Heinrich Obersteiner

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
Wechseln zu: Navigation, Suche
Baelz, Heinrich Obersteiner, Lithographie, o.J. Bildrechte: Archiv der Universität Wien.
Porträtbüste: Heinrich Obersteiner (1847-1922); 1907 gewidmet; Arkadenhof der Universität Wien; Nr. 120; die 1907 dem Neurologischen Institut gewidmete Büste wurde 1997 in den Arkadenhof verlegt.[1]
Elfriede Hanak-Broneder, Obersteiner, Heinrich und Marburg, Otto im Laboratorium des Neurologischen Instituts in Wien, Fotografie, o.J.
Obersteinergasse im 19. Wiener Gemeindebezirk. Bildrechte: Carola Auer.
Grab der Familie Obersteiner am Friedhof Döbling, Wien, Bildrechte: Carola Auer.

Heinrich Obersteiner (* 13. November 1847 in Wien; † 19. November 1922 ebenda) war österreichischer Neurologe. Er gilt als Begründer der morphologischen Hirnforschung sowie der Neuroanatomie. Das Denkmal Heinrich Obersteiner befindet sich im Arkadenhof der Universität Wien.

Leben

Heinrich Obersteiner wurde am 13. November 1847 als Sohn des bekannten Arztes und Direktors der Privatirrenanstalt Wien-Oberdöbling Heinrich Obersteiner sen. (* 1820; † 1891) in Wien geboren. 1865 konnte der junge Heinrich das Wiener Schottengymnasium mit Auszeichnung beenden und inskribierte noch im selben Jahr an der Wiener Medizinischen Universität. Noch während seiner Studienzeit war er am Physiologischen Institut unter Ernst Wilhelm von Brücke (* 1819; † 1892) tätig und ging ersten wissenschaftlichen Forschungen nach. 1870 folgte die Promotion zum Dr. med. Noch im gleichen Jahr wechselte Obersteiner an Universitäten in Deutschland und England, um dort die Organisation der Nervenheilanstalten zu studieren. 1872 kehrte er nach Wien zurück und übernahm die Stelle als Direktor und Nachfolger seines Vaters an der Döblinger Privatirrenanstalt, die er bis 1917 erfolgreich betreiben konnte. Obersteiner habilitierte sich 1873 mit seiner Arbeit “Der Status epilepticus” zum Privatdozenten für Physiologie und Pathologie des Nervensystems.[2] 1880 wurde er zum außerordentlichen Professor berufen, 1898 erhielt er den Titel tit. o. Prof. der Anatomie und Pathologie des Nervensystems an der Universität Wien.[3] Obersteiners Wunsch der Errichtung eines Institutes für Anatomie und Physiologie des zentralen Nervensystems konnte 1882 erfüllt werden. Eine große Anzahl an Studenten, darunter auch Constantin von Economo und Otto Marburg, reiften in diesen Räumen zu hervorragenden Wissenschaftlern heran. Forschungsergebnisse wurden zum größten Teil in den von Obersteiner herausgegebenen 22 Bänden der “Arbeiten aus dem Neurologischen Institut an der Wiener Universität” publiziert. Die Publikationen des Neurologischen Instituts wurden neben zahlreiche Sprachen auch ins Russische und Italienische übersetzt.[4] Diese Forschungen wurden vorrangig durch private Förderungen Obersteiners durchgeführt, da vom Staat kein Geld für das neu gegründete Institut zu erwarten war. Auch die Institutsräume an sich waren in einem sehr beklagenswerten Zustand, einzig die für die Wissenschaft benötigten Geräte waren auf dem neuesten Stand. Besserung sollte sich jedoch erst mit der Übersiedlung in das Pharmakologische Institut einstellen, welche im Jahr 1900 erfolgte. Im Zuge dessen wurde auch der Name in “Neurologisches Institut” geändert.[5] Das von Obersteiner gegründete Neurologische Institut war das weltweit erste Zentrum für wissenschaftliche Hirnforschung. Zu den Forschungsschwerpunkten zählten unter anderem die morphologische Hirnforschung, die Physiologie des Nervensystems sowie die normale, vergleichende und pathologische Anatomie der Nerven.[6] Aufgrund seiner wissenschaftlichen Leistungen war Obersteiner Mitglied an Einrichtungen wie der Akademie der Wissenschaften, der Universität von Oxford und zahlreichen Medizinischen Gesellschaften.[7] Das inländische Interesse an seinen Forschungen und Erfolgen hielt sich trotz großer internationaler Erfolge in Grenzen, weshalb ihm auch finanzielle Unterstützung verwehrt wurde.[8] 1919 folgte dann die Emeritierung Obersteiners, die Leitung des Institutes übernahm sein Assistent Otto Marburg. Bereits 1905 hatte Heinrich Obersteiner seinen gesammelten wissenschaftlichen Bestand an Fachliteratur, der annähernd 40.000 Bände beinhaltete, an das Institut übergeben und dieses mit der Weiterführung der Bibliothek beauftragt.[9] Noch heute bilden diese gesammelten Werke einen Großteil der sogenannten Obersteiner-Bibliothek an der Medizinischen Universität Wien. Am 19. November 1922 verstarb Heinrich Obersteiner in Wien an den Folgen einer lang andauernden Arteriosklerose. Er wurde auf dem Döblinger Friedhof (Gruppe 6/Gruft 1) beigesetzt.[10] 1938 benannte man jene Gasse nach Obersteiner, in der sich die ehemalige private Nervenheilanstalt befunden hatte, die unter seinem Vater Heinrich Obersteiner sen. gegründet worden war.[11] Bereits 1907 ließen seine Schüler eine Büste errichten, die im Neurologischen Institut ihren Platz fand. Anlässlich des 150. Geburtstages des Wissenschaftlers im Jahr 1997 wurde die Büste in den Arkadenhof der Universität Wien verlegt.[12]

