Leo Graf Thun und Hohenstein

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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Leo Graf von Thun und Hohenstein, Lithographie von Josef Kriehuber, 1850

Leo Graf Thun und Hohenstein (* 7. April 1811 in Tetschen; † 17. Dezember 1888 in Wien) war ein österreichischer Politiker und Autor.

Leben

Leopold, kurz Leo, wurde als drittes Kind des Grafen Franz Anton vom Majorat Tetschen und Theresia Maria, geborene Gräfin Brühl, geboren. Seine Erziehung genoss Leo bei dem Pädagogen Johann Rohrmed, der in den 30er Jahren in Prag ein eigenes Erziehungsinstitut gründete.[1] Nach seinem Studium der Rechtswissenschaften an der Karls-Universität Prag unternahm er zunächst gemeinsam mit seiner Familie Reisen durch die westlichen Länder. Nach seiner Heimkehr ging Leo von Thun und Hohenstein 1836 in den Staatsdienst und arbeitete zunächst am Prager Kriminalgericht, später an unterschiedlichen Dienststellen der Vereinigten Hofkanzlei. Im illyrischen Departement der Vereinigten Hofkanzlei zu Wien angestellt, versuchte er bald die Landessprache zu erlernen.[2] Bereits im Jahre 1837 ließ das Hörvermögen im rechten Ohr bei Thun und Hohenstein bedenklich nach. Trotz mehrfacher, oft schmerzhafter ärztlicher Eingriffe, war er bald rechtsseitig taub. Mit seiner Schrift über das Gefängniswesen betrat er auch die Bühne der Publizistik. [3] Sein soziales Engagement äußerte sich schon in den ersten Jahren seiner öffentlichen Tätigkeiten, wie bei den Gründungen von Rettungsanstalten für hilfebedürftige Jugendliche und ab 1844 von Schutzvereinen für entlassene Sträflinge zur Resozialisierung. [4] Am 22. Juli 1846 ernannte man ihn „im Vertrauen auf seinen bisher bewiesenen Diensteifer und auf seine Geschäftsgewandtheit“ zum Regierungssekretär und Hilfsarbeiter des Grafen Franz Seraph von Stadion in Galizien.[5] Thun und Hohenstein bemühte sich die polnische und die ruthenische Sprache zu erlernen. Später wurde er wieder an die Hofkanzlei zu Wien berufen. Am 14. Oktober 1847 vermählte er sich mit Karoline Gräfin Clam-Martinitz. So lange Thun und Hohenstein in Prag gelebt hatte, war er auch als Mitglied des Museumskomitees zur wissenschaftlichen Pflege der tschechischen Sprache und Literatur tätig gewesen, wofür ihm in Galizien die Zeit fehlte. [6] 1848 erfolgte die Berufung zum Gubernialpräsidenten von Böhmen und 1849 die Ernennung zum österreichischen Minister für Cultus und Unterricht. [7] Ab 1860 war er Reichsrat und Vorsitzender der Katholisch Konservativen. In dieser Funktion setzte er sich erfolglos für die Schaffung eines föderalistischen österreichischen Staates mit weitgehender Autonomie der Teilstaaten ein. Zusätzlich wurde er von der kaiserlichen Akademie in diesem Jahr zum inländischen Ehrenmitglied gewählt.[8] Zwischen 1865 und 1888 war er Herausgeber der Zeitung "Das Vaterland".[9] Ebenso war Thun und Hohenstein ab 1861 Mitglied des österreichischen Herrenhauses und Wortführer der Katholiken. Zwischen 1861 und 1867, 1870 und 1871 sowie von 1883 bis 1888 gehörte er dem böhmischen Landtag an, wo er ab 1883 der tschechischen Autonomiefraktion angehörte.

Am 17. Dezember 1888 verstarb er in Wien. Bei der Einsegnung seiner Leiche im Stephansdom in Wien war der Kaiser Franz Joseph anwesend. Sein Wunsch war es, einfach und außerhalb der Gruft bei Tetschen im Freien begraben zu werden. Da seine Ehe kinderlos geblieben war,[10] übernahm sein Neffe, Franz Graf Thun, Statthalter von Böhmen, die Pflichten des Sohnes und regelte die Beerdigung, wie dieser es gewünscht hatte. Seine letzte Ruhe fand der Graf außerhalb der Kapelle, inmitten der Bäume des Waldes.

