Hugo Weidel

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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Porträt Hugo Weidel, ©ÖNB.

Hugo Weidel (* 13. November 1849 Wien; † 7. Juni 1899 Wien) war ein österreichischer Chemiker. Aufgrund seiner wissenschaftlichen Leistungen wurde er 1906 mit einem Denkmal im Arkadenhof der Universität Wien geehrt.

Leben

Hugo Weidel wurde am 13. November 1849 als Sohn des Gerichtsadvokaten Dr. Adalbert Weidel in Wien geboren. Er studierte an der technischen Hochschule in Wien Chemie unter Heinrich Hlasiwetz.[1] Nach seiner Ausbildung bei Hlasiwetz, unter dem er bereits seine erste wissenschaftliche Arbeit publizierte,[2] verließ Weidel Wien um bei Bunsen und Helmholtz in Heidelberg zu lernen und 1870 zu promovieren.[3] Nach seiner Promotion kehrte er in seine Heimatstadt zurück und wurde Assistent von Hlasiwetz. Im Jahre 1874 wurde Weidel Adjunct am I. Chemischen Universitätslaboratorium, welches ab 1876 unter der Leitung von Ludwig Barth von Barthenau stand. Hugo Weidel konnte sich 1878 habilitieren und blieb in seiner Stellung als Adjunct dem I. Chemischen Institut bis 1886 erhalten. In dieser Zeit konnte er sich wissenschaftlich entfalten und wurde - als einer seiner engsten Mitarbeiter - von Ludwig Barth von Barthenau in vielerlei Hinsicht gefördert.[4] Für seine Studien über Theer wurde Weidel 1880 mit dem Lieben-Preis ausgezeichnet. In dieser Zeit nahm er als Reserveleutnant am Bosnien-Feldzug teil, von dem er an Malaria erkrankt zu seiner Familie zurückkehrte. Im Jahre 1886 erhielt Hugo Weidel die ordentliche Professur der Chemie und Agrikulturchemie an der k.k. Hochschule für Bodenkultur in Wien. Nur wenige Jahre später sollte er jedoch wieder an das I. Chemische Institut wechseln. Nach dem Tod von Ludwig Barth von Barthenau 1890 wurde der Chemiker 1891 von der Hochschule für Bodenkultur abberufen, um die Nachfolge des Verstorbenen als Leiter des I. Chemischen Laboratoriums zu übernehmen.[5] Der Chemiker Guido Goldschmiedt, der sich ebenfalls um diese Stelle bemüht hatte, war aufgrund seiner jüdischen Herkunft gescheitert - er musste sich mit der vakant gewordenen Stelle an der Hochschule für Bodenkultur, die zuvor Weidel inne hatte, zufrieden geben.[6] Einer der engsten Mitarbeiter Weidels in dieser Zeit war Rudolf Wegscheider, der später ebenfalls das I. Chemische Institut leiten und neu gestalten sollte.[7] Wegscheider spielte außerdem in der Errichtung des Weidel-Denkmals für den Arkadenhof der Universität Wien eine wichtige Rolle.

Seit 1890 war Weidel korrespondierendes Mitglied der mathematisch-naturwissenschaftlichen Classe der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften,[8] welcher er seit 1893 als wirkliches Mitglied angehörte. Hugo Weidel brach am 7. Juni 1899 während einer Vorlesung zusammen und verstarb kurz darauf unerwartet an seiner Arbeitsstätte im Kreise seiner Schüler.[9] Seine letzte Ruhestätte fand Weidel am Wiener Zentralfriedhof (Gr. 71A, R. 1, Nr. 6).[10]

Schaffen

Adolf Lieben sagte über Hugo Weidel: "Immer wurden ihm die Tage zu kurz, er zweigte Stunden der Nacht für seine Arbeit ab; die Woche war nicht lang genug, er half sich, indem er sowohl an Sonntagen als auch an Feiertagen arbeitete, das akademische Jahr reichte nicht aus, er verwendete die Ferienzeit. Offensichtlich wusste er, dass seine Lebenszeit sehr kurz bemessen war..."[11] Ähnliches überliefert auch Viktor von Lang, der Weidels Leidenschaft für Chemie mit folgenden Worten beschreibt: "Sein Eifer für dieselbe erlahmte auch nie, ihr widmete er, spärliche Ferien ausgenommen, fast alle Tage seines Lebens, ja auch einen großen Theil seiner Nächte."[12]

