Hans Kelsen

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
Wechseln zu: Navigation, Suche
Hans Kelsen, Fotografie, April 1954, ©ÖNB.

Hans Kelsen (* 11. Oktober 1881 in Prag im damaligen Österreich-Ungarn; † 19. April 1973 in Berkeley, USA) wird als einer der bedeutendsten Juristen des 20. Jahrhunderts angesehen.

Leben

Hans Kelsen war der Sohn von Adolf Kelsen (* 1850 in Brody in Galizien; † 1907 in Wien) und Auguste Löwy (* 1860 in Böhmen; † 1950 in Bled). Zu dritt kehrten sie 1884 nach Wien zurück, wo 1883 sein Bruder Ernst, 1886 seine Schwester Gertrud und 1897 sein Bruder Paul Fritz geboren wurden. Für seinen jüngsten Bruder übernahm Hans Kelsen nach dem Tod seines Vaters die Vormundschaft.[1]

Eingeschult wurde er in einer privaten Evangelischen Volksschule in Wien, wo er lediglich mittelmäßige Leistungen erbrachte. Aufgrund von finanziellen Schwierigkeiten musste Hans Kelsen die letzte Schulklasse in der öffentlichen Schule im 4. Wiener Gemeindebezirk besuchen. Obwohl er nie als Vorzugsschüler galt, bestand er 1892 die Aufnahmeprüfung in das angesehene Wiener „Akademische Gymnasium“. Dort wurde er in Latein und Griechisch unterrichtet, was für ein juristisches oder medizinisches Studium unerlässlich vorausgesetzt wurde. Hans Kelsen interessierte sich in seinen Jugendjahren jedoch mehr für die alten Dichter und Schriftsteller der deutschen Sprache. Diese intensive Auseinandersetzung bewirkte, dass er in jungen Jahren selbst Gedichte und kleine Novellen verfasste, die jedoch eher von geringer literarischer Bedeutung waren, da es sich dabei unbewusst um Kopien von Werken der Dichter und Schriftsteller handelte, die er verehrte. Von seinen Texten sind heute jedoch beinahe alle verschollen.[2]

Im Jahr 1900 maturierte er am „Akademischen Gymnasium“ und absolvierte im darauffolgenden Jahr ein „Einjährig-Freiwilligen-Jahr“. Von seinem ursprünglichen Plan sich dem Studium der Philosophie, Mathematik und Physik zu widmen, ging er jedoch ab und so studierte er an den Universitäten Heidelberg, Berlin und Wien Jus. Am 18. Juni 1906 promovierte Hans Kelsen unter Eugen von Phillipovich und Heinrich Lammasch an der Universität Wien zum Doctor juris und schon 1911 habilitierte er sich für Staatsrecht und Rechtsphilosophie. 1912 heiratete er Margarethe Bondi (* 1890; † 1973). Aus dieser Ehe gingen die beiden Töchter Hanna (* 1914; † 2001) und Maria (*1915; † 1994) hervor.[3] 1917 wurde er außerordentlicher Professor an der Universität Wien. Im 1. Weltkrieg war Kelsen als Hauptmann-Auditor Rechtsberater des Kriegsministers. Schon 1919 wurde er ordentlicher Professor des Staats- und Verwaltungsrechts an der Universität in Wien, wo er 1921 bis 1922 auch als Dekan beschäftigt war. Von 1919 bis 1920 wirkte Kelsen unter Staatskanzler Karl Renner als Konsulent der Regierung beim Entwurf der Österreichischen Bundesverfassung mit. Diese entspricht auch heute noch dem Kern der österreichischen Bundesverfassung (B-VG 1920).[4]

Von 1912 bis 1930 arbeitete er am österreichischen Verfassungsgerichtshof. Danach unterrichtete Kelsen von 1930 bis 1933 als ordentlicher Professor an der Universität Köln, wo er von 1932 bis 1933 auch Dekan war. Die Nationalsozialisten beendeten seine Lehrtätigkeit in Köln und so hatte er ab 1933 bis 1935 und erneut 1938 einen Lehrstuhl in Genf und 1936 bis 1938 in Prag. Dennoch emigrierte Kelsen 1940 in die USA, wo er ab 1945 bis 1957 im Bereich der Politikwissenschaften unterrichtete. Am 19. April 1973 starb Hans Kelsen im Alter von 92 Jahren an den Folgen eines Herzinfarktes. Auf eigenen Wunsch wurde seine Asche im Pazifischen Ozean ausgestreut.[5]

