Marie Jahoda

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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Marie Jahoda, o.J.

Marie Jahoda (* 26. Januar 1907 in Wien; † 28. April 2001 in Keymer, Sussex, Großbritannien) war Sozialpsychologin. 2016 wurde ihr ein von der Künstlerin Catrin Bolt gestaltetes Denkmal im Arkadenhof der Universität Wien gewidmet: Denkmal Marie Jahoda

Leben

Marie Jahoda wurde am 26. Jänner 1907 als drittes von vier Kindern in Wien geboren. Sie wuchs in einer assimilierten jüdischen Bürgerfamilie auf. Der Vater war Inhaber eines Geschäftes für technische Apparate und die Mutter war Hausfrau.[1] Jahoda besuchte ein privates Realgymnasium in Wien und schloss sich 1924 der "Vereinigung sozialistischer Mittelschüler" an. 1925/26 war sie deren Obfrau und 1926 Sekretärin des landesweiten "Bundes Sozialistischer Mittelschüler Österreichs". Sie veröffentlichte in dessen Organ, der von Ludwig Wagner (1900–1963) herausgegebenen Zeitschrift "Der Schulkampf" 1925, ihren ersten gedruckten Artikel.[2] Nach ihrer Matura 1925 begann Jahoda im darauffolgenden Jahr an der Universität Wien das Studium der Psychologie, besuchte Lehrveranstaltungen in Germanistik und an der Pädagogischen Akademie der Stadt Wien.[3] Daneben ging sie einer Ausbildung zur Volksschullehrerin nach.[4] Von 1928 bis 1929 war Jahoda in Paris und vorübergehend in Ètretat, Seine-Maritime. Zurück in Wien hatte sie bis 1930 eine Anstellung als Projektmitarbeiterin am Berufsberatungsamt der Stadt Wien und der Niederösterreichischen Arbeiterkammer. Jahoda war zwischen 1933 und 1936 an der "Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle" in Wien tätig, einem an die Universität Wien angegliederten Institut. Ihre Promotion erfolgte 1932 bei Charlotte Bühler zum Thema "Anamnesen im Versorgungshaus. Ein Beitrag zur Lebenspsychologie". Zum Umgang mit ihren Ergebnissen sagte Jahoda später, dass Bühler diese in ihren eigenen Publikationen veröffentlichte und nur am Rande erwähnte, dass sie auf Jahodas Forschung beruhten.[5] 1927 heiratete Marie Jahoda den Soziologen Paul Felix Lazarsfeld (1901-1976) geheiratet, der am Institut für Psychologie bei Karl und Charlotte Bühler beschäftigt war.[6] 1934 wurde die Verbindung jedoch wieder aufgelöst. Aus der Ehe ging die gemeinsame Tochter Lotte Franziska hervor.[7] Nachdem Paul Lazarsfeld aus politischen Gründen von einem USA-Aufenthalt nicht mehr nach Österreich zurückkehrte, übernahm Marie Jahoda die Leitung der Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle, war aber auch als Hilfslehrerin in mehreren Volks- und Hauptschulen (1933/34) tätig. Ab 1933 arbeitete sie gemeinsam mit ihrem damaligen Ehemann und Hans Zeisel an ihrer heute bekanntesten Studie "Die Arbeitslosen von Marienthal", welche die Auswirkungen der Massenarbeitslosigkeit für den einzelnen und seine Gemeinschaft dokumentierte.[8] Im folgenden Jahr, ab Jänner 1934, war Jahoda gemeinsam mit Gertrude Wagner (1907-1992) wissenschaftliche Leiterin des Instituts. Wegen ihres politischen Engagements für die Sozialdemokraten – und zur damaligen Zeit damit in der Illegalität –, wurde Jahoda 1936 verhaftet und die Forschungsstelle geschlossen. Nach neun Monaten wurde sie nach internationalem Druck 1937 aus der Haft entlassen. Ihr wurde die Österreichische Staatsbürgerschaft aberkannt und sie emigrierte im selben Jahr nach Großbritannien, wo sie ein Stipendium der Society for the Protection of Science and Learning zugesprochen bekam.[9] [10] Von 1937 bis 1946 blieb Marie Jahoda im Exil in Großbritannien und war u.a. Researcher beim University of Bristol Social Survey (1939), sowie Redakteurin und Sprecherin beim Geheimsender "Radio Rotes Wien" in Woburn bei London im Rahmen des British Foreign Office (1940-1941).[11] Von 1945 bis 1958 lebte Jahoda in den USA. Dort arbeitete sie von 1945 bis 1948 mit Max Horkheimer (1895-1973) zusammen. 1949 wurde sie zunächst Associate Professor für Sozialpsychologie, dann Full Professor am Departement of Psychology und am Center Research for Human Relations in New York.[12] Ihre Forschung beschäftigte sich nun hauptsächlich mit Themen wie Vorurteilen, Gruppenkonflikten und dem Antisemitismus.[13] 1958 kehrte Jahoda nach Großbritannien zurück. Sie heiratete den Labour-Politiker Austen Harry Albu (1903-1994) und lehrte bis 1973 an der Brunel University und an der University of Sussex. Nach einem Schlaganfall 1995 lebte sie bis zu ihrem Tod 2001 zurückgezogen in ihrem Haus in Keymer, West Sussex.[14] Am 24. November 1993 wurde Marie Jahoda mit dem Großen Silbernen Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich ausgezeichnet. 1998/99 erhielt sie das Ehrendoktorat der Universität Wien, 1998/99 wurde am Universitätscampus AAKH der Durchgang von Hof 1 zu Hof 2 als Tor der Erinnerung nach ihr benannt. 2015/2016 wurde das Denkmal im Arkadenhof der Universität Wien von Catrin Bolt geschaffen und enthüllt.

