Elise Richter

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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Foto: Archiv Universität Wien, Elise Richter.

Elise Richter (*02. März 1865 in Wien; † 21. Juni 1943 in Theresienstadt, Tschechische Republik) war eine war Privatdozentin (ao. Prof.) für Romanische Philologie an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien. Ihr zu Ehren wurde am romanistischen Institut eine Gedenktafel vom Künstler Ferdinand Welz und im Arkadenhof der Universität Wien im Jahr 2005 – jedoch nur temporär geplant und umgesetzt – eine Bronzebüste von Elisabeth Penker errichtet, die das Gesicht der gebildeten Jüdin trägt. Weiters erinnern ein Saal im Hauptgebäude und ein Tor am Unicampus an Elise Richter.


Leben

Foto: Elise Richter in der Kindheit mit Schwester Helene.
Foto: Elise Richter, Studentenausweis.
Foto: Elise Richter.
Foto der Gedenktafel an Elise Richter und NS-Opfer.

Elise Richter, Tochter des Chefarzt der k.k. priv. Südbahngesellschaft Dr. Maximilian Richter und Emilie Lackenbacher – seiner Ehefrau – in Wien geboren. Im 19. Jahrhundert war es Mädchen noch nicht gestattet, einem regulären Schulbesuch nachzugehen, so nahmen Elise Richter und ihre Schwester Helene Privatunterricht. [1] Als der Vater starb, traten die Damen ihr Erbe – welches für sie überraschend hoch war – wohlüberlegt und mit viel Bedacht an, wobei sie sich eher als "Verwalter des Vermögens" sahen. Dies war wohl auch der Zeitpunkt, an dem sie beschlossen hatten, zusammen zu ziehen. Wie bereits in früheren Jahren unternahmen sie zahlreiche Reisen, auch in ferne Länder und pflegten so eine Vielzahl an wichtigen Kontakten. Gegen alle Regeln der Zeit und privilegierter Gesellschaft, führten die beiden Wissenschaftlerinnen ein äußerst eigenständiges Leben mit emanzipierter Einstellung. Selbstangeeignetes Schul- und später auch Universitätswissen stand bei den jungen Damen am Tagesplan. Aufgrund ihrer starken Rheumaerkrankung war es für Elise Richter immer wieder problematisch, über längere Zeitperioden zu sitzen, um zu studieren, doch trotz großer Herausforderung ließ sie sich von ihrem Weg nicht davon abbringen. Nach dem Krieg quasi mittellos geworden, kämpften sich die Schwestern mühsam durch, um sich überhaupt das Nötigste leisten zu können, was jenes Zitat erkennen lässt: "Nichts blieb unversehrt als das Ideal der eigenen geistigen Arbeit und die Kunst." [2]

Trotz allem konnten sich Elise Richter und ihre Schwester Helene bis 1938 zum jüdischen Großbürgertum Wiens zählen, bevor ihnen durch den Ausbruch des Nationalsozialismus sämtliche Rechte entzogen und am Ende ihre Leben genommen wurden. Die beiden Schwestern übten großen Einfluss auf das Kulturleben Österreichs Hauptstadt aus und konnten – Elise Richter mit Kenntnissen der Romanistik und Sprachwissenschaften, Helene hingegen mit welchen der Theaterwissenschaften und Anglistik – eine wichtige Stellung im wissenschaftlichen Leben erobern. Weiters leiteten die jüdischen Schwestern einen der letzten Wiener Salons im bürgerlichen Cottageviertel, welches im heutigen 18. und 19. Gemeindebezirke lag.

Elise Richter zeigte abseits von der akademischen Lehre und Forschung zur romanischen Sprachwissenschaft, Literatur und Phonetik großes Engagement für Friedens- und Frauenbewegungen, bei denen sie sich partei- und gesellschaftspolitisch einbrachte. Sie entwickelte großes Interesse für Fragen der Bildungspolitik und Mädchenerziehung auf, wobei ihre Auffassung von Wissenschaft vom heutigen Standpunkt aus als extrem modern anzusehen ist, da sie mit ihrem interdisziplinären Ansatz dem damaligen Trend der Spezialisierung widerspricht.

