Emil Zuckerkandl

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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Emil Zuckerkandl, UAW
Gustav Klimt, Hoffnung I, 1902. National Gallery of Canada, Ottawa.

Emil Zuckerkandl (geb. 18. September 1849 in Györ, gest. 28. Mai 1910, in Wien) war ein Anatom und physischer Anthropologe. Sein Denkmal im Arkadenhof der Universität Wien von Anton Hanak wurde am 5. April 1924 enthüllt.

Leben

Zuckerkandl absolvierte die Mittelschule noch in Ungarn, um ab 1867 an der Wiener Universität von Josef von Skoda und von Josef Hyrtl unterrichtet zu werden. Hyrtl erkannte sehr früh das Talent Zuckerkandls und erwählte ihn zum Demonstrator. Nach einem kurzen Zwischenhalt 1870 im Athenäum von Amsterdam als Prosektor,[1] kehrte er nach Wien zurück und arbeitete ab 1873 als Assistent, unter der Leitung von Carl von Rokitansky an der pathologisch-anatomischen Anstalt.

Nach der Promotion 1874 zum Doktor der Medizin übernahm er am 1. Oktober des Jahres die Assistentur bei Karl Langer und widmete sich mit großem Erfolg der Forschungsarbeit. Nachdem er mehrere Semester in Utrecht doziert hatte, wurde er trotz fehlender Habilitation 1880 zum außerordentlichen Professor für Anatomie an der Universität Wien ernannt. Als ordentlicher Professor lehrte er ab 1882 Anatomie an der Universität Graz. 1888 kam er nach Wien zurück, wo er das Anatomische Institut leitete, und nach dem Ableben Karl Langers auch den Lehrstuhl für deskriptive und topographische Anatomie übernahm.[2] Nur zwei Jahre später wurde er zum Dekan der medizinischen Fakultät berufen und zum Hofrat ernannt.[3] Eine weitere Ehrung wurde ihm von der Akademie der Wissenschaften zuteil, sie wählte ihn 1898 zum korrespondierendem und 1906 zum wirklichen Mitglied. 1907 musste er seine Lehrtätigkeit wegen eines Herzleidens auf den Seziersaal beschränken, seine Vorlesungen wurden von Julius Tandler weitergeführt.[4] Am 28. Mai 1910 verstarb Zuckerkandl in Wien. Er wurde in einem Ehrengrab auf dem Döblinger Friedhof (Gruppe 11, Reihe G2, Nummer 11) in Wien begraben.

1889 hatte er Bertha Szeps - Tocher des bekannten Herausgebers vom Neues Wiener Tagblatt Moritz Szeps - geheiratet. Ihr Salon wurde zum Treffpunkt von Persönlichkeiten aus dem Kunst- und Kulturbereich, wie etwa Gustav Klimt, Auguste Rodin, Gustav Mahler, Max Reinhardt, Arthur Schnitzler, Stefan Zweig, Hermann Bahr, Alexander Girardi, Hugo von Hofmannsthal und Johann Strauß. Auch Anton Hanak, der später das Denkmal für Zuckerkandl im Arkadenhof der Universität ausführen sollte, war ein Gast des Salons.[5] Aber auch Mediziner, wie Richard von Krafft-Ebing, Theodor Billroth oder Julius Wagner-Jauregg besuchten den Salon der Zuckerkandl.[6] Hieraus ergab sich ein intensiver Austausch. So war die Medizin unter anderem für die Kunst von Gustav Klimt von Bedeutung. Emil Zuckerkandl lud Klimt etwa dazu ein, ihm beim Sezieren von Leichen zuzusehen. Außerdem hielt er für Gruppen von Künstler, Schriftsteller und Musiker Vorträge zur Evolutionstheorie von Darwin oder zur Schwangerschaft. Von Klimts medizinischen Einblicken durch Zuckerkandl zeugt etwa das Gemälde Hoffnung I.[7]

Zuckerkandl war ein Befürworter der Zulassung von Frauen zum Medizinstudium gewesen, als die Angelegenheit unter dem Dekan der medizinischen Fakultät, Julius Wagner-Jauregg diskutiert wurde. Die Mehrheit des Kollegiums stimmte schließlich für die Zulassung von Frauen, so dass sie sich ab 1900 in die medizinische Fakultät einschreiben durften.[8] Zuckerkandl war auch der Erste der Fakultät, der eine Frau als Assistentin einstellte.[9]

Des Weiteren, setzte sich das Paar auch für die Gründung einer Volkshochschule ein - damals noch unter dem Namen Volksheim geläufig. Ziel solcher Einrichtungen war eine intellektuelle Demokratisierung, die die Ausbreitung von revolutionären Ideen verhindern sollte. Das Volksheim blieb mit seiner Bibliothek, Vorlesungen und Seminaren bis zum Anschluss Österreichs ein wichtiger Standort des intellektuellen Austausches.[10]

Schaffen

Zuckerkandls Forschungsinteresse lag in erster Linie in der topographischen Anatomie, welche die einzelnen Strukturen des Körpers nach ihren räumlichen Lagebeziehungen zueinander beschreibt. Seinen vielleicht größten Erfolg erzielte er in der Untersuchung der Nasenhöhle. Eine seiner berühmtesten Publikationen ist zu ihrer Anatomie und ihren pneumatischen Anhängen (1882). Sie machte ihn zum Begründer der Rhynologie.[4] Das periphere Geruchsorgan der Säugetiere, 1887 erschienen, untersuchte entwicklungsgeschichtlich die Morphologie der Nasenhöhle, die Form und Bedeutung der Nasen- und Siebbeinmuscheln, sowie den Aufbau der Nasenhöhlen zur Riechfunktion.

