Julius Tandler: Unterschied zwischen den Versionen

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Tandler gehörte zu den Ärzten die den Weltruf der Wiener medizinischen Schule mitbegründeten.
Tandler gehörte zu den Ärzten die den Weltruf der Wiener medizinischen Schule mitbegründeten.
Nach Tandler war die Aufgabe eines Arztes nicht nur die Behandlung von Krankheiten, sondern genauso das Verhindern jener (Prophylaxis).
Nach Tandler war die Aufgabe eines Arztes nicht nur die Behandlung von Krankheiten, sondern genauso das Verhindern jener (Prophylaxis).
Ihm war bewusst, dass der Gesundheitszustand jedes Menschen auch von seinen sozialen Verhältnissen abhängig ist, aus diesem Grund setzte er sich stark für die Sozialschwachen ein.
Ihm war bewusst, dass der Gesundheitszustand jedes Menschen auch von seinen sozialen Verhältnissen abhängig ist, aus diesem Grund setzte er sich stark für die sozial Schwachen ein.
Besonders lag ihm die Bekämpfung der hohen Säuglingssterblichkeit und der Tuberkulose am Herzen. 1927 führte er das kostenlose Säuglingswächsepaket und gesundheitliche Kontrollen für die werdende Mütter ein.
Besonders lag ihm die Bekämpfung der hohen Säuglingssterblichkeit und der Tuberkulose am Herzen. 1927 führte er das kostenlose Säuglingswäschepaket und gesundheitliche Kontrollen für die werdenden Mütter ein.
In Zusammenarbeit mit dem Chirurgen Leopold Schönbauer (1888-1963) gründete Tandler die erste Krebsberatungsstelle in Wien. Das Krankenhaus Lainz wurde zum Zentrum für medizinische Forschung (Einsetzung Radium zur Bestrahlung) und zu einem der größten Alterspflegeheime Europas.  
In Zusammenarbeit mit dem Chirurgen Leopold Schönbauer (1888-1963) gründete Tandler die erste Krebsberatungsstelle in Wien. Das Krankenhaus Lainz wurde zum Zentrum für medizinische Forschung (Einsetzung Radium zur Bestrahlung) und zu einem der größten Alterspflegeheime Europas.  
Im Rahmen seiner Sozialpolitik wurde ein Netz von Einrichtungen wie Kindergärten und Kinderhorten, Mutterberatungsstellen und Schulzahnkliniken geschaffen.
Im Rahmen seiner Sozialpolitik wurde ein Netz von Einrichtungen wie Kindergärten und Kinderhorten, Mutterberatungsstellen und Schulzahnkliniken geschaffen.
Tandler ist es gelungen neben seinen sozialen Engagements auch eine wissenschaftliche Tätigkeit erfolgreich zu betreiben. Er veröffentlichte zahlreiche Publikationen, u.a. sein Hauptwerk, ein vierbändiges Lehrbuch der systematischen Anatomie.<ref>Sablik 2010.</ref>
Tandler ist es gelungen neben seinem sozialen Engagement auch seine wissenschaftliche Tätigkeit erfolgreich zu betreiben. Er veröffentlichte zahlreiche Publikationen, u.a. sein Hauptwerk, ein vierbändiges Lehrbuch der systematischen Anatomie.<ref>Sablik 2010.</ref>


Tandler sprach sich auch zu dem umstrittenen Thema des sogenannten "unwertes Leben" aus. Seiner Ansicht nach gebe der Staat zuviel Geld für dessen Erhaltung aus. In einer seiner Schriften bemerkte er unter anderem: "Gewiß, es sind ethische, es sind humanitäre oder fälschlich humanitäre Gründe, welche dagegen sprechen, aber schließlich und endlich wird auch die Idee, daß man lebensunwertes Leben opfern müsse, um lebenswertes zu erhalten, immer mehr und mehr ins Volksbewußtsein dringen."<ref>Julius Tandler, Ehe und Bevölkerungspolitik III., Vortrag in Wien 1923, in: Wiener Medizinische Wochenschrift, 74. Jahrgang, Nr. 6, 02.02.1924, S. 305-306.</ref>
Tandler sprach sich auch zu dem umstrittenen Thema "unwertes Leben" aus. Seiner Ansicht nach gebe der Staat zuviel Geld für dessen Erhaltung aus. In einer seiner Schriften bemerkte er unter anderem: "Gewiß, es sind ethische, es sind humanitäre oder fälschlich humanitäre Gründe, welche dagegen sprechen, aber schließlich und endlich wird auch die Idee, daß man lebensunwertes Leben opfern müsse, um lebenswertes zu erhalten, immer mehr und mehr ins Volksbewußtsein dringen."<ref>Julius Tandler, Ehe und Bevölkerungspolitik III., Vortrag in Wien 1923, in: Wiener Medizinische Wochenschrift, 74. Jahrgang, Nr. 6, 02.02.1924, S. 305-306.</ref>


