Johann Heinrich Dumreicher

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Johann Heinrich von Dumreicher, ©ÖNB.

Johann Heinrich Dumreicher Freiherr von Österreicher (ab 1866), * 15.Jänner 1815 Triest - † 16. November 1880 auf seinem Landgut Januševec bei Agram/Zagreb, Kroatien, war ein österreichischer Chirurg, der sich vor allem durch seine Lehrtätigkeit an der Universität Wien und als Reformator des Militär-Sanitätswesens auszeichnete. Sein Denkmal im Arkadenhof der Universität Wien wurde von Adalbert Eduard Saff ausgeführt.

Leben

Johann Heinrich Dumreicher war der Sohn von Johann Dumreicher (seit 1806 Edler von Österreicher 1769- 1848), einem Großkaufmann in Wien, und seiner Gattin Amalia Waldburga (1785-1834). Er studierte Physik in Verona und Medizin an der Universität Wien. In seiner Dissertation „De unione medicinae et chirurgiae“ aus dem Jahr 1838 setzte er sich mit der längst notwendig gewordenen Vereinigung zwischen Medizin und Chirurgie auseinander.

1841 wurde er Assistent von Joseph von Wattmann, bei dem er sich in Chirurgie und Orthopädie ausbilden ließ; 1844 „akademischer Dozent der praktischen Chirurgie, Nosologie und Operationslehre“[1] ; 1846 Primarchirurg und 1848 Direktionsadjunkt im Allgemeinen Krankenhaus in Wien.

1849 erhielt er, nachdem Wattmann in den Revolutionstagen 1848 abgesetzt worden war, als Ordinarius die Leitung der I. Chirurgischen Universitätsklinik im Allgemeinen Krankenhaus, die er bis 1879 innehatte. Hier befasste er sich umfassend, wie auch schon zuvor Wattmann, mit der Anatomie und Mechanik der Verrenkungen.[2]

Durch eine – vor allem literarisch ausgetragene Fehde mit dem deutschen Chirurgen Bernhard Rudolf Konrad von Langenbeck, dem Lehrer Billroths, hatte er auch mit letzterem von Beginn an keine guten Beziehungen. Ebenso harmonierte er nicht mit seinem Kollegen Franz Schuh, der für Wattmann eingetreten war und wie Billroth, Neuerungen wesentlich aufgeschlossener war als Dumreicher.

1861-1863 gehörte er als Liberaler dem Gemeinderat an.

Verheiratet war er seit 1844 mit Franziska Sautier (* 29.4.1820-1887). Sein ältester Sohn Armand Freiherr von Dumreicher (1845-1908) war ein bekannter Schulreformer und Politiker.

Ursprünglich wurde Dumreicher in der Familiengruft am Friedhof St. Leonhard in Graz bestattet, 1899 erfolgte die Überführung auf den Friedhof Hetzendorf in Wien (Bestattung am 27.1.1899, Gruppe 3, Nummer G 14).

Im 22. Wiener Gemeindebezirk ist seit 1953 die Dumreichergasse nach ihm benannt.

Schaffen

1849 wurde Dumreicher Professor an der II. Chirurgischen Klinik, die damals zum Zweck der Ausbildung von Wundärzten bestand.

Dumreicher war ein ausgezeichneter und sehr beliebter Lehrer, der durch seine umfassenden und leicht verständlichen Ausführungen vor allem Studenten am Beginn ihres Studiums eine feste Basis für ihre weiteren Arbeiten bot, und sie so auf die folgenden, schwierigeren, Semester vorbereitete. Aus seinen Studenten gingen zahlreiche bedeutende Chirurgen hervor. Darüber hinaus konnte er in speziellen Vorlesungen auch seine Vorliebe für Orthopädie weitergeben, was letztendlich zur großen Ära der Wiener Orthopädie führen sollte. Zu seinen bedeutendsten Schülern zählten u.a. Eduard Albert, Leopold von Dittel d. Ä., Robert Ultzmann, Albert Mosetig, Wenzel von Linhart, Karl Nicoladoni sowie der bedeutende Orthopäde Adolf Lorenz, der Vater des Verhaltensforschers Konrad Lorenz.

Nach den Kriegen gegen Italien, 1859, und Preußen, 1866, stellte er sich und seine Klinik der Armee zur Verfügung. Er bereiste nach der Schlacht bei Königgrätz den Kriegsschauplatz, besuchte Lazarette und erwarb sich als oberster Sanitätschef Verdienste um die Reorganisation des militär-ärztlichen Sanitätswesens. Hier entstand auch die Fehde mit Professor Langenbeck, die ihren literarischen Niederschlag in der Broschüre „Erwiderung von Prof. von Dumreicher an Prof. von Langenbeck. Zur Lazarethfrage“ (1867) fand.[3]