Heinrich Obersteiner wurde als liebenswerter und bescheidener Mensch beschrieben, dem die Förderung der eigenen Schüler besonders am Herzen lag. Er besaß eine nicht allzu große Gestalt, die von einem adelig anmutenden Antlitz begleitet wurde. Dieses sei wohl von seiner Herkunft abzuleiten, denn Obersteiners Vorfahren sollen einem rheinländischen Rittergeschlecht angehörig gewesen sein. Als Mäzen seines eigenen Instituts tat sich Obersteiner besonders hervor, obwohl er in den letzten Lebensjahren mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Aufgrund des 1. Weltkrieges war fast sein gesamtes Vermögen wertlos geworden, weshalb er auch dazu gezwungen war, seine Privatanstalt zu veräußern. Anschließend bezog er eine Villa nebenan, die er aber letztendlich ebenfalls veräußern musste, um seiner Witwe eine angemessene Summe an Geld hinterlassen zu können.[13]

Schaffen

Heinrich Obersteiner widmete sich im Laufe seiner wissenschaftlichen Karriere vorrangig der Physiologie und Pathologie des Gehirns und gilt als Begründer der strukturellen Hirnforschung sowie der Neuroanatomie.[14] Beachtliche Beiträge leistete er auch hinblicklich der Systematisierung der theoretischen Neurologie und deren Anwendung im klinischen Bereich der Psychiatrie. In seiner Habilitationsschrift zum Thema “Der Status epilepticus” befasste sich Obersteiner vorrangig mit dem Phänomen der Allocheirie. Die Allocheirie beschreibt die abnorme Verlegung eines Empfindungsreizes in das symmetrische Glied bei Tabes, multipler Sklerose und Hysterie. Ebenfalls in dieser Publikation behandelt werden die Korrelation von Syphilis und Paralyse, Intoxikationspsychosen, Stoffwechsel- und Funktionsstörungen des Zentralnervensystems und die Hypnosebehandlung als erfolgreiches Heilmittel in der Medizin. 1888 erschien das wichtigste Lehrbuch Obersteiners, “Anleitung beim Studium des Baues der nervösen Centralorgane im gesunden und kranken Zustande” (insgesamt 5 Auflagen), welches sich zu einem Standardwerk für Hirnforscher aus dem In- und Ausland entwickelte und in zahlreichen Sprachen publiziert wurde.[15] Neben dem international anerkannten Hauptwerk zählten zu den weiteren Forschungsgebieten Heinrich Obersteiners das Kleinhirn, Studien über Lymph- und Blutgefäße sowie die Tabes. Wissenschaftliche Untersuchungen über die Vererbbarkeit gewisser Eigenschaften und ihrer Disposition im Nervensystem wurden ebenfalls von ihm durchgeführt.[16] Heinrich Obersteiners Leistungen waren aber nicht nur auf wissenschaftlichem Gebiet zu verzeichnen, er förderte aus eigenen Mitteln sein neu gegründetes Institut, welches im Laufe der Jahre zu einer angesehenen Institution und Pilgerstätte unter Neurologen weltweit aufgestiegen war. Somit gelang es dem österreichischen Neurologen einen entscheidenden Beitrag zur weltweiten Entwicklung und Gründung von Hirnforschungsinstituten beizusteuern.[17]

