Die Fassade des Hauptgebäudes der Universität Wien

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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Hauptgebäude Universität Wien

Der Bau des Hauptgebäudes der neuen Wiener Universität und seiner Fassade begann im Jahr 1872 und wurde, nach dem Architekten Heinrich von Ferstel, 1884 fertiggestellt. Das umfassende ikonographische Programm der Fassade des neoklassizistischen Gebäudes, das von namhaften Bildhauern der Wiener Ringstraße geschaffen wurde, bedient sich der griechischen Mythologie und der Antike. Über 40 allegorische und mythologische Figuren befinden sich über der Attika, 128 berühmte Wissenschaftler und Gelehrte, sowie biblische Figuren, insgesamt 80 goldene Namensschilder, weitere Reliefs und Plastiken zieren die vier Fassaden des Gebäudes und repräsentieren die vier ursprünglich untergebrachten Fakultäten.[1][2]

Geschichte des Baus

Die seit 1365 bestehende Wiener Universität litt ab dem Jahre 1848, in der franzisko-josephinischen Ära, unter Mangel an Räumlichkeiten und Delokalisierung. Die Not wurde durch den wachsenden Andrang neuer Studenten und Wissenschaftlern, der sich davon unbeirrt fortsetze, nicht gemindert. Seit 1854 im Gespräch, wurde der kaiserliche Entschluß zur Errichtung eines neuen Gebäude durch viele Uneinigkeiten fast zwei Jahrzehnte verzögert. 1870 schließlich wurde dem Universitätsgebäude, gemeinsam mit dem ebenfalls geplanten Parlament und Rathaus, neues Bauland direkt an der Wiener Ringstraße gewidmet. 1872 legte der renommierte Architekt Heinrich von Ferstel den definitiven Bauentwurf der Alma Mater Rudolphina vor, der mit manchen Änderungen während der Ausführung 1884, ein Jahr nachdem Ferstel verstorben war, fertiggestellt wurde.[3]

Die architektonische Gliederung

Die Fassade des 161 x 133 Meter messenden Universitätsgebäudes wurde von Ferstel homogen zur Gesamterscheinung konzipiert. Von großen italienischen Bauwerken inspiriert wurde die Fassade in Neorenaissanceformen ausgeführt.[4] Die Fassaden sind zweistöckig und durch markante Gesimse unterteilt. Das umlaufende, dekorative Friesband trägt 80 Schilder mit den Namen berühmter Gelehrter in goldenen Lettern auf blauem Grund. Das Untergeschoß ist durch Rustikamauerwerk, und das Obergeschoß durch eine Quadermauer strukturiert. Die Säulenordnung gliedert sich an allen Fassaden in toskanische Pilaster im Untergeschoß, ionischen Halbsäulen und kleineren, vollrunden Säulen im Obergeschoß. Große Rundbogenfenster befinden sich an den prominenteren Zonen. Im Tiefparterre und in den zurückversetzten und zweitrangigen Zonen befinden sich kleinere rechteckige Fenster. Das überragende Festsaalgeschoß, welches hinter dem Haupteingang quer zur Fassade gelegen ist, schließt mit korinthischen Pilastern ab.


Die Hauptfassade der Ringstrassenfront ist stärker gegliedert als Seiten- und Rückfassade. Der markante Mittelrisalit hebt sich durch die reich dekorierte Eingangsloggia hervor, der eine breite Treppe nach vorne, und zwei nach den Seiten ausgeschwungenen Auffahrten mit Balustraden vorgelegt ist. Die Loggia gliedert sich in offene Arkaden mit anschließendem Tonnengewölbe. An die symmetrischen, zurückversetzen Zonen links und rechts des Mittelrisalits schließen zwei vorspringenden, überkuppelten Flügelbauten an, die noch je zwei Eckpavillons aufnehmen. An der Rückseite des Baus befinden sich je ein Eckpavillon an den äusseren Ecken zu den angrenzenden Seitenfassaden. Die zweistöckigen Seitenfassaden werden durch je zwei vortretende dreiachsige Risalite bestimmt. Sie durchbrechen die sonst einheitliche Struktur der Seitenfassaden zwischen den abschließenden und niedrigeren Eckpavillons. Diese Risalite verfügen über je vier Säulen im Unter- und im Obergeschoß.[5]