Julius Tandler gestaltete 1923 zusammen mit der Gemeinde Wien die Gruppe 'Wirtschaftshilfe der Arbeiterstudenten'. In der Billrothstraße 9 wurden entsprechende Räumlichkeiten bezogen. Später, 1954, wurde dieses Gebäude als 'Julius Tandler Heim' bekannt.<ref>Sablik 2010, S. 337.</ref>
Julius Tandler gestaltete 1923 zusammen mit der Gemeinde Wien die Gruppe 'Wirtschaftshilfe der Arbeiterstudenten'. In der Billrothstraße 9 wurden entsprechende Räumlichkeiten bezogen. Später, 1954, wurde dieses Gebäude als 'Julius Tandler Heim' bekannt.<ref>Sablik 2010, S. 337.</ref>

Version vom 15. März 2015, 22:19 Uhr

Abb. 1: Julius Tandler

Julius Tandler (*16. Februar 1869 in Jihlava, † 26. August 1936 in Moskau) war ein österreichischer Anatom, Politiker und Gerichtsmediziner. Ihm zu Ehren wurde ein Denkmal im Arkadenhof der Universität Wien aufgestellt, es befindet sich im Quergang an einer Ecke auf Platz Nummer 76. [1]

Leben

Julius Tandler kam am 16. Februar 1869 in Iglau/Jihlava (Mähren) zur Welt. Er lebte von Anfang an in sehr ärmlichen Verhältnissen. Nachdem die Bemühungen seines Vater sich als Kaufmann in Iglau zu etablieren erfolglos blieben, zog die Familie nach Wien, wo sein Vater eine Anstellung als Redaktionsdiener angenommen hatte. Tandlers Schulzeit ist von einem häufigen Wechsel begleitet, so besuchte er mehrere Volksschulen und Gymnasien. Er war kein guter Schüler und musste eine Klasse wiederholen. 1889 legte Julius Tandler seine Matura ab.[2]

Tandlers Universitätslaufbahn begann 1889/90 mit der Einschreibung in das Fach Medizin. Die Wiener Universität war weltweit führend in dieser Ausbildungsrichtung. Am 1. April 1892 rückte Tandler in den aktiven Militärdienst ein, er war für ein Jahr ein freiwilliger Mediziner auf Staatskosten [3] Sein Universitätsstudium absolvierte er unter so bekannten Professoren wie Hermann Nothnagel, Eduard Albert, Friedrich Schauta, Anton Weichselbaum und Theodor Billroth. Aber auch Ernst Fuchs, Edmund Neusser und Salomon Stricker waren seine Lehrer.[4] 1895 promovierte Tandler zum Doktor der Medizin und wurde bei dem Anatomen Emil Zuckerkandl Assistent, nachdem er zuvor zwei Jahre als sein Demonstrator tätig war. 1899 folgte dann die Tandlers Habilitation für Anatomie, vergleichende Anatomie und Entwicklungsgeschichte. 1903 wurde er zum unbesoldeten außerordentlichen und 1910 zum ordentlichen Professor der Anatomie berufen, sozusagen als Nachfolger Zuckerkandls. Tandler hatte zu diesem Zeitpunkt bereits das Institut inoffiziell geleitet, da Zuckerkandl aus gesundheitlichen Gründen oft fehlte.[5]

Seine erste Vorlesung hielt Tandler am 18. Oktober 1910, das Thema war 'Anatomie und Klinik'. [6] Später dann hielt er auch Vorträge zu 'Anatomie der äußeren Körperformen', aber auch zahlreiche Nebenvorlesungen die seine wissenschaftlichen Tätigkeiten widerspiegeln.[7] Ab 1914 war Tandler Dekan an der Medizinischen Fakultät[8] und dabei so vielbeschäftigt, dass sich die Fertigstellung seines vierbändigen Lehrbuches 'Das Lehrbuch der Anatomie' verzögerte. Erst Ende 1918 war der erste Band abgeschlossen. War es als 'Lehrbuch der deskriptiven Anatomie' anfangs in Auftrag gegeben, wurde schlussendlich ein Buch über die 'Systematische Anatomie' daraus.[9]

"Sind schon in Friedenszeiten die Ärzte sozial tätig, so tritt nun an sie die Aufgabe heran, in der Reihe der sozialen Reformatoren an dem großen Werke mitzuarbeiten."[10] Dieser Gedanke führte Julius Tandler in die Politik. Bereits in jungen Jahren wurde ihm eine Anhängerschaft bei der Sozialdemokratischen Partei nachgesagt.[11] Etwa seit dem Jahre 1900 gilt Julius Tandler als deklarierter Sozialdemokrat.[12] Tandler war aber vor allen Dingen Anatom und dies bis zum Zeitpunkt seiner Zwangspensionierung im Jahre 1934.[13]