Schaffen

Internationale Bekanntheit erlangte Marie Jahoda durch die Studie über die Arbeitslosen von Marienthal, welche die Auswirkungen der Massenarbeitslosigkeit für den einzelnen und seine Gemeinschaft untersuchte. Dafür war maßgeblich die neuartige soziologische Untersuchungsmethode und das brisante Thema der Massenarbeitslosigkeit verantwortlich.[15] In zahlreichen weiteren Studien und Aufsätzen widmete sie sich dem Einfluss von Arbeitsprozessen auf den Menschen, den Ursachen für Antisemitismus und Rassismus und befasste sich mit Untersuchungsmethoden in der Soziologie.

Schriften (Auswahl)

  • Anamnesen im Versorgungshaus (Ein Beitrag zur Lebenspsychologie), (phil.Diss.), Universität Wien, Wien 1932.
  • gemeinsam mit Paul Lazarsfeld, Hans Zeisel: Die Arbeitslosen von Marienthal. Ein soziographischer Versuch über die Wirkungen langdauernder Arbeitslosigkeit. MIt einem Anhang: Zur Geschichte der Soziographie, bearb. und hrsg. von der Österreichischen Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle, Leipzig 1933.
  • gemeinsam mit Nathan Ward Ackerman: Anti-Semitism and emotional disorder. A psychoanalytic interpretation. New York 1950 (= Studies in prejudice. Social studies series. 5.).
  • Toward a social psychology of mental health. Reprinted from Problems of infancy and childhood, Milton J[ohn] E[dward] Senn, Editor Trans[actions of the] Fourth Conference, Supplement II, Josaiah Macy, Jr. Foundation, New York 1950.
  • The impact of literature. A psychological discussion of some assumptions in the censorship debate. Prepared for the American Book Publishers’ Council by Marie Jahoda and the staff of the Research Centre for Human Relations at New York University, New York 1954.
  • The quality of education offered to majority and minority (Negro, Puerto Rican) children in New York City’s Public Schools, New York 1956.
  • gemeinsam mit Ken Guy/Ben Evans: The Market place for expert systems. A review of the literature in five countries: USA, UK, West Germany, France and Japan. A report to the Industrial Labour Organisation, Geneva, January 1988, Falmer, Brighton: Science Policy Research Unit, University of Sussex 1988.

