Trubetzkoy, Arkadenhof der Universität Wien, enthüllt 1974.

Nikolai Sergejewitsch Trubetzkoy (* 16. April 1890 in Moskau; † 25. Juni 1938 in Wien), Philologe, Ethnologe, Begründer der Phonologie. Von 1922 bis 1938 ordentlicher Professor für slawische Philologie an der Universität Wien. Das Denkmal Nikolai Sergejewitsch Trubetzkoy von Vanja Radauš im Arkadenhof der Universität Wien wurde am 5. November 1974 enthüllt.

Leben

Nikolai Sergejewitsch Trubetzkoy (Abb. 1) entstammte einer alten russischen Adelsfamilie. Sein Vater, Fürst Sergei Trubetzkoy, war ordentlicher Professor für Philosophie in Moskau und auch Rektor der Universität in Moskau. Nikolai veröffentlichte schon 1905 während seiner Schulzeit Artikel zu Sprachwissenschaften und Ethnologie. 1908 bis 1913 studierte er in Moskau Philosophie, Psychologie, westeuropäische Literatur und Komparistik (vergleichende Literaturwissenschaft).[1] Er promovierte 1913 mit der Arbeit „Über die Bezeichnungen des Futurums in den wichtigsten indogermanischen Sprachen“. Danach erhielt er von seiner Fakultät eine Bewilligung zu einer Auslandsreise und inskribierte an der Leipziger Universität. In dieser Zeit besuchte er Vorlesungen zur „Lateinischen Grammatik“, „Grammatik der litauischen Sprache“ sowie die Vorlesung „Übersicht über die poetische Literatur der Inder“. Sein Hauptinteresse richtete sich damals auf das Altindische und Avestische. Wegen Familienangelegenheiten kehrte 1914 wieder nach Russland zurück.[2] [3] Ab 1914 bereitete er sich auf die Habilitationsprüfungen vor und habilitierte sich 1916 für "allgemeine und vergleichende Sprachwissenschaften und Sanskrit" und wirkte im Jahr 1916 als Privatdozent an der Universität Moskau.[4]

Die bolschewistische Revolution in Russland im Herbst 1917 veranlasste seine Flucht nach Rostow am Don, wo er 1918 als Professor für slawische Philologie lehrte. Aufgrund der weiteren politischen Entwicklung wandte er sich 1920 an die Universität Sofia und wurde dort als Dozent der vergleichenden Sprachwissenschaft aufgenommen. Zwei Jahre später erhielt er den Ruf an die Wiener Universität und wurde am 20. Dezember 1922 zum ordentlichen Professor der slawischen Philologie daselbst ernannt. Am 9. März 1923 erfolgte die Ernennung zum Mitglied der Prüfungs-Kommission für das Lehramt an Mittelschulen in Wien als Fachexaminator für slawische Sprachen. Eine Reihe wissenschaftlicher Arbeiten entstehen in dieser Zeit, z. B. „Die phonologischen Systeme“ , „Studien auf dem Gebiete der vergleichenden Lautlehre der nordkaukasischen Sprachen“ oder „Das morphologische System der russischen Sprache“.[5] Diese Ereignisse ab 1917 geschahen bereits in Begleitung seiner Frau Vera, die ihn in heldenhafter Weise unterstützte.[6]

Neben seinem Lehrauftrag in Wien für slawische Philologie hielt er auch Vorlesungen über slawische Sprachen und über slawische Literatur. Im Wintersemester 1925/26 hielt er Vorlesungen über altrussische Literatur und über die russische Dichtung des 18. und 19. Jahrhunderts und über F. M. Dostojevskij. Diese Vorlesungen erschienen posthum im Druck.[7] Im letzten Jahrzehnt seines Lebens beschäftigte sich Trubetzkoy mit der Phonologie. Die Phonologie stellte sich die Aufgabe, die Sprachlaute nach ihrer sprachlichen bedeutungsunterscheidenden Funktion zu untersuchen. Daneben stellte Trubetzkoy noch eine zweite Lehre auf, die Morphonologie.[8]

Trubetzkoy war Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Wien, Mitglied der ständigen Kommission für russische Dialektologie in Moskau, Mitglied des Sprachwissenschaftlichen Vereins in Prag, Mitglied der Société de Linguistique de Paris. Weitere wissenschaftliche Korporationen betrieb Trubetzkoy als korrespondierendes Mitglied der Königlichen Böhmischen Gesellschaft der Wissenschaften in Prag, des Slawischen Instituts in Prag, der School of Slavonic and East-European Studies in London und der Finnisch-Ugrischen Gesellschaft in Helsingfors (Helsinki). [9]

Am 13. April 1931 wird vom Bundesminister für Unterricht die Gleichstellung bzw. Anerkennung (Nostrifikation) des seinerzeit an der Universität in Moskau erworbenen Magisterdiploms mit einem an der Universität in Wien erworbenen Diplom eines Doktors der Philosophie genehmigt. Das gab die rechtliche Grundlage zur Führung des Doktortitels.[10] Am 6. Mai 1938 erfolgte die Wahl zum Mitglied der philosophisch-historischen Klasse der Königlichen Akademie der Wissenschaften zu Amsterdam (Holland).[11]

Trubetzkoy starb am 25. Juni 1938 an einem Herzinfarkt kurze Zeit nachdem die Gestapo ihn wegen eines kritischen Artikels über den Nationalsozialismus verhört und sein Archiv beschlagnahmt hatte. Nikolai Trubetzkoy wurde im russisch-orthodoxen Teil des Wiener Zentralfriedhofs(Gr. 21/49) bestattet.[12] Ein Porträtmedaillon ist als Denkmal Nikolai Sergejewitsch Trubetzkoy von Vanja Radauš (Abb. 3) im Arkadenhof der Universität Wien zu sehen, das am 5. November 1974 enthüllt wurde. An seinem ehemaligen Wohnhaus in Wien 1, Kleeblattgasse 4, ist eine Gedenktafel angebracht (Abb. 4).