Am 5.1. 1981 wurde ein Teilstück der Marx-Meidlinger-Straße im 3. Bezirk in Wien in Kelsenstraße unbenannt.[6] 1984 wurde von Ferdinand Welz das Denkmal Hans Kelsen im Arkadenhof der Universität Wien enthüllt.

Schaffen

Kelsen widmete sich im Laufe seiner juristischen Laufbahn unterschiedlichen Gebieten der Rechtswissenschaft. Zu seinem weiten Betätigungsfeld zählt auch die Soziologie, bei der die Abgrenzung der soziologischen und juristischen Rechtslehre im Mittelpunkt seiner Bemühungen stand. Auch auf internationaler Ebene galt Hans Kelsen als äußert einflussreich und so wurden ihm zahlreiche Ehrungen wie beispielsweise Ehrendoktorate der Universitäten Harvard, Berlin, Wien und Paris zuteil.

Sein Interesse galt ebenso der Staatslehre, bei der er sich vor allem mit dem Sozialismus und der Demokratie auseinandersetzte. In Bezug auf den Sozialismus galt seine besondere Aufmerksamkeit dem Marxismus und so sprach er sich gegenüber der Marxistischen Lehre für Lasalles Auffassung vom Staatssozialismus aus. Dem folgend war nach Kelsens Auffassung das Bestehen eines Staates Voraussetzung für den Sozialismus, der so nur in und durch den Staat verwirklicht werden kann. Darüber hinaus favorisierte er trotz ideologiekritischer Überlegungen die Demokratie und den Liberalismus. In Kelsens Vorstellung ist eine positive Entwicklung einzig in einer parlamentarischen Demokratie möglich und gleichzeitig wäre das Streben nach Fortschrittlichkeit lediglich in Zuge einer Verbesserung des Staates umsetzbar. Dieses Bekenntnis zur Demokratie war während einer Zeit, in der antisemitistische Haltungen und autoritäres Denken unter Akademikern die Überhand gewannen, bemerkenswert.

Zu seinem Betätigungsfeld gehörte ebenfalls das Staatsrecht, wo er vor allem aufgrund seiner Mitarbeit am Entwurf des Österreichischen Bundesverfassungsgesetzes Bekanntheit erlangte. Erwähnenswert ist an dieser Stelle der von ihm verfasste Abschnitt über die Verfassungsgerichtsbarkeit, wodurch er auch als Begründer der modernen Verfassungsgerichtsbarkeit gesehen wird.

Darüber hinaus beschäftigte er sich auf internationaler Ebene mit dem Völkerrecht. Besonders während seiner Zeit in Barkeley vertiefte Kelsen seine Beschäftigung auf diesem Gebiet. So verfasste er unter anderem den ersten großen Kommentar zu den 1945 gegründeten Vereinten Nationen.

Hans Kelsen gilt weiters als der Begründer der Wiener Schule der Rechtstheorie. Diese sogenannte „Reine Rechtslehre“ gilt als seine bedeutungsvollste Schöpfung. Es handelt sich dabei um eine von jeder politischen Ideologie und naturwissenschaftlichen Elementen gereinigte Rechtstheorie (auch als „Wiener Schule“ des Rechtspositivismus bekannt). Aufgrund der „Reinen Rechtslehre“ erlangte Kelsen international großes Ansehen. Sie wurde neben zahlreichen anderen Sprachen auch ins Koreanische und Japanische übersetzt.[7]

Schriften

Zahlreiche Werke von Kelsen wurden in verschiedene Sprachen übersetzt. Für ein Gesamtverzeichnis seiner Veröffentlichungen siehe Métall 1969, S. 122-155.