1938 wurde Elise Richter ihre Lehrbefugnis entzogen und danach ein Bibliotheksverbot für sie ausgerufen. Trotz feministische und wissenschaftlichen Engagement fand das Leben der beiden gebildeten Frauen mit der Deportierung ins Konzentrationslager Theresienstadt ihr Ende, wo sie am 10. Oktober 1942 hingebracht wurden und bald darauf ihren Tod erlitten. [3]

Schaffen

Elise Richter zählte zu jenen ersten Frauen, die 1897 maturierten und ging danach an die philosophische Fakultät der Universität Wien, doch bereits ab 1891 durfte sie einzelne Vorlesungen an der Universität Wien als Gasthörerin besuchen. Nach ihrer abgelegten Matura inskribierte sie dann offiziell als ordentliche Hörerin in Romanistik, allgemeine Sprachwissenschaft, klassische Philologie und Germanistik an der Universität Wien und es gelang ihr, im Jahre 1901 die Promotion zu erhalten. 1907 folgte die Habilitation, nach der Erteilung ihrer Lehrberechtigung ihre erste Vorlesung in romanischer Philologie sowie eine unbezahlte Dozentur. Sie war es dann auch, der als erster Frau in Österreich – wohlgemerkt erst im Jahre 1921 – der Titel der "außerordentlichen Universitätsprofessorin" und einen Lehrauftrag für Romanische Sprachwissenschaften, Literatur und Phonetik verliehen wurde. 1922 gründete sie den "Verband der akademischen Frauen Österreichs", dessen Vorsitzende sie bis 1930 blieb. Ab 1928 leitete Elise Richter zusätzlich das phonetische Institut der Universität Wien. Der Titel des Ordinarius blieb ihr jedoch verwehrt. Richter forschte hauptsächlich auf dem Gebiet der (romanischen) Sprachwissenschaften, mit Schwerpunkt im Bereich der Phonetik und der Phonolologie. Ihre Arbeiten befassten sich mit den psychologischen Grundlagen des sprachlichen Geschehens. Im Bereich der Sprachgeschichte erforschte sie den inneren Zusammenhang in der Entwicklung der romanischen Sprachen. [4] Elise Richter blieb mit ihrer Schwester Helene in Wien, doch ihre letzten Arbeiten konnte sie 1940 bis 1942 nur noch in den Niederlanden und Italien veröffentlichen.


Schriften (Auswahl)

  • Summe des Lebens: Lebensfreuden, Lebensleid (Autobiographie), Wien 1940.
  • Sprachwissenschaft in der Schule (Schriften des Pädagogischen Institutes der Stadt Wien), Wien ca. 1936.
  • Wie wir sprechen, Leipzig 1925.
  • Fremdwortkunde, Leipzig 1919.
  • Zur Entwicklung der romanischen Wortstellung aus der lateinischen, 1903.
  • Eine altportugiesische Version der König Lear-Sage, 1901.
  • Elise Richter (1865–1943): First Austrian Privatdozentin : With excerpts from a memoir on "Education and Development", in: Women medievalists and the academy / ed. by Jane Chance. - Madison, Wis., 2005. - S. 79-90.


Gegenwärtige Projekte

Robert Tanzmeister vom Romanistikinstitut der Universität Wien rief ein Projekt ins Leben, wobei er sich seit mehr als 10 Jahren mit den ungefähr 2500 Briefen, 300 Publikationen und Notizbücher beschäftigt, die die Schwestern über 60 Jahre lang geführt hatten. Auch unzähligen Schriften der Jüdinnen werden im Rahmen dieses Projekts aufgearbeitet und vom Wissenschaftsfond finanziert. "Die beiden Schwestern haben sich symbiotisch ergänzt. Die eine kann nicht ohne die andere analysiert werden. Zu verwoben sind ihr Schaffen und Leben. Sie bildeten eine Diskussionsgemeinschaft und funktionierten als Einheit", meint Projektleiter Tanzmeister.