Abb. 4: Gedenktafel, Wien 1, Kleeblattgasse 4.

Schaffen

Trubetzkoy erweiterte die Sprachwissenschaft um ein weiteres Teilgebiet, die "Phonologie". Die von ihm neu entwickelte Art der Sprachbetrachtung bezog sich zum ersten Mal auf eine funktionslogische Betrachtung der Sprache. Die Phonologie stellte sich die Aufgabe, die Sprachlaute nach ihrer sprachlichen bedeutungsunterscheidenden Funktion, nach ihren Zeichenwerten ("Phoneme") zu untersuchen. Sein Hauptwerk „Grundzüge der Phonologie“ wurde posthum herausgegeben (Prag 1939).

Die zweite Lehre Trubetzkoys, die "Morphonologie", d. h. die Untersuchung, in welcher Weise eine Sprache die phonologischen Unterschiede morphologisch verwertet, bildetet das Hauptstudium Trubetzkoys in den letzten Jahren.[13]

Manchmal ist es schwierig, die Erkenntnisse Trubetzkoys von seinem wissenschaftlichen Kollegen Roman Jakobson (1896 – 1982) zu unterscheiden, der nach Trubetzkoys Tod zur Verbreitung der Phonologie beigetragen hatte.[14] [15] Einer seiner bekanntesten Beiträge zu einer neuen Betrachtungsweise in der vergleichenden Sprachwissenschaft ist der von ihm vorgeschlagene deutssprachige Begriff "Sprachbund". Sein Forschungsinteresse galt der russischen Volksdichtung, der Sprache der finno-ugrischen Völker Russlands und den kaukasischen Sprachen.[16]

Werke

  • Polabische Studien (1931).
  • Das phonologische System der russischen Sprache (1934).
  • Anleitung zu phonologischen Beschreibungen (1935).
  • Grundzüge der Phonologie, Hauptwerk, posthum, Prag 1939.
  • Altkirchen-Slavische Grammatik, Laut- und Formensystem, 1954.
  • Die russischen Dichter des 18. und 19. Jahrhunderts. Nach einem nachgelassenen Manuskript von R. Jagoditsch (Hg.). Wiener Slavistisches Jahrbuch, Ergänzungsband III, Wien 1956.
  • Dostojewski als Künstler, in: Slavic Printings and Reprintings, edited by C. H. van Schoneveld, Den Haag 1964.
  • Vorlesungen über die altrussische Literatur. Mit einem Nachwort von R. O. Jakobson, in: Studia historica et philologica, Sectio Slavica L., Florenz 1973.

(UAW = Universitätsarchiv Wien)

Quellen

  • UAW (= Universitätsarchiv Wien) Personalakt Nikolai S. Trubetzkoy, S 304.1296.
  • UAW (= Universitätsarchiv Wien) Personalakt Nikolai S. Trubetzkoy, 3479.
  • UAW (= Universitätsarchiv Wien) Denkmalakt Nikolai S. Trubetzkoy, S 222.51.

Literatur

  • Maisel 2007: Thomas Maisel, Gelehrte in Stein und Bronze. Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien, Wien/Köln/Weimar 2007.
  • Trubetzkoy/Poljakov 2005: Nikolai Trubetzkoy, Fedor Poljakov (Hg.), Russland – Europa – Eurasien. Ausgewählte Schriften zur Kulturwissenschaft, 2005 Wien.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. austria-forum.org/Biografien/N. Trubetzkoy, eingesehen 30. Oktober 2013.
  2. Trubetzkoy/Poljakov 2005, S. 418 und S. 452.
  3. UAW Personalakt N.Trubetzkoy, 3479.
  4. Trubetzkoy/Poljakov 2005, S. 419.
  5. UAW Personalakt N. Tubetzkoy, 3479, Nachruf, 12. Dezember 1938.
  6. Trubetzkoy/Poljakov 2005, S. 522 - 436.
  7. Trubetzkoy/Poljakov 2005, S. 445.
  8. Trubetzkoy/Poljakov 2005, S. 454.
  9. UAW Personalakt N. Trubetzkoy, S 304.1296.
  10. UAW Personalakt N. Trubetzkoy, 3479, Schreiben: Bundesminister an Dekanat der phil. Fakultät, 13. April 1931.
  11. UAW Personalakt N. Trubetzkoy, S 304.1296.
  12. Trubetzkoy/Poljakov 2005, S. 405.
  13. UAW Personalakt N. Trubetzkoy, 3479, Nachruf von P. Kretschmer aus dem Jahr 1938.
  14. Trubetzkoy/Poljakov 2005, S. 422 - 436.
  15. en.wikipedia.org/wiki/Nikolai Trubetzkoy, eingesehen 20. Dezember 2013.
  16. austria-forum.org/Biografien/N. Trubetzkoy, eingesehen 30. Oktober 2013.

Bearbeitung: Christa Dobrzanski

redigiert von: Katharina Dirnberger