Graf Leo Thun und Hohenstein war Träger des Ordens des Goldene Vließ.[11]

"In seiner Gedenkrede entwarf der Präsident des Herrenhauses das folgende kurze Charakterbild, das wohl am besten sein Wesen kennzeichnet: "Die schönsten und edelsten Eigenschaften des Geistes und Herzens zeichneten den Grafen Leo Thun aus. Erfüllt vom wärmsten Patriotismus, war sein Leben seinem Vaterland und allem, was er als edel erkannte, gewidmet. Und wenn im parlamentarischen Leben eine jede mit voller Kraft der Ueberzeugung vertretene Ansicht Gegner findet, so wird dem Grafen Leo Thun gegenüber gewiß auch der Gegner erkannt haben, wie sehr in ihm das edelste Gefühl der Pflicht, für das einzustehen, was er als heilsam und gut erkannt, der Beweggrund seines Denkens seines Handelns und Wirkens war. Unmöglich kann ich hier unerwähnt lassen sein seltenes Rednertalent, durch welches er zum Ruhme und zur Zierde des Hauses beitrug, und mit welchem er sich immer auszeichnete und bewährte als tiefdenkender Staatsmann, als Mann von Edelsinn, charakterfester Ueberzeugung und bis in sein innerstes Wesen durchdrungen von einem warmen Gefühl für Religion und Moral, für alles Gute, Edle und Schöne."" [12]

Zu seinen Ehren wurde im Arkadenhof der Universität Wien von dem Bildhauer Carl Kundmann das Denkmal Leo Graf Thun und Hohenstein errichtet, welches feierlich am 24. Mai 1893 enthüllt wurde.

Leistungen

Leo Graf von Thun und Hohenstein bekleidete viele Ämter. Als er Gubernialpräsident in Prag war, brach am 12. Juni 1848 die Revolution aus. Studenten nahmen Thun und Hohnstein gefangen, um Zugeständnisse zu erpressen. Dank seines diplomatischen Geschicks gelang es ihm, gemeinsam mit dem Fürsten Windischgrätz die Revolution zu beenden.[13]

Am 28. Juli 1849 wurde Thun und Hohenstein zum Minister für Kultus und Unterricht im österreichischen Kaiserstaat ernannt, was es ihm ermöglichte, weitreichende Änderungen im mittleren und höheren Unterrichtswesen durchzusetzen. Das Schulwesen hatte sich durch die von Kaiserin Maria Theresia durchgeführte Reform statt des erhofften Fortschritts eher zurückentwickelt. So hatte das Gymnasium die Organisation des alten Jesuitengymnasiums beibehalten, konnte aber den daraus folgernden Ansprüchen nicht gerecht werden. Die lateinische Sprache wurde nur insoweit gelehrt, als die Schüler den in lateinischer Sprache an der Universität gehaltenen Vorträgen folgen konnten. Griechisch wurde vornehmlich im Hinblick auf die Grammatik unterrichtet. Auf deutsche Philologie verzichtete man ganz. Geschichte und Geographie, Naturwissenschaften und Teile der Mathematik wurden nur oberflächlich behandelt. Ab 1819 blieben die Naturwissenschaften, trotz der großen Fortschritte auf diesem Gebiet, von den Gymnasien vollkommen ausgeschlossen. Diesen Zustand galt es zu verbessern. Die ab 1849 von Leo Graf Thun und Hohenstein veranlassten Anordnungen über das Studienwesen legten ein Auswahlverfahren für Lehrende fest und regelten deren künftiges Gehalt. Neue Prüfungsvorschriften sollten die Ansprüche an die Schüler des Gymnasiums steigern und somit auch den Nachwuchs akademischer Lehrer sichern. Thun und Hohenstein veranlasste die Abfassung neuer Lehrbücher. Im Hochschulwesen gab es ebenfalls weitgreifende Veränderungen. Man ermöglichte den Studenten, die Bücher der Universitätsbibliotheken in erweiterter Weise zu entlehnen.[14] Es wurden Seminare und neue Prüfungsvorschriften eingeführt. Mit der Gründung des Instituts für österreichische Geschichtsforschung erwirkte Thun und Hohenstein zum einen den Beginn vieler Studien zur österreichischen Geschichte, zum anderen die Beteiligung Österreichs an den grossen Aufgaben der deutschen Geschichtsforschung.[15] Eine völlige Erneuerung erfuhren die theologischen Studien. Die evangelisch- theologische Lehranstalt wurde zu einer Fakultät ausgebaut. In Ungarn wurde nicht nur das Mittelschulwesen neuorganisiert, sondern auch die Universität, speziell das Institut der Rechtsakademien, was auch deutsche Juristen wie Gustav Demelius nach Ungarn lockte.

