Ferdinand Lotheissen

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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Fotografie Ferdinand Lotheissen, mit Unterschrift, vor 1887.
Hans Bitterlich, Denkmal für Ferdinand Lotheissen, Arkadenhof der Universität Wien, enthüllt 1902.

Ferdinand Lotheissen (* 20. Mai 1833, Darmstadt (Hessen); † 19. Dezember 1887, in Wien). Romanist, Kulturhistoriker, Literaturwissenschaftler, Professor der französischen Sprache und Literatur an der Universität Wien. Ab 1872 gemeinsam mit Adolf Mussafia Vorstand des neu gegründeten Seminars für französische und englische Sprache an der Universität Wien. Das Denkmal Ferdinand Lotheissen im Arkadenhof der Universität Wien erinnert an die wissenschaftlichen Tätigkeiten Lotheissens.

Leben

[1] [2] [3] Ferdinand Lotheissen entstammte einer angesehenen hessischen Beamtenfamilie. Sein Vater war Hofgerichts-Präsident und Vorsitzender der zweiten Kammer. Ferdinand L. besuchte das Gymnasium in seiner Heimatstadt Darmstadt und danach philologische und historische Studien an den Universitäten Göttingen, Berlin und Gießen. 1856 promovierte er in Gießen mit einer lateinischen Arbeit "Über die Gestalt der Parasiten in der alten Komödie".

Seit 1858 veröffentlichte Lotheissen Feuilletons, das waren literarische, historische und kritische Aufsätze im "Frankfurter Journal", in den "Blättern für litterarische Unterhaltung" und später ständig in der "Frankfurter Zeitung". Von 1858 bis 1863 unterrichtete er am Gymnasium in Büdingen, wo er durch Verheiratung mit der Tochter des Gymnasialdirektors, dem bekannten Sophokles-Übersetzer Thudichum, einen glücklichen Hausstand begründete. Nachdem seine liberale und nationale Gesinnung vom Ministerium gemaßregelt wurde, übersiedelte er in die französissche Schweiz und erhielt eine Stelle in der Erziehungsanstalt seines Schwagers, C. Thudichum, in Châtelaine bei Genf.[4] Studien- und Erholungsaufenthalte führten ihn wiederholt in die Provence, wo seine Forschungen und Wanderungen literarische Ergebnisse hervorbrachten, und in Beiträgen zur „Wiener Monatsschrift für Theater und Musik“ veröffentlicht wurden. Er offenbarte sich als Kenner der Sprache und Sitten sowie der Geschichte und Literatur des alten und neuen Frankreichs.

1870 wurde Lotheissen nach Wien berufen und sollte bei der Neugestaltung des Realschulwesens mitwirken.[5] Er erhielt die österreichische Staatsbürgerschaft und eine Anstellung als Professor für Französisch an der k. k. Oberrealschule auf der Landstraße in Wien, die als Muster-Realschule galt. 1971 wurde er Prüfungskommissär für das Reallehramt für Französisch und habilitierte sich im selben Jahr bei der philosophischen Fakultät für neuere französische Literatur mit „Literatur und Gesellschaft in Frankreich zur Zeit der Revolution 1789 – 1794. Zur Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts“ (Wien 1872). Anschließend eröffnete er ein Proseminar für französische Sprache. Am 22. Mai 1872 wurde er zusammen mit Adolf Mussafia, dem Ordinarius der Romanistik, zum Vorstand des neuen Französischen Seminars bestellt. Im Jahr 1881 erhielt er die außerordentliche Professur für sein Fach. Lotheissen sah in der Intensivierung der modernen Sprachen wie Französisch oder Englisch sowohl in der Grammatik als auch in der Literatur einen vorteilhaften Einfluss für die Jugend, bei gleichzeitiger Beschränkung der alten Sprachen an den Schulen.

Seine Frau unterstützte ihn durch ihre außerordentliche Belesenheit und als zuverlässige Ratgeberin viele Jahre hindurch, jedoch eine lang andauernde Krankheit bedingte einen Aufenthalt in einer Heilanstalt, wo sie 1906 verstarb. Einen weiteren Schicksalsschlag erfuhr Lotheissen, als sein erstgeborener Sohn 1875 im Knabenalter verstarb. Sein zweiter Sohn, Georg Lotheissen (Genf, 1868 – Wien, 1941), studierte Medizin, und war ab 1899 als Chirurg an der Univ. Klinik Innsbruck tätig. Seine Tochter, Sophie Necker, war mit dem Journalisten und Literaturhistoriker Moritz Necker verheiratet.

Nach längerem Leiden verstarb Lotheissen am 19. Dezember 1887 in Wien. Er wurde auf dem Wiener protestantischen Friedhof Matzleinsdorf begraben. Palmenzweige von Freunden lagen auf der Bahre und Immortellenkränze seiner Schüler schmückten das Grab.[6] [7]

Die „Lotheißengasse“ in Wien, im 19. Bezirk, erinnert an das Wirken Ferdinand Lotheissens. Zur Erinnerung wurde 1902 das Denkmal Ferdinand Lotheissen im Arkadenhof der Universität Wien enthüllt.

