Julius Wagner-Jauregg

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
Wechseln zu: Navigation, Suche
Abb. 1: Julius Wagner-Jauregg, Fotografie, o.J., ©ÖNB.

Julius Wagner-Jauregg (bis 1919 Julius Wagner Ritter von Jauregg; * 7. März 1857 in Wels; † 27. September 1940 in Wien) war österreichischer Psychiater und Nobelpreisträger für Medizin (Abb. 1). Er gilt als Begründer der Fiebertherapie zur Behandlung progressiver Paralysen. Das Denkmal von Julius Wagner-Jauregg wurde 1951 auf Antrag des Vereins für Psychiatrie und Neurologie im Arkadenhof der Universität Wien aufgestellt.[1]

Leben

Julius Wagner-Jauregg wurde als Sohn des Finanzjuristen Adolf Johann Wagner (* 1816; † 1894) und der Ludovika Helene, geborene Schmeidel in Wels geboren. Als zweitältester Sohn hatte er zwei Schwestern, Adolfine und Rosa sowie einen Bruder namens Fritz. 1867 verstarb seine Mutter Ludovika Helene.[2]

Der junge Julius Wagner-Jauregg ging zunächst in Wels und Krems an der Donau in die Schule. Als er 15 Jahre alt war, übersiedelte die Familie nach Wien, da sein Vater berufsbedingt dorthin versetzt worden war. Am Wiener Schottengymnasium wurde er in Naturwissenschaften, Latein und Griechisch unterrichtet. Diese Fächer waren für ein Medizinstudium unerlässlich. Wagner-Jauregg konnte die abschließende Matura mit Auszeichnung bestehen. Von seinem ursprünglichen Plan, Philosophie zu studieren, kam er ab und entschied sich gemeinsam mit zwei Klassenkameraden für das Medizinstudium. Die Inskription folgte im Oktober 1874 an der Medizinischen Fakultät Wien.[3] Vor allem sein Vater Adolf hätte ihm das Philosophie-Studium nahegelegt, da aufgrund einer Studienzeit von drei Jahren der Kostenaufwand bedeutend geringer gewesen wäre. Da Wagner-Jauregg aber bereits seit seinem vorletzten Jahr an der Mittelschule bis zum letzten Jahr seines Medizinstudiums aufgrund seiner hervorragenden Leistungen ein Stipendium erhielt, war die Wahl auf das Fach Medizin gefallen.[4]

Als wissbegieriger Student schloss Wagner-Jauregg alle Prüfungen mit Auszeichnung ab und promovierte im Jahr 1880 zum Doktor der gesamten Heilkunde. 1885 wurde er Dozent für Neurologie, drei Jahre später auch für Psychiatrie. Wagner-Jauregg übernahm nach Richard von Krafft-Ebing (* 1840; † 1902) an der Grazer Psychiatrisch-Neurologischen Klinik die Professorentätigkeit. Während seines beruflichen Aufenthaltes in Graz begann er mit der intensiven Untersuchung von Schilddrüsenerkrankungen und des Kretinismus. 1893 wurde Wagner-Jauregg zum ordentlichen Professor an der I. Psychiatrischen Klinik ernannt. Seine Ernennung zum Dekan der Medizinischen Fakultät erfolgte 1895/96. 1902 wurde er Leiter der II. Psychiatrisch-Neurologischen Klinik. Im selben Jahr erhielt er auch den Hofratstitel. Aufgrund seiner herausragenden Leistungen wurde Julius Wagner-Jauregg 1924 für den Nobelpreis vorgeschlagen, die endgültige Verleihung fand aber erst 1927 statt. 1928 folgte dann seine Emeritierung. Bis zu diesem Zeitpunkt war er an der Psychiatrischen Klinik in Wien tätig gewesen.[5]

Julius Wagner-Jauregg starb am 27. September 1940 im Alter von 83 Jahren an einer Lungenentzündung. Auf eigenen Wunsch wurde seine Leiche von Anton Werkgarnter (* 1890; † 1970) obduziert, der eine herdförmige Lungenentzündung sowie eine Verwachsung des Herzens mit dem Herzbeutel, eine Herzkranzgefäßverkalkung, Herzerweiterung und Herzlähmung feststellte. Nach einer am 1. Oktober abgehaltenen Trauerfeier der Universität Wien wurde Wagner-Jaureggs Asche in einem Ehrengrab (Gruppe 32 C Nr. 18) am Wiener Zentralfriedhof beigesetzt.[6] Das Grab selbst wurde in den Jahren 1939/40 von Josef Müllner erschaffen, welcher mit dem Mediziner bis zu dessen Tod eng befreundet war.[7]

Im 14. Wiener Gemeindebezirk ist ein Weg nach Wagner-Jauregg benannt, der sich in unmittelbarer Nähe des psychiatrischen Krankenhauses Steinhof befindet. Die oberösterreichische Landesnervenklinik in Linz ist ebenfalls nach Julius Wagner-Jauregg benannt. 1947 erwarb der Akademische Senat der Universität Wien die Büste des Julius Wagner-Jauregg vom Bildhauer Josef Müllner. Eine Aufstellung im Arkadenhof der Universität Wien erfolgte 1951 auf einen Antrag des Vereins für Psychiatrie und Neurologie.[8]