Die Universitäts- und Staatsbibliothek Köln konnte 1942 die Bibliothek der beiden Schwester erwerben, die rund 3.000 Bände umfasst und dadurch weitere Forschung betreiben. Seit 2005 läuft die NS-Provenienzforschung, bei der sämtliche Inhalte der vorhanden Quellen über die Richterschwestern rekonstruiert und restituiert werden.


Ehrungen

  • Gedenktafel von Ferdinand Welz am Institut für Romanistik, 1985.
  • Büste der anonymisierten Wissenschaftlerinnen mit dem Gesicht Elise Richters, 2005.


Trivia

"Nur recht und billig wäre es daher", meint Tanzmeister, die "Umbenennung des Dr.-Karl-Lueger-Rings in Dr.-Elise-und-Helene-Richter-Ring" vorzunehmen, um "beiden auf diese Weise ihren Platz im kollektiven Gedächtnis Österreichs zu sichern". [5]

Seit 1985 erinnert am Institut für Romanistik eine bronzene Gedenktafel mit dem Reliefporträt Elise Richters und einer ausführlichen Inschrift an die gebildete Romanistin. Dieses Denkmal wurde auf Initiative des Institutsvorstands Univ. Prof. Dr. Wolfgang Pollak vom Bildhauer Ferdinand Welz (ordentlicher Hochschulprofessor an der Akademie der bildenden Künste in Wien) gestaltet. [6] 1998 wurden im Rahmen der Errichtung des Uni Campus im Areal des ehemaligen Allgemeinen Krankenhauses 24 Durchgänge als "Tore der Erinnerung" betitelt und dieser der Elise Richter gewidmet und nach ihr benannt. Bald darauf, im Jahr 1999, wurde ein Förderpreis für herausragende romanistische Habilitationen und Dissertationen des Deutschen Romanistenverbandes benannt und im Jahr 2003 folgte die Umbenennung des Juristensaals in Elise-Richter-Saal, wobei dies anlässlich der Neugestaltung des Leitsystems durchgeführt wurde. [7] "Die Rechtswissenschaftliche Fakultät hatte seit vielen Jahren keine Einrichtungen mehr im Hauptgebäude und somit passte diese historische Bezeichnung nicht mehr zu den aktuellen Gegebenheiten." [8] Seit 2000 wurden sowohl das Thema "Gender" als auch "Nationalsozialismus" immer häufiger zum Anlass für künstlerische Vorhaben an der Uni Wien. Da Elise Richter bezüglich beider Aspekte eine wichtige Persönlichkeit darstellt, war sie auch Thema des Projekts Wo ist Elise Richter, wo ist ...? der Künstlerin Elisabeth Penker, welches die Gestaltung einer Bronzebüste unter dem Titel "anonymisierte Wissenschaftlerinnen 1700–2005" und die Einrichtung einer Website zum wissenschaftlichen Diskurs umfasste. Weiters wurde 2006 nach Elise Richter ein Frauenförderungsprogramm des österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) und 2008 ein Weg in Wien-Floridsdorf (21. Bezirk) benannt. [9]


Einzelnachweise

  1. http://gedenkbuch.univie.ac.at/index.php?person_single_id=33708
  2. Christiane Hoffrath, Bücherspuren. Das Schicksal von Elise und Helene Richter und ihrer Bibliothek im „Dritten Reich“, Köln 2009.
  3. Erika Müller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29./30. 3. 2003
  4. http://gedenkbuch.univie.ac.at/index.php?person_single_id=33708
  5. Erika Müller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29./30. 3. 2003.
  6. Wolfgang Bandhauer 1985. Niemals vergessen. Elise Richter zum Gedenken, in: Semiotische Berichte 1,2, 1985, S. 165.
  7. http://gedenkbuch.univie.ac.at/index.php?person_single_id=33708
  8. Herbert Posch, Kunst & Zeitgeschichte | Erinnerung – Gedenken – Universität, in: Linda Erker u.a., Hg., Update! Perspektiven der Zeitgeschichte, Zeitgeschichtetage 2010, Innsbruck u. Wien 2012, S. 708–733.
  9. http://gedenkbuch.univie.ac.at/index.php?person_single_id=33708


Barbara Wessely, 1127710