Friedrich von Wieser

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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Abb. 1: Friedrich von Wieser, Foto, s.d., in reifem Alter

Friedrich Freiherr von Wieser (* 10. Juli 1851 in Wien, † 22. Juli 1926 in St. Gilgen) war ein bedeutender österreichischer Nationalökonom (Abb. 1). Er lehrte ab 1884 an der deutschen Universität in Prag und ab 1903 an der Wiener Universität. 1917-1918 war Wieser Mitglied des Herrenhauses im Reichsrat und bekleidete in dieser Zeit auch das Amt des Handelsministers. Dem Gelehrten wurde im Arkadenhof der Universität Wien eine Gedenktafel mit Portraitrelief gewidmet.

Leben

Friedrich Wieser wurde 1851 als viertes von neun Kindern des Hofrates im österreichischen Kriegsministerium, Leopold Wieser, und der Mathilde von Schulheim geboren. Vater Leopold Wieser wurde 1859 geadelt und in den Freiherrenstand erhoben.

Friedrich von Wieser absolvierte das Wiener Schottengymnasium, wo er den gleichaltrigen Eugen von Böhm-Bawerk kennenlernte. Mit diesem verband ihn eine Freundschaft durchs ganze Leben, die von enger wissenschaftlicher Übereinstimmung aber auch durch Vermählung seiner Schwester, Paula Freiin von Wieser, mit Böhm-Bawerk bestimmt war. Friedrich Wieser widmete sich ab 1868 an der Wiener Universität dem Studium der Jurisprudenz, nach dessen Abschluss er zehn Jahre lang in verantwortungsvollen Positionen im Finanzverwaltungsdienst tätig war. Angeregt durch die Schriften Carl Mengers wandte sich Wieser allmählich immer mehr der Nationalökonomie zu. 1875-1877 verbrachte Wieser in Gesellschaft Böhm-Bawerks einen Studienurlaub in Heidelberg, Leipzig und Jena, wo er Seminare der Ökonomen Knies, Roscher und Hildebrand absolvierte.

1883 habilitierte Wieser an der Wiener Universität, 1884 folgte eine Berufung an der deutschen Universität in Prag und 1903 an die Wiener Universität als Nachfolger auf der Lehrkanzel Carl Mengers. 1917-1918 war Friedrich von Wieser Mitglied des Herrenhauses im Reichsrat und bekleidete in dieser Zeit auch das Amt des Handelsministers.

Trotz vielfältigster Inanspruchnahmen fand Friedrich Wieser auch Zeit, sich seinen künstlerischen Neigungen auf dem Gebiet der klassischen Klaviermusik zu widmen und seinem Jugendinteresse folgend soziologische Studien zu betreiben, auf welchem Gebiet er in seinen späteren Jahren ebenso publizistisch tätig wurde.

Friedrich von Wieser verstarb 1926 im Alter von 75 Jahren während eines Sommeraufenthalts im Salzkammergut an den Folgen einer Lungenentzündung.

Schaffen

Abb. 2: Ehrengrab für Friedrich von Wieser auf dem Friedhof Wien-Dornbach

Aufbauend auf den bahnbrechenden Denkansätzen von Carl Menger, die von der bisherigen klassischen Volkswirtschaftstheorie vernachlässigt waren, trug Friedrich von Wieser mit seinen Forschungen in Verbindung mit den Erkenntnissen von Eugen von Böhm-Bawerk zur Entwicklung eines neuen geschlossenen Erklärungsmodells der volkswirtschaftlichen Funktionen bei, das als so genannte "Österreichische Schule der Nationalökonomie" in die Lehre einging.