Julius Wagner-Jauregg war zweimal verheiratet. Seine erste Ehe mit Balbine Frumin wurde 1903 geschieden. Aus der zweiten Ehe mit Anna Koch gingen zwei Kinder hervor: Julia (* 1900) und Theodor (* 1903). Wagner-Jauregg galt als toleranter Mensch, der seine Schüler stets zu hervorragenden Leistungen anspornte und sie inspirierte. Der sportbegeisterte Professor hatte ein hageres und bärtiges Aussehen, das von einem einfachen Habitus und einem starken österreichischen Dialekt begleitet wurde. Wagner-Jauregg galt als bildungshungrig. Bücher las er aber nicht zum Vergnügen, sondern nur zum Zwecke der Wissenschaft. Größere Werke wurden in Teilstücke zerlegt und in der Manteltasche mitgeführt. So war es ihm möglich, diese während den Straßenbahnfahrten zu lesen.[9]

Wagner-Jauregg stand dem nationalsozialistischen Gedankengut durchaus positiv gegenüber. Er propagierte öffentlich, sich zu dieser Ideenwelt zu bekennen und unterstützte die Taten des Führers. Obwohl er schon über 80 Jahre alt war, begeisterte sich Wagner-Jauregg wie ein Jugendlicher für die Ideologie des Dritten Reichs. Als eine Wiener Medizinische Gesellschaft ins Leben gerufen wurde, die für die Fortführung der traditionellen Wiener Schule ohne Juden plädierte, war er einer der ersten, der sich dieser anschloss.[10] Aufgrund dessen gab es in Wien heftige Diskussionen über eine Umbenennung sowohl des Gemeindebaus als auch der Straße, die den Namen Julius Wagner-Jaureggs tragen.[11] Seine Rolle während des Nationalsozialismus wird seit 2005 kontroversell diskutiert.[12] Einem Bericht einer im Auftrag des Landes OÖ eingesetzten Kommission zur Untersuchung, ob Wagner-Jauregg als historisch belastet anzusehen sei, wird er zwar als gesellschaftspolitisch konservativ und als unterstützendes Mitglied der Großdeutschen Volkspartei bezeichnet, wird hier aber letztlich als „nicht historisch belastet“ eingestuft, was vor allem vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands kritisiert wurde.[13]

Schaffen

Abb. 2: Elfriede Hanak-Broneder, Julius Wagner-Jauregg mit Mitarbeitern an seiner Klinik bei einer Malariablutüberimpfung an einem Patienten, Fotografie, 1934.

Julius Wagner-Jauregg widmete sich im Laufe seiner medizinischen Laufbahn unterschiedlichen Bereichen der Medizin. Besondere Bedeutung erlangte er durch die Erfindung der Fiebertherapie zur Behandlung von progressiver Paralyse. Hierfür wurde ihm auch 1927 der Nobelpreis verliehen. Weiters wurden ihm zahlreiche Ehrungen zuteil, zu denen Ehrenmitgliedschaften, -doktorate, - zeichen, Vorsitzendentätigkeiten und Präsidentschaften in zahlreichen Ländern zählten. Zu Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere beschäftigte sich Wagner-Jauregg mit der Physiologie, deren Kenntnisse er während einer Anstellung am Institut für allgemeine und experimentelle Pathologie unter Salomon Stricker (* 1834; † 1898) erwarb. Nicht zu diesem Fachgebiet berufen, bewarb er sich erfolglos an der I. und II. Medizinischen Klinik. Nur durch Zufall erfuhr Wagner-Jauregg von einer Assistentenstelle an der Psychiatrischen Klinik, deren Leitung Maximilian von Leibesdorf (* 1818; † 1889) innehatte. Die Aussicht auf gleiches Gehalt, unentgeltliches Wohnen und Verpflegung überzeugten Wagner-Jauregg und er wechselte in die Psychiatrie. 1883 machte er während seinen Forschungsarbeiten eine folgenschwere Entdeckung: Nach hohen fieberhaften Krankheiten hatte sich der Zustand von Geisteskranken deutlich verbessert. Zur gleichen Zeit beschäftigte sich Wagner-Jauregg auch mit Fragen zum Kretinismus und Kropf und stellte dabei fest, dass es zu Krampfanfällen kam, wenn bei Tieren der Kropf operativ entfernt worden war. Schon bald erkannte er, dass es einen Zusammenhang zwischen Schilddrüse und Kretinismus gab. In weiterer Folge konnte er beweisen, dass die Schilddrüsensubstanz bei Kretins unter dem Normalwert lag und infolgedessen der Geist zurückblieb. Daraufhin wurde dem Kochsalz Jod beigefügt und vor allem in Kropfgegenden angeboten, worauf ein Rückgang der Kropferkrankung zu erkennen war. Ebenso gab es erfolgreiche Tabletten gegen Kretinismus. Wagner-Jaureggs wichtigste wissenschaftliche Publikation “Über die Einwirkung fieberhafter Erkrankungen auf Psychosen” bildete das zentrale Element seiner Forschung, nämlich der Behandlung der progressiven Paralyse. Zahlreiche Versuche, Fieber künstlich mithilfe von Tuberkulin und lebenden Keimen zu erzeugen, scheiterten. Zusammen mit E. Boeck gab es eine weitere Versuchsreihe mit Tuberkulin, die nun endlich zum gewünschten Erfolg führte. Bei den Patienten konnten eine längere Lebensdauer sowie ein Nachlassen der Symptome verzeichnet werden. Als Wagner-Jauregg seine Erfolge in einer Publikation zusammenfasste, gab es sowohl von seinen Kollegen als auch auf dem 16. Internationalen medizinischen Kongress 1909 in Budapest keine Resonanz. Erst 1919 gelang ihm mit “Über die Einwirkung der Malaria auf die progressive Paralyse” der Durchbruch. Mithilfe eines Tertiana-Malaria-Stammes konnte künstliches Fieber erzeugt und maßgebliche Erfolge erzielt werden. (Abb. 2) In weiterer Folge gelang Wagner-Jauregg eine Verbesserung der Therapie sowie eine Dämmung aller Gefahren, die für Patienten entstehen konnten.