Julius Tandler war unter anderem an Reformen im Medizinstudium und an der Verbesserung der Ausbildung der Militärärzte interessiert.[14] Bereits um das Jahre 1913 beschäftigte sich Julius Tandler mit der Konstitutionslehre[15], dies griff er in der Zeit des ersten Weltkrieges wieder auf und startete Versuche an Soldaten im Feld.[16] Am 24. März 1916 hielt Tandler einen Vortrag zum Thema 'Krieg und Bevölkerung' in dem er seine Eindrücke des Krieges verarbeitete.[17]

Nach Kriegsende wurde das 'Staatsamt für soziale Fürsorge' von Ferdinand Hanusch besetzt, Tandler war diesem in Freundschaft und Wertschätzung verbunden. Am 9. Mai 1919 folgte die Bestellung zum Unterstaatssekretär und Leiter des Volksgesundheitsamtes, unter ihm wurde das Krankenanstaltengesetz von 1920 geschaffen.[18] Julius Tandler wurde im Mai 1919 Mitglied im Gemeinderat Wien und im November 1920 als Stadtrat für Wien angelobt. Im Zuge seines Amtsantrittes folgte ein Umstrukturierung und Aufgliederung der Magistratsabteilungen.[19] Tandler engagierte sich als amtsführender Stadtrat stark für das Wohlfahrts- und Gesundheitswesen und sorgte für den Aufbau eines umfassenden Fürsorgesystems.[20]

Tandler machte sich beim Ausbau des Krankenhauses Lainz verdient, welches 1913 eröffnet wurde.[21] 1934 reiste Julius Tandler nach China, bei seiner Rückkehr wurde er aufgrund seiner politischen Gesinnung inhaftiert und erhielt im Gefängnis ein Schreiben mit der Mitteilung seiner Zwangspensionierung.[22] 1936 folgte Tandler einer Einlandung aus Moskau, dies sollte seine letzte Reise sein. Julius Tandler verstarb in der Nacht des 25. August 1936 durch Herzschwäche und Darmlähmung.[23]

Schaffen

Tandler gehörte zu den Ärzten die den Weltruf der Wiener medizinischen Schule mitbegründeten. Nach Tandler war die Aufgabe eines Arztes nicht nur die Behandlung von Krankheiten, sondern genauso das Verhindern jener (Prophylaxis). Ihm war bewusst, dass der Gesundheitszustand jedes Menschen auch von seinen sozialen Verhältnissen abhängig ist, aus diesem Grund setzte er sich stark für die sozial Schwachen ein. Besonders lag ihm die Bekämpfung der hohen Säuglingssterblichkeit und der Tuberkulose am Herzen. 1927 führte er das kostenlose Säuglingswäschepaket und gesundheitliche Kontrollen für die werdenden Mütter ein. In Zusammenarbeit mit dem Chirurgen Leopold Schönbauer (1888-1963) gründete Tandler die erste Krebsberatungsstelle in Wien. Das Krankenhaus Lainz wurde zum Zentrum für medizinische Forschung (Einsetzung Radium zur Bestrahlung) und zu einem der größten Alterspflegeheime Europas. Im Rahmen seiner Sozialpolitik wurde ein Netz von Einrichtungen wie Kindergärten und Kinderhorten, Mutterberatungsstellen und Schulzahnkliniken geschaffen. Tandler ist es gelungen neben seinem sozialen Engagement auch seine wissenschaftliche Tätigkeit erfolgreich zu betreiben. Er veröffentlichte zahlreiche Publikationen, u.a. sein Hauptwerk, ein vierbändiges Lehrbuch der systematischen Anatomie.[24]

Tandler sprach sich auch zu dem umstrittenen Thema "unwertes Leben" aus. Seiner Ansicht nach gebe der Staat zuviel Geld für dessen Erhaltung aus. In einer seiner Schriften bemerkte er unter anderem: "Gewiß, es sind ethische, es sind humanitäre oder fälschlich humanitäre Gründe, welche dagegen sprechen, aber schließlich und endlich wird auch die Idee, daß man lebensunwertes Leben opfern müsse, um lebenswertes zu erhalten, immer mehr und mehr ins Volksbewußtsein dringen."[25]

Julius Tandler gestaltete 1923 zusammen mit der Gemeinde Wien die Gruppe 'Wirtschaftshilfe der Arbeiterstudenten'. In der Billrothstraße 9 wurden entsprechende Räumlichkeiten bezogen. Später, 1954, wurde dieses Gebäude als 'Julius Tandler Heim' bekannt.[26]

Die Stadt Wien beschloss in einer Gemeinderatssitzung am 8. April 1960, dass von der Stadt Wien eine Medaille zu Ehren Prof. Dr. Julius Tandlers geschaffen werden soll. In Gold, Silber oder Bronze, je nachdem, soll sie Personen, die sich entsprechend verdient gemacht haben, verliehen werden. Natürlich soll sie auch an Julius Tandler erinnern. Rudolf Schmidt hat die Medaille gestaltet.