Weidel untersuchte gemeinsam mit Hlasiwetz das Peucedanin, das Oroselon und auf Hlasiwetz und Liebigs Anregung hin setzte er sich mit den Bestandteilen des Fleischextraktes auseinander. Er konnte in diesem Bereich einige Arbeiten veröffentlichen.[13] Der Chemiker beschäftigte sich außerdem sehr früh mit Alkaloiden, vor allem mit Cinchonin und mit Heterocyclen.[14] Ebenfalls unter Hlasiwetz begann Weidel mit seiner Untersuchung von Oxidationsprodukten bestimmter Alkaloiden mit Salpetersäure. Studien, die sich als Meilensteine der Alkaloidforschung erweisen sollten. Mit diesen Studien einhergehend identifizierte Weidel beispielsweise die Nicotinsäure, die zwar bereits 1876 durch Huber aufgefunden wurde, aber noch nicht chemisch erforscht worden war. Des Weiteren entdeckte Weidel die Cinchoninsäure, die Cinchomeronsäure und die Carbocinchomeronsäure. Im Jahre 1879 untersuchte Weidel außerdem Oxidationsprodukte des Alkaloids Berberin, welches in Rinde und Blätter der Berberitze enthalten ist. Weidel setzte sich auch mit dem Knochenöl, im Besonderen mit der Erforschung der Pyridine und Chinoline, auseinander.[15] Viktor von Lang zufolge führte Weidel viele seiner Arbeiten in Verbindung und Zusammenarbeit mit anderen, häufig jüngeren Chemikern aus, die ihm als Hilfskräfte zur Verfügung standen.[16] Von großer Bedeutung waren, neben den genannten Forschungen Weidels Studien über animalisches Theer[17], wofür er 1880 mit dem Lieben-Preis ausgezeichnet wurde.[18] Seine Forschungen in diesem Bereich wurden unterbrochen durch den Bosnien-Feldzug, an dem Weidel als Reserveleutnant teilnahm. Auch seine Forschungen über die Pyridincarbonsäuren können zu seinen wichtigsten Forschungstätigkeiten gezählt werden.

Immer wieder wird Weidels Lehrtalent hervorgehoben. Seine Begabung als Lehrender ist hier, im Bezug zu seinem Schaffen, anzusprechen, weil aus seiner Lehrtätigkeit zahlreiche Arbeiten mit jungen Chemikern hervorgegangen sind und viele seiner Ideen und Anregungen in Arbeiten anderer Chemiker und Schüler zum Ausdruck gekommen sind.[19] Viktor von Lang äußert sich dazu folgendermaßen: "Für die Arbeiten seiner Schüler empfand Weidel das größte Interesse, und der Unterricht im Laboratorium machte ihm wirkliche Freude. Es ward ihm auch die Liebe und Anhänglichkeit seiner Schüler im höchsten Maße zutheil, und ihre Trauer bei seinem Scheiden war nicht geringer als die seiner nächsten Freunde und Collegen."[20]

Schriften oder Werke

Folgende Schriften (Auswahl) erschienen in den "Sitzungsberichten der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften":