Weiters entwarf er Leitsätze zur Irrengesetzgebung, Strafgesetz- und Strafverfahrensreform und zum Alkoholproblem und dessen Heilung. Vor allem plädierte er auf staatliche Irrenanstalten für kriminelle Irre, welche hier gesondert untergebracht und behandelt werden konnten. Seit Wagner-Jauregg ist das Fach Psychiatrie auch zu einem Pflichtfach des Medizinstudiums geworden.[14]

Schriften

  • Über krankhafte Triebhandlungen, 1912.
  • Erfahrungen über Kriegsneurosen, 1917.
  • Telepathie und Hypnose im Verbrechen, 1919.
  • Über Suggestion, Hypnose und Telepathie, 1919.
  • Kropf und Vollsalz, 1925.
  • Die Kropfbekämpfung in Vorarlberg. Erfolge eines fünfjährigen Versuches, 1929.
  • Über Eugenik, 1931.
  • Über Kropfaetiologie, 1933.
  • Kropfbekämpfung und Kropfverhütung in Österreich, 1938.
  • Lebenserinnerungen. Hrsg. und erg. von L. Schönbauer und M. Jantsch, 1950. [posthum]

Literatur

  • Angetter 2003: Daniela C. Angetter, Die österreichischen Medizinnobelpreisträger, Wien 2003.
  • Budig 1995: Robert S. Budig (u.a.), Ehrengräber am Wiener Zentralfriedhof, Wien 1995.
  • Chorherr 1985: Thomas Chorherr (Hg.), Große Österreicher, Wien 1985.
  • Maisel 2007: Thomas Maisel, Gelehrte in Stein und Bronze. Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien, Wien 2007.
  • Meißel 2008: Theodor Meißel, Julius Wagner-Jauregg (1857-1940). Wegbereiter der modernen biologischen Psychiatrie, Wien 2008.
  • Neugebauer 2008: Wolfgang Neugebauer (Hg.), Julius Wagner-Jauregg im Spannungsfeld politischer Ideen und Interessen – eine Bestandsaufnahme. Beiträge des Workshops vom 6./7. November 2006 im Wiener Rathaus, Wien (u.a.) 2008.
  • Perko 2004: Walter Perko, Der akademisches Bildhauer Josef Müllner (1879-1968), in: Katalogblätter des Rollettmuseums Baden, Nr. 16, Baden 2004, 2. Auflage.
  • Schindler 2006: Christine Schindler, Schwerpunkt: Erinnerungskultur, Wien 2006.
  • Tragl 2011: Karl Heinz Tragl, Geschichte der Gesellschaft der Ärzte in Wien seit 1838 als Geschichte der Medizin in Wien, Wien 2011, S. 140-142.
  • Whitrow 1993: Magda Whitrow, Julius Wagner-Jauregg (1857-1940), London 1993.

Einzelnachweise

  1. Maisel 2007, S. 75.
  2. Angetter 2003, S. 27.
  3. Angetter 2003, S. 27-28.
  4. Whitrow 1993, S. 9.
  5. Angetter 2003, S. 28-40.
  6. Angetter 2003, S. 42-43.
  7. Perko 2004, S. 21-22.
  8. Maisel 2007, S. 75.
  9. Angetter 2003, S. 40-41.
  10. Angetter 2003, S. 42.
  11. http://sciencev1.orf.at/science/news/101117, 21.08.2015
  12. http://geschichte.univie.ac.at/de/personen/julius-wagner-jauregg-prof-dr, 21.08.2015
  13. Abschnitt Verhältnis zum Nationalsozialismus auf https://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Wagner-Jauregg und das PDF des Berichts der Kommission (2005) via https://www.forum-zeitgeschichte.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/forum-geschichte/Gutachten_Wagner_Jauregg_O%C3%96_2005.pdf, 21.08.2015
  14. Angetter 2003, S. 28-40.

Weblinks

Darstellungen


Carola Auer, Verena Sulzbachner