1964 wurde die Kinderübernahmestelle in Wien Alsergrund umgebaut. Bei der Neueröffnung am 22. November 1965 erfolgte auch gleich eine Umbenennung in 'Julius-Tandler-Heim'.

An Tandlers Geburtshaus in Iglau befindet sich seit 26. September 1969 eine Tafel, die Julius Tandler, den bedeutenden Anatom und fortschrittlichen Politiker, ehrt. Sie wurde anlässlich des 100. Geburtstages Tandlers von der 'Vereinigung tschechoslowakischer Ärzte' angebracht.[27]

Schriften

  • Das Kind im Wachsen und Werden, 1912.
  • Anatomie des Herzens, 1913.
  • Die biologischen Grundlagen der sekundären Geschlechtscharaktere, 1913.
  • Topographische Anatomie dringlicher Operationen, Berlin 1916.
  • Lehrbuch der systematischen Anatomie, 4 Bände, 1918-1929.
  • Über Sanitätspflege in Stadt und Land. Wien. klin. Rundschau 33, 1919, S. 171- 174.
  • Gemeinde und Gesundheitswesen. Die Gemeinde. Halbmonatsschrift für sozialdemokratische Kommunalpolitik 8, 1920, S. 165ff.
  • Ehe und Bevölkerungspolitik, 1924.
  • Wohltätigkeit oder Fürsorge?, 1925.
  • Aufgaben der kommunalen Wohlfahrtspflege. ÖGZ 2, Nr. 13, 1925, S. 43-49.
  • Zur Psychologie der Fürsorge, 1926, S. 5-12.
  • Die Anstaltsfürsorge der Stadt Wien für das Kind, Wien 1930.
  • Das Wohlfahrtsamt der Stadt Wien, 1931.

Literatur

  • Maisel 2007: Thomas Maisel, Gelehrte in Stein und Bronze. Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien, Wien u.a. 2007, S. 69.
  • Melinz 2006: Gerhard Melinz, Tandler, in: Neue Deutsche Biographie, Historische Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Hans Günter Hockerts (Hg.), Bd. 25, München 2006, S. 776-777.
  • Sablik 2010: Karl Sablik, Julius Tandler: Mediziner und Sozialreformer, Frankfurt/M; Wien [u.a.] 2010.

Einzelnachweise

  1. Maisel 2007, S. 69.
  2. Sablik 2010, S. 11-15.
  3. Sablik 2010, S. 16-18.
  4. Sablik 2010, S. 20.
  5. Melinz 2006, S. 776.
  6. Sablik 2010, S. 32.
  7. Sablik 2010, S. 56.
  8. Sablik 2010, S. 86: Tandler wurde am 26.6.1914 zum Dekan der Medizinischen Fakultät gewählt.
  9. Sablik 2010, S. 78-79.
  10. Sablik 2010, S. 85: Zitat Julius Tandler, 1916.
  11. Sablik 2010, S. 23.
  12. Sablik 2010, S. 137.
  13. Sablik 2010, S. 85.
  14. Sablik 2010, S. 94-106.
  15. Sablik 2010, S. 64.
  16. Sablik 2010, S. 110.
  17. Sablik 2010, S. 113.
  18. Sablik 2010, S. 159-177.
  19. Sablik 2010, S. 190.
  20. Sablik 2010, S. 206-251.
  21. Sablik 2010, S. 260-265.
  22. Sablik 2010, S. 311-313.
  23. Sablik 2010, S. 318-321.
  24. Sablik 2010.
  25. Julius Tandler, Ehe und Bevölkerungspolitik III., Vortrag in Wien 1923, in: Wiener Medizinische Wochenschrift, 74. Jahrgang, Nr. 6, 02.02.1924, S. 305-306.
  26. Sablik 2010, S. 337.
  27. Sablik 2010, S. 337.

Weblinks

  • Eintrag zu Julius Tandler in Austria-Forum [1]
  • Eintrag zu Julius Tandler in Weblexikon der Wiener Sozialdemokratie [2]
  • Eintrag zu Julius Tandler auf Wikipedia [3]

Hanna Sumislawska-Glessner, Verena Sulzbachner