Heinrich Obersteiner beschrieb gemeinsam mit Emil Redlich (* 1866; † 1930) die Hinterstrangsdegeneration. Hiervon leitet sich der Begriff der Redlich-Obersteiner’schen Zone ab. Redlich-Obersteiner’sche Zone: Grenze zwischen zentralem und peripheren Nervensystem.

Schriften oder Werke (Auswahl)

  • Der Status epilepticus, 1873.
  • Anleitung beim Studium des Baues der nervösen Centralorgane im gesunden und kranken Zustande, 1888.
  • Arbeiten aus dem Institut für Anatomie und Physiologie des Centralnervensystems an der Wiener Universität, ab 1892.
  • Die Lehre vom Hypnotismus. Eine kurzgefasste Darstellung, 1893.
  • Zur vergleichenden Psychologie der verschiedenen Sinnesqualitäten, 1905.

Literatur

  • Czeike 1995: Felix Czeike, Historisches Lexikon Wien, Band 4, Wien 1995.
  • Maisel 2007: Thomas Maisel, Gelehrte in Stein und Bronze. Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien, Wien 2007.
  • Marburg 1917: Otto Marburg, Heinrich Obersteiner zu seinem 70. Geburtstage, in: Wiener Medizinische Wochenschrift, Nr. 46, Jahrgang 67, Wien 1917, Sp. 2013-2016.
  • Roth 1977: Gerhard Roth, Obersteiner Heinrich, in: Österreichisches Biografisches Lexikon 1815-1950, Band 7, Wien 1977, S. 194.
  • Stransky 1957: Erwin Stranksy, Erinnerungen an Heinrich Obersteiner zum 31. Juli 1957, in: Wiener Klinische Wochenschrift, Nr. 30, Jahrgang 69, Wien 1957, S. 537-538.
  • Tragl 2007: Karl Heinz Tragl, Chronik der Wiener Krankenanstalten, Wien 2007.

Einzelnachweise

  1. Unidam der Universität Wien (Stand: 17.05.2014)
  2. Austria-Forum.
  3. Roth 1977, S. 194.
  4. Marburg 1917, Sp. 2014-2015.
  5. Stransky 1957, S. 537.
  6. Austria-Forum.
  7. Roth 1977, S. 194.
  8. Austria-Forum.
  9. Marburg 1917, Sp. 2015.
  10. Austria-Forum.
  11. Czeike 1995, S. 435.
  12. Maisel 2007, S. 90.
  13. Stransky 1957, S. 538.
  14. Maisel 2007, S. 90.
  15. Austria-Forum.
  16. Marburg 1917, Sp. 2015.
  17. Roth 1977, S. 194.

Weblinks

Darstellungen

  • Archiv der Universität Wien, Baelz, Heinrich Obersteiner, Lithographie, o.J. (14.05.2013).
  • Richard Kauffungen, Denkmal Heinrich Obersteiner, Porträtbüste, 1907 erschaffen, 1997 in den Arkadenhof der Universität Wien verlegt (Nr. 120).
  • Denkmal Heinrich Obersteiner, Detailansicht mit Inschrift, 1907 errichtet, 1997 in den Arkadenhof der Universität Wien verlegt (Foto: Carola Auer).
  • Unidam der Universität Wien, Archiv der Universität Wien, Elfriede Hanak-Broneder, Obersteiner, Heinrich und Marburg, Otto im Laboratorium des Neurologischen Instituts in Wien, Fotografie, o.J. (Stand 17.05.2013).
  • Denkmal Heinrich Obersteiner (Bildrechte: Carola Auer).
  • Obersteinergasse, 19. Bezirk, Wien, seit 1938 (Bildrechte: Carola Auer).
  • Grab der Familie Obersteiner, Friedhof Döbling, Wien (Bildrechte: Carola Auer).

Carola Auer, 2013

Zuletzt redigiert und bearbeitet im SS 2014.