Schaffen

Der Schwerpunkt der Tätigkeiten Lotheissens liegt in der gründlichen Kenntnis nicht nur der französischen Sprache und Literatur sondern auch in der Kultur- und Sittengeschichte Frankreichs.[8] Schon im Vorwort seines ersten Buches: „Literatur und Gesellschaft in Frankreich zur Zeit der Revolution 1789 – 1794“ (Wien, Verlag Gerold, 1872) erschien ihm „das Zusammengehen der Literatur – und Kulturgeschichte fast unerlässlich“.[9] Im Geiste dieses Programms hat Lotheissen die ganze französische Sitten- und Literaturgeschichte, insbesondere den Zeitraum von der Reformation bis zur Revolution, durchforscht und hat nach solchen Geschichtspunkten z. B. „Die Zeit des Übergangs 1600 bis 1636“ geschildert.

Die Gestaltung des Staatslebens beeinflusst seines Erachtens die Entwicklung der Dichtung, was sich in seinem Hauptwerk: „Geschichte der französischen Literatur im XVII. Jahrhundert“ wie an einem Musterbeispiel bekräftigen ließ.[10] Dieses Werk erschien in den Jahren 1878 – 1884 in vier Bänden und zeichnet ein lebensvolles Bild der schöngeistigen Gesellschaft Frankreichs im genannten Zeitraum. Eine umfassende Monografie über Moliere mit dessen Leben und Werken erschien 1880. Außerdem arbeitete er für zahlreiche Zeitschriften und publizierte in der „Neuen Freie Presse“ literarisch-kritische Artikel.[11] Sein letztes unvollendetes Werk „Zur Culturgeschichte Frankreichs im XVII. und XVIII. Jahrhundert“ wurde erst 1889 veröffentlicht.

Werke (Auswahl)

  • Studien über John Milton’s Leben und poetische Werke, Büdingen, 1860.
  • Literatur und Gesellschaft in Frankreich zur Zeit der Revolution 1789 – 1794, 3 Bände, 1872.
  • Geschichte der französischen Literatur im 17. Jahrhundert, 4 Bände, 1878 – 1884, 2. Aufl., 2 Bände, hrsg. von Moritz Necker, Wien 1897.
  • Moliere. Sein Leben und seine Werke, Frankfurt 1880.
  • Königin Margarete von Navarra. Ein Cultur- und Literaturbild aus der Zeit der französischen Reformation, Berlin 1885.
  • Zur Sittengeschichte Frankreichs. Bilder und Historien, Leipzig 1885.
  • Zur Culturgeschichte im 17. und 18. Jahrhundert, hrsg. von A. Bettelheim, Wien 1889.

Literatur

  • Bettelheim 1889: Anton Bettelheim, Biografische Einleitung, in: Ferdinand Lotheissen, Zur Culturgeschichte Frankreichs im XVII. und XVIII. Jahrhundert, Wien 1889.
  • Österr. Biografisches Lexikon (ÖBL)1815 – 1950: Band 5, S. 329 – 330, Online-Ausgabe.
  • Allgemeine Deutsche Biografie (ADB): Band 52, Leipzig 1906, Seite 87 – 93, Online-Ausgabe.

Rezeption in der Presse

  • Neue Freie Presse: Ferdinand Lotheissen Todesnachricht und Nachruf, in: Neue Freie Presse, 20. Dezember 1887, Seite 5, Spalte 1.
  • Neue Freie Presse: Aufstellen des Denkmals Ferdinand Lotheissen, in: Neue Freie Presse, 9. November 1901, Seite 5.
  • Neue Freie Presse: Lotheissen-Feier in der Universität, Enthüllung des Denkmals, in: Neue Freie Presse, 13. Jänner 1902, Seite 3 - 4.
  • Wiener Zeitung: Enthüllung der Gedenktafel Ferdinand Lotheissen, in: Wiener Zeitung, 13. Jänner 1902, Seite 4 - 5, Spalte 3.

Einzelnachweise

  1. Bettelheim 1889, S. I - XV.
  2. ADB, Bd. 52, S. 87 - 93.
  3. ÖBL, Bd. 5, S. 329 - 330.
  4. Bettelheim 1889, S. VI.
  5. Bettelheim 1889, S. VII.
  6. Bettelheim 1889, S. XV.
  7. ADB, Bd. 52, S. 87 - 93.
  8. NFP, 20. Dezember 1887, S. 5.
  9. Bettelheim 1889, S. VIII.
  10. Bettelheim 1889, S. VIII - IX.
  11. NFP, 20. Dezember 1887, S. 5.

(ADB = Allg. Deutsche Biografien) (NFP = Neue Freie Presse) (ÖBL = Österr. Biografisches Lexikon)

Weblinks


Christa Dobrzanski, Michaela Pilat