Thun und Hohenstein gehörte zu den Vätern des Konkordats vom 18. August 1855, das der katholischen Kirche umfangreiche staatliche Kompetenzen übertrug. Dabei mitgewirkt zu haben, war für ihn eine der "stolzesten und freudigsten Erinnerungen seines politschen Lebens".„Die große prinzipielle Bedeutung des Konkordates“ bestand nach Thun und Hohenstein darin, „daß in einer Zeit materialistischer Bestrebungen in Österreich die sittliche Idee wieder in den Vordergrund gestellt und ein feierliches Zeugnis für die ewige heilige Grundlage des Rechtes abgegeben werde am Vorabende einer Zeit, in der eben diese Grundlage mehr als je aus den öffentlichen Verhandlungen zu verschwinden schien.“[16] Doch sollten seine Bemühungen in dieser Richtung nicht lange fruchten. Österreich blieb in den Idealen der josephinischen Zeit verhaftet, so dass man es vorzog, am 20. Oktober 1860 den für seine Zeit zu fortschrittlichen Grafen Thun und Hohenstein seines Amtes als Minister zu entheben. Gleichzeitig ernannte man ihn aber zum ständigen Reichsrat und verlieh ihm das Großkreuz des Leopold-Ordens. Kurz nach Thun und Hohensteins Absetzung begann in der inneren Politik Österreichs wiederum eine Lossagung von den christlichen Grundsätzen und von dem beschlossenen Konkordat, welche man euphemistisch als einen Rücktritt von dem geschlossenen Vertrag verkaufte.

Werke

(Auswahl)

  • Die Nothwendigkeit der moralischen Reform der Gefängnisse mit Hinweisung auf die zur Einführung derselben in einigen Ländern getroffenen Massregeln beleuchtet, Prag 1836.
  • Über den gegenwärtigen Stand der böhmischen Literatur und ihre Bedeutung, Prah 1842.
  • Die Stellung der Slowaken in Ungarn beleuchtet, Prag 1843.
  • Die staatliche Zweispaltung Oesterreichs. Rede, gehalten im Herrenhaus den 5. Juni 1867, Wien 1867.
  • Zur Revision des Ungarischen Ausgleichs (1877).

Einzelnachweise

  1. Wurzbach 1882, S. 54, Sp. 1
  2. http://www.kath-info.de/thun.html
  3. Die Nothwendigkeit der moralischen Reform der Gefängnisse mit Hinweisung auf die zur Einführung derselben in einigen Ländern getroffenen Massregeln beleuchtet, Prag 1838.
  4. Wurzbach 1882, S. 54, Sp.1.
  5. http://www.kath-info.de/thun.html
  6. Wurzbach 1882, S .54, Sp. 2.
  7. Wurzbach 1882, S. 56, Sp. 2.
  8. Wurzbach 1882, S. 60, Sp. 2.
  9. Wurzbach 1882, S. 59, Sp. 2
  10. Wurzbach 1882, S. 60, Sp. 2
  11. http://www.kath-info.de/thun.html
  12. Allgemeine deutsche Biographie, Bd.: 38, Thienemann - Tunicius, Leipzig, 1894 S. 211
  13. Wurzbach 1881, S.56, Sp.1
  14. Wurzbach 1882, S. 57, Sp. 1
  15. Frankfurter 1893, S. 36
  16. http://www.kath-info.de/thun.html

Literatur

  • Frankfurter 1893: Dr. S. Frankfurter, Graf Leo Thun, Franz Exner und Hermann Bonitz- Beiträge zur Geschichte der österreichischen Uniterrichtsreform, Wien 1893.
  • Wurzbach 1882: C. v. Wurzbach (hrsg.), Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich XXXXIV, Wien 1887, S. 54- 61.

Weblinks

Darstellungen

Teresa Rosner