Ebenso widmete sich Zuckerkandl der anatomischen Untersuchung des Gehörorgans und des Gefäßsystems. Ferner erkannte er die dem Riechzentrum angehörende Gehirnteile, sowie die Einbeziehung des Ammonshorns. Zuckerkandl verfasste auch eine Reihe von Arbeiten über Zähne, Muskeln, das chromaffine Gewebe. Er entdeckte die Glandula thyreoidea accessoria suprahyoidea (1879), das epitheliale Rudiment eines vierten Mahlzahnes (1891) und die Nebenorgane des sympathischen Nervensystems (1901).[11]

Seine Kenntnisse legte er in einem Atlas der topographischen Anatomie nieder, der zu einem wichtigen Lehrbuch wurde. Seine weite Anerkennung brachte mit sich, dass er mehrmals eingeladen wurde für praktische Handbücher die anatomische Einleitung zu schreiben. Seine Anatomien zur Mundhöhle, Gehörorgan, Kehlkopf, sowie zum männlichen Urogenitalapparat entstanden auf diese Weise.[4]

Folgende medizinische Termini wurden nach ihm benannt: das Zuckerkandl-Organ (Nebenorgane des sympathischen Nervensystems), die Zuckerkandl-Faszie (Bindengewebshülle der Nieren) und das Zuckerkandl'sche Tuberculum (retrotracheale Schildrüsenanteile).

Schriften

  • Zur Morphologie des Gesichtsschädels,1877
  • Normale und pathologische Anatomie der Nasenhöhle, 2 Bände, 1882/92
  • Das periphere Geruchsorgan der Säugethiere : eine vergleichende anatomische Studie, 1887
  • Über das Riechcentrum : eine vergleichend-anatomische Studie, 1887
  • Über die physische Beschaffenheit der innerösterreichischen Alpenbevölkerung, in: Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien, 19, 1889
  • Anatomie der Mundhöhle : mit besonderer Berücksichtigung der Zähne, 1891
  • Zur Anatomie von Chiromys Madagascarensis, in: Denkschriften der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Klasse der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften, 68, 1899
  • Atlas der topographischen Anatomie des Menschen, 5 Bände,1900-19004 (Hauptwerk)

Literatur

  • Bettelheim 1913 : Anton Bettelheim (Hg.), Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog, 15, Berlin 1913, S. 156-158.
  • Eisenberg 1893: Ludwig Eisenberg, Das geistige Wien. Bd. 2: Medicinisch-naturwissenschaftlicher Theil. Wien 1893, S. 580-581.
  • Kandel 2012 : Eric R. Kandel, The Age of insight. The Quest to understand the unconscious in Art, Mind, and Brain, from Vienna 1900 to the present, New York 2012.
  • Meysels 1984 : Lucian O. Meysels, In meinem Salon ist Österreich. Berta Zuckerkandl und ihre Zeit, Wien/München 1984.
  • Pagel 1901 : Julius Leopold Pagel (Hg.), Biographisches Lexikon hervorragender Ärzte des neunzehnten Jahrhunderts, Berlin/Wien 1901, Sp. 1907-1908.
  • Pernkopf 1957 : Eduard Pernkopf, Josef Hyrtl, Carl von Langer, Emil Zuckerkandl, Carl Toldt, Julius Tandler und Ferdinand Hochstetter. Die Wiener Anatomen-Schule, in: Fritz Knoll(Hg.), Österreichische Naturforscher, Ärzte und Techniker, Wien 1957, S. 89-97.
  • Schulte 2006 : Michael Schulte, Berta Zuckerkandl. Saloniere, Journalistin, Geheimdiplomatin, Zürich 2006.
  • Szeps 1939 : Berta Szeps, Ich erlebte fünfzig Jahre Weltgeschichte, Stockholm 1939.
  • Wininger 1932 : Salomon Wininger, Grosse Jüdische National-Biographie, 6, Cernǎuţi 1932, S. 371-372.

Einzelnachweise

  1. Bettelheim 1913, S. 156.
  2. Pagel 1901, Sp. 1907-1908.
  3. Eisenberg 1893, S. 580. Bettelheim 1913, S. 156.
  4. 4,0 4,1 4,2 Wininger 1932, S. 372.
  5. Schulte 2006, S. 90.
  6. Kandel 2012, S. 29. Meysels 1984.
  7. Kandel 2012, S. 32-33.
  8. Magda Withrow, Julius Wagner-Jauregg (1857-1940), Aus dem Engl. übers. v. Iris Theyer, Wien 2001S, S. 116.
  9. Szeps 1939, S. 166-167.
  10. Szeps 1939, S. 167-168.
  11. Bettelheim 1913, S. 157.

Weblinks

  • Eintrag in Biographisches Lexikon hervorragender Ärzte [3] (zuletzt aufgerufen am 23.8.2014)
  • Eintrag auf Wikipedia [4] (zuletzt aufgerufen am 23.8.2014)

Darstellungen


Cigdem Özel, Hanna Sumislawska-Glessner