  • Untersuchung des Sandelholzes (1869)
  • Zur Kenntniss des Nicotins (1872)
  • Oxydation des Cinchonins (1875)
  • Ueber das Cubebin (1877)
  • Ueber das Quassiin (mit Goldschmiedt, 1877)
  • Ueber den Ixolyt (1877)
  • Verhalten des Resorcins gegen Salzsäure (mit Barth, 1877)
  • Ueber die Einwirkung von Brom auf das Triamidophenol bei Gegenwart von Wasser (mit Gruber, 1877)
  • Ueber eine Modification der Sauer'schen Schwefelbestimmungsmethode (mit von Schmidt, 1877)
  • Analyse des Säuerlinges von O'Tura (mit Goldschmiedt, 1877)
  • Ueber das Berberin (1878)
  • Einwirkung von Salzsäure auf Resorcin (mit Barth, 1878)
  • Studien über Verbindungen aus dem animalischen Theer (1. Picolin 2. Die nicht basischen Bestandteile) (mit Giacomo L. Ciamician,[21] 1879)
  • Ueber die Bildung der Cinchomeronsäure aus Chinin und deren Identität mit einer Pyridindicarbonsäure (mit Schmidt, 1879)
  • Studien über Verbindungen aus dem animalischen Theer (3. Lutidien) (mit Herzig, 1880)
  • Studien über Verbindungen aus dem animalischen Theer (4. Verhalten des Knochenleims bei der trockenen Destillation) (mit G. L. Ciamician, 1880)
  • Ueber Derivate der Cinchonsäure und des Chinolins (mit A. Cobenzl, 1880)
  • Ueber eine Tetrahydrocinchoninsäure (1881)
  • Zur Kenntnis der Dichinoline (1881)
  • Ueber eine der α-Sulfocinchoninsäure isomere Verbindungen und Derivate derselben (1881)
  • Beiträge zur Kenntnis der Tetrahydrocinchoninsäure (1882)
  • Zur Kenntnis der Cincho- und Pyrocinchonsäure (mit Brix, 1882)
  • Ueber das Cinchonin (mit Hazura, 1882)
  • Studien über Pyridinabkömmlinge (mit Blau, 1885)
  • Zur Kenntnis der Isocinchomeronsäure (mit Herzig, 1885)
  • Zur Constitution des α-Dichinolins (mit Strache, 1886)
  • Zur Kenntnis einiger Dichinolylverbindungen (mit Gläser, 1886)
  • Studien über Reactionen des Chinolins (zwei Abhandlungen, mit Bamberger, 1886/87)
  • Zur Kenntnis der Oxydationsproducte des Py-α-Py-α-Dichinolyls (mit Wilhelm, 1886)
  • Ueber die Entstehung einiger Phenylchinolin-Derivate (mit Georgiewics, 1888)
  • Studien über stickstofffreie, aus den Pyridincarbonsäuren entstehenden Säuren (1890)

Literatur

  • Czeike 2004: Felix Czeike, Historisches Lexikon Wien, Band 5 Ru-Z, Wien 2004.
  • DBE 2008: Rudolf Vierhaus (Hg.), Deutsche Biographische Enzyklopädie (DBE), Band 10 Thies-Zymalkowski, München 2008². (Anm.: Weidel-Beitrag von Soukup).
  • Eisenberg 1893: Ludwig Eisenberg, Das Geistige Wien. Künstler- und Schriftsteller-Lexikon. 2. Band: Medicinisch-naturwissenschaftlicher Theil. Mittheilungen über Wiener Fachschriftsteller und Gelehrte auf dem Gebiete der Medicin (nebst Thierheilkunde und Pharmacie) und Naturwissenschaften, Wien 1893.
  • von Lang 1900: Viktor Edler von Lang, Nekrolog und Porträt von Hugo Weidel, in: Bericht der Gesammt-Akademie und der mathematisch-natur-wissenschaftlichen Classe, erstattet von Generalsecretär V. v. Lang (S. 267-314), in: Almanach der kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, 50. Jg., Wien 1900, S. 290-293.
  • Rosner 2004: Robert W. Rosner, Chemie in Österreich. 1740-1914. Lehre - Forschung - Industrie, Wien/Köln/Weimar 2004.
  • Soukup 2004: Rudolf Werner Soukup, Hugo Weidel 1849-1899. Ein bedeutender Naturstoffchemiker, in: Die wissenschaftliche Welt von gestern. Die Preisträger des Ignaz L. Lieben-Preises 1865-1937 und des Richard Lieben-Preises 1912-1928. Ein Kapitel österreichischer Wissenschaftsgeschichte in Kurzbiografien, hg. von Rudolf Werner Soukup im Auftrag der Universität Wien, Wien/Köln/Weimar 2004, S. 56-61.
  • Wegscheider 1906: Rudolf Wegscheider, Bericht über die Errichtung eines Denkmales für Hugo Weidel im Arkadenhof der Wiener Universität. Mit einer Abbildung des Denkmales, Wien 1906. (Anm.: Der Bericht enthält: Aufruf zur Denkmalserrichtung (Vgl. UAW Senat S 96.12, Z 1257, Beilage: Nachruf auf Prof. Hugo Weidel, Wien, im Februar 1900), Ansprache des Universitätsrektors Hofrat Prof. Dr. Eugen Philippovich v. Philippsberg sowie Abdruck der Gedenkrede auf Hugo Weidel von Rudolf Wegscheider anlässlich der Denkmalsenthüllung am 5. Mai 1906; Verzeichnis der Spender und Rechnungsabschluss.).