Dumreicher stand Neuerungen äußerst skeptisch gegenüber und akzeptierte jene erst, wenn sie sich bewährt hatten. Misserfolge, die bei der Entwicklung neuer Methoden unumgänglich sind, lehnte er kategorisch ab. Seine konservative Einstellung drückte sich auch in seiner Arbeit aus - so opponierte er lange gegen die Lister’sche Antiseptik, die erst spät in seiner Klinik eingeführt wurde. Wobei anzumerken ist, dass in seiner Klinik durch peinlichst eingehaltene Reinlichkeit und den Einsatz von Chlorkalklösungen, lediglich zwei Mal der gefürchtete Spitalsbrand auftrat. Ebenso ablehnend stand er einer neuen, fortschrittlicheren Studien- und Rigorosenordnung gegenüber. Seine diesbezügliche Meinung drückte er in seinem Essay „Über die Nothwendigkeit von Reformen des Unterrichts an den medicinischen Facultäten Österreichs“ (1878) aus. Als Angehöriger des alt-österreichischen Adels stand er der josephinischen Idee, dem Staat gute Praktiker zu liefern, wesentlich näher, als Studenten mit Forschungen und Entwicklungen vertraut zu machen. Er trat in seiner Schrift aber auch für den so wichtigen Unterricht am Krankenbett ein, der die Wiener medizinische Schule im 18. Jahrhundert berühmt gemacht hatte, da das Studium mittlerweile zu einem reinen Hörsaalunterricht degradiert worden war. Dies war einer der wenigen Punkte, in denen er auch mit Billroth übereinstimmte.

Als Operateur war Dumreicher bemüht, einen chirurgischen Eingriff möglichst klein zu halten und schonend auszuführen. So zerstückelte er bei einer Nekrotomie lieber den Sequester, als dass er ihn durch Entfernung gesunder Knochenteile freigelegt hätte. Er war – wie auch Billroth – ein Gegner der damals gepriesenen Resektion kariöser Gelenke. Dumreicher war ein meisterhafter Chirurg und befasste sich als einer der ersten Kliniker in Wien auch mit orthopädischen Fragen, so auch in einer Arbeit über Verrenkung des Hüftgelenks. Sein Vorschlag, die verzögerte Kallusbildung durch Stauung anzuregen, fand zu seiner Zeit beträchtliche Beachtung.[4]

Dumreicher war Ehrenpräsident der Gesellschaft der Ärzte in Wien und erhielt in Würdigung seiner Verdienste zahlreiche Auszeichnungen, so unter anderem den Franz-Josef-Orden mit Sternen und den Leopold-Orden, der ihm, ebenso wie der Freiherrentitel, für seine Leistung bei der Reorganisation des Militär-Sanitätswesens verliehen wurde.[5]

Werke / Schriften

Dumreichers Schriften sind nicht sehr zahlreich und reichen nicht an seine Bedeutung als Lehrer heran:

  • De unione medicinae et chirurgiae, Dissertation, Wien 1838.
  • Zeitfragen, betreffend die Universität, mit besonderer Beziehung auf Medicin, von Dr. Carl Rokitansky, Wien 1864.
  • Erwiderung von Prof. von Dumreicher an Prof. von Langenbeck. Zur Lazarethfrage, Wien 1867. [[1]]
  • Über Wundbehandlung, in: Wiener Medizinische Wochenschrift, 1877.
  • Über die Nothwendigkeit von Reformen des Unterrichts an den medicinischen Facultäten Österreichs, Wien 1878.
  • Hüftgelenkluxation, Quelle: [6]
  • Über einen von ihm konstruierten Eisenbahnapparat zur Verwendung bei Knochenbrüchen, Quelle: [7]

Literatur

  • Biographisches Lexikon: Österreichische Akademie der Wissenschaften (Hg.), Dumreicher von Österreicher, Johann Frhr., in: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815-1915, Band 1, Wien 1957, S 204.
  • Czeike 2004: Felix Czeike, Historisches Lexikon Wien, 2, Wien 2004, S 109.
  • Hirsch 1885: August Hirsch (Hg.), Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker, 2, Wien/Leipzig 1885, S 236. [[2]]
  • Leskyx 1978: Erna Lesky, Die Wiener Medizinische Schule im 19. Jahrhundert, Graz/Köln 1978.
  • Maisel 2007: Thomas Maisel, Gelehrte in Stein und Bronze. Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien, Wien 2007, S 75.
  • Medizinische Wochenschrift 1880: Wiener medizinische Wochenschrift, Nr. 47, 1880, Spalte 1295-1298.
  • Pagel 1901: Julius Leopold Pagel (Hg.), Dumreicher, Johann v. Oesterreicher, in: Biographisches Lexikon hervorragender Ärzte des 19.Jahrhundets, Berlin/Wien 1901, Spalte 426-427.
  • Schönbauer 1959: Leopold Schönbauer, Dumreicher von Oesterreicher, Johann Heinrich Georg Freiherr, in: Neue Deutsche Biographie, 4, Berlin 1959, S 192. Onlinefassung: [[3]], abgerufen am 3.4.2013.

Weblinks

Wikipedia-Artikel zu Johann Heinrich Dumreicher [[4]]

Einzelnachweise

  1. Schönbauer, 1959, S 192.
  2. Lesky, 1978, S 70.
  3. Lesky, 1978, S 201.
  4. Schönbauer, 1959, S 192.
  5. Wiener Medizinische Wochenschrift, 1880, Spalte 1297.
  6. Medizinische Wochenschrift 1880, Spalte 1296.
  7. Medizinische Wochenschrift 1880, Spalte 1297.

Darstellungen


Gabriele Böhm-Nevole, SoSe 2013

Redigiert: Elena Koren SoSe 2014