Literatur

  • Reinhard Müller (Hg.), Marie Jahoda. 1907-2001. Pionierin der Sozialforschung, (Kat. Ausst., Archiv für die Geschichte der Soziologie in Österreich an der Universitätsbibliothek, Graz 2002), Graz 2002.
  • Marie Jahoda, Ich habe die Welt nicht verändert. Lebenserinnerungen einer Pionierin der Sozialforschung, hg. von Sabine Andresen/Claus Koch, Frankfurt am Main 2002.
  • Gerhard Benetka, Marie Jahoda, in: Brigitta Keintzel/Ilse Korotin (Hg.), Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben. Werk. Wirken, Wien/Köln/Weimar 2002, S. 329-333.
  • Brigitte Bauer, Marie Jahoda. Die Utopie einer gerechteren Welt, in: Sibylle Volkmann-Raue/Helmut E. Lücke (Hg.), Bedeutende Psychologinnen. Biographien und Schriften, Weinheim/Basel 2002, S. 231-249.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Brigitte Bauer, Marie Jahoda. Die Utopie einer gerechteren Welt, in: Sibylle Volkmann-Raue/Helmut E. Lücke (Hg.), Bedeutende Psychologinnen. Biographien und Schriften, Weinheim/Basel 2002, S. 233.
  2. http://agso.uni-graz.at/marienthal/biografien/jahoda_marie.htm
  3. http://agso.uni-graz.at/lexikon/klassiker/jahoda/24bio.htm, aufgerufen am 04.12.2018.
  4. Brigitte Bauer, Marie Jahoda. Die Utopie einer gerechteren Welt, in: Sibylle Volkmann-Raue/Helmut E. Lücke (Hg.), Bedeutende Psychologinnen. Biographien und Schriften, Weinheim/Basel 2002, S. 237.
  5. Brigitte Bauer, Marie Jahoda. Die Utopie einer gerechteren Welt, in: Sibylle Volkmann-Raue/Helmut E. Lücke (Hg.), Bedeutende Psychologinnen. Biographien und Schriften, Weinheim/Basel 2002, S. 238.
  6. Brigitte Bauer, Marie Jahoda. Die Utopie einer gerechteren Welt, in: Sibylle Volkmann-Raue/Helmut E. Lücke (Hg.), Bedeutende Psychologinnen. Biographien und Schriften, Weinheim/Basel 2002, S. 237.
  7. http://agso.uni-graz.at/marienthal/biografien/jahoda_marie.htm, aufgerufen am 18.12.2018.
  8. http://geschichte.univie.ac.at/de/personen/marie-jahoda, aufgerufen am 29.11.2018.
  9. http://geschichte.univie.ac.at/de/personen/marie-jahoda, aufgerufen am 07.12.2018.
  10. Brigitte Bauer, Marie Jahoda. Die Utopie einer gerechteren Welt, in: Sibylle Volkmann-Raue/Helmut E. Lücke (Hg.), Bedeutende Psychologinnen. Biographien und Schriften, Weinheim/Basel 2002, S. 246.
  11. http://agso.uni-graz.at/lexikon/klassiker/jahoda/24bio.htm
  12. Brigitte Bauer, Marie Jahoda. Die Utopie einer gerechteren Welt, in: Sibylle Volkmann-Raue/Helmut E. Lücke (Hg.), Bedeutende Psychologinnen. Biographien und Schriften, Weinheim/Basel 2002, S. 246.
  13. Brigitte Bauer, Marie Jahoda. Die Utopie einer gerechteren Welt, in: Sibylle Volkmann-Raue/Helmut E. Lücke (Hg.), Bedeutende Psychologinnen. Biographien und Schriften, Weinheim/Basel 2002, S. 246.
  14. http://agso.uni-graz.at/marienthal/biografien/jahoda_marie.htm
  15. http://geschichte.univie.ac.at/de/personen/marie-jahoda, aufgerufen am 17.01.2019.

Darstellungen


Charlotte Reuß