Auswahl der wichtigsten Schriften:

  • Die Staatslehre des Dante Alighieri, 1905.
  • Kommentar zur österreichischen Reichsratswahlordnung, 1907.
  • Über Grenzen zwischen juristischer und soziologischer Methode, 1911.
  • Hauptprobleme der Staatsrechtslehre, 1911, 1923².
  • Das Problem der Souveränität und die Theorie des Völkerrechts, 1920, 1928².
  • Sozialismus und Staat. Eine Untersuchung der politischen Theorie des Marxismus, 1920, 1923².
  • Vom Wesen und Wert der Demokratie, 1920, 1929².
  • Der soziologische und der juristische Staatsbegriff, 1922.
  • Kommentar zum Bundesverfassungsgesetz, 1922.
  • Österreichisches Staatsrecht, 1923.
  • Allgemeine Staatslehre, 1925.
  • Die philosophischen Grundlagen der Naturrechtslehre und des Rechtspositivismus, 1928.
  • Wer soll der Hüter der Verfassung sein?, 1931.
  • Reine Rechtslehre, 1934, 1960².
  • Vergeltung und Kausalität, 1941.
  • Society and Nature, 1943.
  • General Law and State, 1945.
  • Vergeltung und Kausalität, 1946.
  • Recht der Vereinten Nationen, 1950.
  • Principles of International Law, 1952, 1966².
  • Was ist Gerechtigkeit?, 1953.
  • Allgemeine Theorie der Normen, 1979 [posthum].

Literatur

  • Brauneder 1987: Wilhelm Brauneder, Juristen in Österreich. 1200-1980, Wien 1987, S. 290-296.
  • Czeike 1994: Felix Czeike, Historisches Lexikon Wien, 3, Wien 1994.
  • Dreier 1986: Horst Dreier, Rechtslehre, Staatssoziologie und Demokratietheorie bei Hans Kelsen, Baden-Baden 1986.
  • Ehs 2002: Tamara Ehs, Aufklärung statt Verklärung. Hans Kelsen und die Moderne, Wien 2002.
  • Ehs 2009: Tamara Ehs, Hans Kelsen. Eine politikwissenschaftliche Einführung, Wien 2009.
  • Jabloner 2001: Clemens Jabloner, Logischer Empirismus und Reine Rechtslehre. Beziehungen zwischen dem Wiener Kreis und der Hans-Kelsen-Schule, Wien 2001.
  • Maisel 2007: Thomas Maisel, Gelehrte in Stein und Bronze. Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien, Wien 2007.
  • Métall 1969: Rudolf Métall, Hans Kelsen. Leben und Werk, Wien 1969.
  • Merkl 1971: Adolf Merkl, Festschrift für Hans Kelsen zum 90. Geburtstag, Wien 1971.
  • Oberkofler 1988: Gerhard Oberkofler, Eduard Rabofksy, Hans Kelsen im Kriegseinsatz der k.u.k. Wehrmacht. Eine kritische Würdigung seiner militärtheoretischen Angebote, Frankfurt am Main 1988.
  • Paulson 2005: Stanley Paulson, Hans Kelsen. Staatsrechtler und Rechtstheoretiker des 20. Jahrhunderts, Tübingen 2005.
  • Römer 2009: Peter Römer, Hans Kelsen, Köln 2009.
  • Walter 1985: Robert Walter, Hans Kelsen. Ein Leben im Dienste der Wissenschaft. Berichte über die Enthüllung der Büste Kelsens mit Ansprache des Herrn Bundesministers Heinz Fischer und Laudatio, Wien 1985.
  • Walter 2005: Robert Walter, Hans Kelsen als Verfassungsrichter, Wien 2005.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Métall 1969, S. 2.
  2. Métall 1969 S. 2-4.
  3. Métall 1969, S. 4-15.
  4. Czeike 1993, S. 490.
  5. Czeike 1993, S. 490.
  6. Czeike 1993, S. 490.
  7. www.hans-kelsen.de/kelsenkurz.pdf

Darstellungen



Sarah Geschwandtner, Kristina Kogler, Katharina Schmidt