Heinrich Lammasch

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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Fotographie von Heinrich Lammasch, ©ÖNB.

Heinrich Lammasch (*21.05.1853 in Seitenstetten, Niederösterreich; † 06.01.1920 in Salzburg), war ein österreichischer Jurist sowie letzter k.k. Ministerpräsident.[1] Das Denkmal Heinrich Lammasch befindet sich im Arkadenhof der Universität Wien.

Leben

Heinrich Lammasch wurde als Sohn eines Notars im Niederösterreichischen Seitenstetten geboren.[2] Er absolvierte das Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Wien, das er 1876 mit dem Dr. jur. abschloss. Seine berufliche Laufbahn begann er am Institut für Strafrecht, an dem Lammasch bereits seit 1879 als Privatdozent (Habilitation im selben Jahr) arbeitete, bis er 1882 zum ao. Prof. und 1885 zum o. Prof. für Strafrecht, Rechtsphilosophie und Völkerrecht an die Universität Innsbruck berufen wurde. Bereits 1889 kehrte er an die Lehranstalt in Wien zurück.[3] Bis 1914 war er an der Wiener Universität als Professor für Strafrecht tätig und lehrte insbesondere in den Gebieten Asyl- und Auslieferungsrecht. Neben einer universitären Laufbahn strebte Lammasch ab der Mitte der 1880er Jahre eine politische Karriere an und wurde 1899 von Kaiser Franz Joseph I. ins Herrenhaus berufen.[4] Lammasch war maßgeblich an der Ausarbeitung eines neuen Strafgesetzbuches beteiligt.[5] Er wirkte 1899 sowie 1907 als Berater der österreichisch-ungarischen Vertretung bei der Haager Friedenskonferenz.[6] In vier Fällen, den Venezuela-Streitigkeiten 1904, im Maskat-Fall 1905, im Orinoco-Steamship-Fall 1910 sowie im Streitfall um Fischereirechte im Nordatlantik 1910 fungierte Lammasch als Schiedsrichter zwischen den verschiedenen Positionen und trug zu den jeweiligen Konfliktlösungen bei. Nachdem Heinrich Lammasch 1917 die Aufforderung Kaiser Karls, das Amt des Ministerpräsidenten zu übernehmen, noch abgelehnt hatte, sagte er schließlich am 25.10.1918 zu und nahm dieses Amt an.[7] Im Jahr zuvor, mitten in den Wirren des Ersten Weltkrieges, sah Lammasch sich nicht in der Lage aus seiner pazifistischen Überzeugung heraus einen Friedensschluss durchzusetzen. 1918 war es an Lammasch für die friedliche Auflösung der Monarchie sowie den Übergang zur Republik zu sorgen. Lammaschs Verdienst als Vermittler zwischen dem letzten Kaiser und dem neu gegründeten Staatssystem liegt vor allem im friedlichen Ablauf der Auflösung des Kaiserreichs:[8] Er arbeitete mit Kaiser Karl an dessen Verzichtserklärung und verstand es ebenso die Revolutionäre zufriedenzustellen. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges wirkte er u.a. noch als juristischer Sachverständiger unter Karl Renner bei der Friedenskonferenz von St. Germain 1919.[9] Er verstarb im darauffolgenden Jahr in Salzburg.

Im Jahre 1953 wurde posthum das Denkmal Heinrich Lammasch vom Künstler Josef Humplik im Arkadenhof der Universität Wien enthüllt.[10]

Schaffen

Während seines frühen wissenschaftlichen Wirkens verfasste Lammasch ein Lehrbuch zum Strafrecht, in dem auch das Auslieferungs- sowie Asylrecht behandelt wurde.[11] Des Weiteren zählt der Neuentwurf des Strafgesetzbuches zu seinen bedeutendsten Schriften. Als Vertreter der Friedensbewegung sowie als Völkerrechtler wurde er berühmt und hoch geachtet. Während des Ersten Weltkrieges setzte er sich für einen Verständigungsfrieden ein sowie für den Ausbau des Völkerrechts. In den kriegsbegeisterten ersten Jahren des Weltkrieges machte sich Lammasch mit seiner pazifistischen Haltung jedoch nicht nur Freunde, sondern stieß an der Universität Wien als auch im politischen Bereich auf Ablehnung.[12] Erst in den letzten beiden Kriegsjahren berief man sich auf Lammaschs Kontakte und Haltung zum Frieden, die ihm auch das Amt des letzten k.k. Ministerpräsidenten einbrachte. Er war einer der ersten, der nach dem Krieg für einen neutralen Staat Österreich eintrat.[13] 1912 wurde Lammsch mit dem k.k. Österreichischen Ehrenzeichen für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet. Des Weiteren wurde er zwischen 1915 und 1918 mehrmals für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.

Schriften oder Werke (Auswahl)

  • Das Moment objektiver Gefährlichkeit im Begriffe des Verbrechensversuches, 1879.
  • Die Auslieferung wegen politischer Verbrechen, 1884.
  • Auslieferungspflicht und Asylrecht, 1887.
  • Grundriß des österreichischen Strafrechts, 1899.
  • Über isolierte u. institutionelle Schiedsgerichte, in: Jb. d. öffentl. Rechtes 6, 1912, S. 76 ff.
  • Die Rechtskraft internationaler Schiedssprüche, 1913.
  • Die Lehre v. d. Schiedsgerichtsbarkeit in ihrem ganzen Umfange, 1914.
  • Das Völkerrecht nach dem Krieg, 1917.
  • Der Friedensverband der Staaten, 1919.
  • Der Völkerbund zur Bewahrung des Friedens, 1919.
  • Europas 11. Stunde, 1919.
  • Woodrow Wilsons Friedensplan, 1919.
  • Völkermord od. Völkerbund, 1920.

Literatur

  • Lammasch 1922: Marga Lammasch; Hans Sperl, Heinrich Lammasch. Seine Aufzeichnungen, sein Wirken, seine Politik, 1922.
  • Oberkofler 1993: G. Oberkofler, Heinrich Lammasch (1853-1920). Notizen zur akademischen Laufbahn des großen österreichischen Völker- und Strafrechtsexperten. Innsbruck 1993.
  • ÖBL 1969: Österreichisches Biographisches Lexikon, 1815-1950, Bd. 4 (Lfg. 20, 1969), S. 415, S. 416.
  • NDB 13 (1982): Simma, Bruno, „Lammasch, Heinrich“, in: Neue Deutsche Biographie 13 (1982), S. 447 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118726110.html.
  • Czeike 2004: Felix Czeike, Historisches Lexikon Wien, Band 2, Wien 2004.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Maisel 2007, S. 39, S. 40.
  2. ÖBL, 815-1950, Bd. 4 (Lfg. 20, 1969), S. 415, S. 416.
  3. NDB 13 (1982), S. 447.
  4. ÖBL, 815-1950, Bd. 4 (Lfg. 20, 1969), S. 415, S. 416.
  5. NDB 13 (1982), S. 447.
  6. NDB 13 (1982), S. 447.
  7. Ebd.
  8. ÖBL, 815-1950, Bd. 4 (Lfg. 20, 1969), S. 415, S. 416.
  9. NDB 13 (1982), S. 447.
  10. J Cur 237, Auftrag an J. Humplik durch das Bundesministerium für Unterricht.
  11. ÖBL 1969, S. 416.
  12. ÖBL 1969, S. 416.
  13. The Nomination Database for the Nobel Prize in Peace, 1901-1956.

Verena S. Göbel, Sarah Lange, Barbara Buder