"Zeitungsbeiträge":

  • Professor Weidel gestorben, in: Arbeiterzeitung, Nr. 155, 8. Juni 1899.
  • Wegscheider 1899: Rudolf Wegscheider, Hugo Weidel † (Nachruf, Wien, am 11. Juni 1899), in: Sonder-Abdruck der "Oesterr. Chemiker-Zeitung", Nr. 12, Wien 1899. (13 Seiten)

Einzelnachweise

  1. von Lang 1900, S. 290.
  2. Laut Viktor von Lang handelt es sich hierbei um eine Arbeit über zwei Körper, die er im Sandelholz fand. Vgl. von Lang 1900, S. 291. - Vgl. ebenso Wegscheider 1899, S. 1.
  3. von Lang 1900, S. 291. - Rosner 2004, S. 232. - Soukup 2004, S. 56.
  4. von Lang 1900, S. 291. - Rosner 2004, S. 231. - Soukup 2004, S. 56.
  5. von Lang 1900, S. 292. - Rosner 2004, S. 223. - Wegscheider 1899, S. 6.
  6. Pesek/Lohmann 2012, S. 90 und 93. - Rosner 2004, S. 232.
  7. Rosner 2004, S. 232. - Soukup 2004, S. 60.
  8. von Lang 1900, S. 292. - Soukup 2004, S. 59.
  9. von Lang 1900, S. 293. - Rosner 2004, S. 232.
  10. Soukup 2004, S. 60. - Professor Weidel gestorben, in: Arbeiterzeitung, Nr. 155, 8. Juni 1899. Hier wird seine letzten Stunden folgendermaßen geschildert: "Nach seiner Vorlesung, d. er von 8 bis 9 Uhr Früh abhielt, begab er sich wie gewöhnlich in das Laboratorium, in dem die Studenten arbeiten; hier befiel ihn ein plötzliches Unwohlsein. Man brachte ihn in sein nahegelegenes Arbeitszimmer, wo er nach kurzer Zeit verschied." - Noch genauer erfahren über die Umstände seines Todes im Nachruf bei Wegscheider 1899, S. 12: "Am Abend des 6. Juni noch war er in bester Stimmung; am 7. hielt er von 7 bis 8 Uhr Früh wie gewöhnlich seine Vorlesung und begab sich dann in seine Arbeitsräume. Um 8 3/4 fühlte er sich plötzlich sehr unwohl. Er begab sich in die Abtheilung für Vorgeschrittene, wo Dr. med. Tscherne mit einer wissenschaftlichen Arbeit beschäftigt war. Dieser erkannte sofort die Gefahr, berief den Privatdocenten der inneren Medicin Dr. Ortner und brachte Weidel in sein Schreibzimmer zurück. Nach kurzer Zeit erlag er in Gegenwart des Genannten, sowie des Prof. Herzig einem Herzschlag. Er hat einen schönen Tod gefunden. Er starb mitten in seiner Thätigkeit wie ein Soldat auf dem Schlachtfelde, noch nicht 50 Jahre alt, ein Opfer der Wissenschaft."
  11. Zit. n. Soukup 2004, S. 60.
  12. Zit. von Lang 1900, S. 291. - Vgl. ebenso Wegscheider 1899, S. 12: "Dass ein Mann von dieser Veranlagung fast nur im Laboratorium lebte, ist der beste Beweis dafür, wie sehr Weidel die Wissenschaft liebte." - Vgl. Soukup 2004, S. 60. - Wegscheider zufolge lehnte Weidel die Wahl zum Dekan der Philosophischen Fakultät ab, weil er damit weniger Zeit im Laboratorium hätte verbringen können, Vgl. Wegscheider 1899, S. 7.
  13. von Lang 1900, S. 291. - Wegscheider 1899, S. 1-2.
  14. Rosner 2004, S. 232, 281 und 288.
  15. Soukup 2004, S. 56-58. - Wegscheider 1899, S. 2 und 4.
  16. von Lang 1900, S. 291-292.
  17. Vergleiche hierzu: Studien über Verbindungen aus dem animalischen Theer mit Giacomo L. Ciamician, Josef Herzig und Behrendt Pick, 5-teilig, 1879-85. Vgl. DBE 2008, S. 473. - Vgl. ebenso Wegscheider 1899, S. 4-5.
  18. Soukup 2004, S. 58.
  19. von Lang 1900, S. 292.
  20. Zit. von Lang 1900, S. 292.
  21. Giacomo L. Ciamician war ein Schüler Weidels, dessen Talent zuerst von Weidel erkannt wurde. Ciamician entwickelte sich zu einem führenden organischem Chemiker Italiens. Vgl. Soukup 2004, S. 58.

Darstellungen


Julia Horner, Magdalena Fleming