Angeregt von Carl Mengers im Jahr 1871 erschienenem Werk "Grundsätze der Volkswirtschaftslehre" begann Wieser, sich mit der neuen Lehre, die sich von den Klassikern der Volkswirtschaft distanzierte, zu beschäftigen. Mengers Entdeckung der psychischen Gesetzmäßigkeiten der Güterbewertung als grundlegendes Element alles Wirtschaftens waren für ihn aber nur Ausgangspunkt für die lückenlose Erklärung des Gesamtablaufs der Wirtschaftsprozesse, die seiner Überzeugung nach auch von weiteren Faktoren, wie technischen und sozialen Einflüssen, bestimmt sind. Es waren also neben den Grundsteinen, die Menger gelegt hatte, noch andere Bausteine hinzuzufügen, um zu einem umfassenden theoretischen Gebäude zu gelangen. Dieser ungeheuren Aufgabe wandte sich Wieser mit voller Kraft zu.

Als erstes Ergebnis seiner Forschungen reifte langsam sein Traktat „Über den Ursprung und die Hauptgesetze des wirtschaftlichen Werthes“, mit dem er im Jahr 1883 an der Wiener Universität habilitierte und das 1884 in Buchform erschien. Wieser entwickelt darin sein „Kostengesetz“ und den Begriff des „Grenznutzens“, der von nun ab zum tragenden Begriff der neuen Lehre wurde. Seinem anhaltenden Forscherdrang folgend, führte Wieser in seinem nächsten Werk "Der natürliche Werth" (1889) den Nachweis der Einheit der Wirtschaft in Form eines nach exakten Gesetzen sich vollziehenden Kreislaufs und gibt genaue Hinweise zu Wesen und Begriff des Grenznutzens, der den subjektiven Wert eines Gutes als Nutzen der letzten noch verfügbaren Einheit eines Vorrates bestimmt.

In der Folge wandte sich Wieser für längere Zeit mehr den praktischen Fragen der Nationalökonomie zu, deren Behandlung in einer Reihe kleinerer, aber in der Fachwelt sehr geschätzter, Arbeiten dargelegt wurden, um sich sodann den Problemen der Geldtheorie zuzuwenden.

Sein ökonomisches Lebenswerk hat Wieser 1914 in seiner "Theorie der gesellschaftlichen Wirtschaft" dargelegt, das eine Fülle neuer materieller Resultate, zahlreiche neue Begriffsbildungen sowie methodische Erkenntnisse umfasst. Von der Fachwelt wurde dieses Werk als die größte synthetische Leistung der ökonomischen Theorie seit der Zeit der Klassiker gewertet.

Nach dem Zerfall der Monarchie im Jahr 1918 widmete sich Wieser verstärkt soziologischen Studien. Seine Forschungsergebnisse und Ideen auf diesem Gebiet konnte Wieser im Jänner 1926, wenige Monate vor seinem Tod, in seinem Traktat "Das Gesetz der Macht" zusammenfassen.

Als akademischer Lehrer hat Wieser dank seiner kraftvollen Persönlichkeit, der bewundernswerten Darstellungsgabe und der edlen Sachlichkeit tiefste und nachhaltigste Erfolge erzielt. Seine Vorträge und Vorlesungen sprach er immer ohne jede Aufzeichnung vollständig frei.

Schriften (Auswahl)

  • Über den Ursprung und die Hauptgesetze des wirtschaftlichen Werthes, 1884
  • Der natürliche Werth, 1889
  • Großbetrieb und Produktivgenossenschaft, 1892
  • Die Ergebnisse und die Aussichten der Personaleinkommensteuer in Österreich, 1901
  • Die deutsche Steuerleistung und der öffentliche Haushalt in Böhmen, 1904
  • Die Theorie der städtischen Grundrente, 1909
  • Theorie der gesellschaftlichen Wirtschaft, 1914
  • Deutschböhmens Selbstbestimmungsrecht, in: Rudolph Lodgman (Hg), Deutschböhmen, Berlin 1919
  • Das geschichtliche Werk der Gewalt, 1923
  • Das Gesetz der Macht, 1926

Ehrungen

  • Mitglied der Kaiserlichen (heute Österreichischen) Akademie der Wissenschaften, ab 1906
  • Die Stadt Wien widmete Friedrich von Wieser ein Ehrengrab (Abb. 2) auf dem Friedhof Wien-Dornbach (Gr 11, Nr 1A)

Literatur


Herbert Kreiser | Sabine Panzer