Ikonografisches Programm

Die üppige und starke Repräsentation nach aussen entspricht dem Stil der Monumentalbauten der Ringstraße. Obwohl Ferstel plante, das Programm entsprechend der inneren Aufteilung der Fakultäten zu organisieren, gelang die Korrespondenz von aussen und innen nur teilweise, da die juristische und die philosophische Fakultät mehr Räumlichkeitsbedarf, als die Theologie und die Medizin hatte.[6]

Eingangsloggia Hauptfassade Universität Wien


Zentral im breiten Dreiecksgiebel über der Eingangsloggia befinden sich Plastiken des Wiener Bildhauers und Medailleurs Josef Hermann Tautenhayn d. Ä. In Kalkstein ist die „Geburt der Minerva“ dargestellt, welche die Bedeutungen der vier ursprünglich untergebrachten Wissenschaften zusammenfasst: Theologie, Jurisprudenz, Medizin und Philosophie. Die Minerva ist die lateinisierte griechische Athene, Göttin der Weisheit und des Kampfes und Patronin der Wissenschaft. Die Darstellung ihrer Geburt suggeriert die Universität als Wiege der Wissenschaft. Das Friesband trägt auf der Eingangsloggia die zusammenfassende Inschrift VNIVERSITAS LITTERARUM VINDOBONENSIS, was soviel wie "Gesamtheit der Wissenschaften Wiens" bedeutet. Den Giebel bekrönend befindet sich die Nike, von zwei Sphingen flankiert. Sie symbolisiert in Verbindung mit dem, von Ferstel geplanten allegorischen Programm des Festsaals den „Sieg des Lichts über die Finsternis“.[7]

Der links und rechts zum Mittelrisalit angrenzende, zurückversetzte und einstöckige Bereich ist der Präsentation der Theologie und der Jurisprudenz vorbehalten, ebenso wie der Bereich der angrenzenden Eckpavillons. Die Symboliken der anderen zwei Fakultäten, Medizin und Philosophie beginnen an den äußeren Eckpavillons der Ringstraßenfassade und erstrecken sich weiter an den angrenzenden, langgestreckten Seitenfassaden des Baus. [8]

In den Nischen der Eckpavillons befinden sich je zwei Ganzkörperplastiken. Im Gegenteil zu den mythologischen Figuren und den antiken Allegorien der einzelnen Disziplinen der Fakultäten über der Attika, repräsentieren die Nischenfiguren historische Gelehrte. Jeweils über ihnen findet man von Löwenköpfen getragene Rundportraitreliefs, weiß auf blauem Grund. Die Medallions erinnern an römische Münzen und an Autorenportraits.[9] In der Frieszone über dem ersten Stock und an den Kuppelpavillons befinden sich Inschriftentafeln mit den Namen bedeutender Gelehrter. Mehrere Flächen sind in den Farben der vier Fakultäten gestrichen: goldgelb für Theologie, dunkelblau für Philosophie, Jurisprudenz in hellpurpur und Medizin in lindengrün.[10]

An den Risaliten der Seitenfassaden sind Inschriften mit Leitbegriffen der Fakultäten angebracht: Divinis Religioni für Theologie, Humanitati / Sanitati für die Medizin, Rei Pubvlikae / Iustitiae für die Jurisprudenz und Historiae / Naturae für die Philosophie. Auch die rückseitige Fassade, hinter der sich die Universitätsbibliothek verbirgt, versammelt Symboliken aller vier Fakultäten. Hier befindet sich reicher Sgraffito-Schmuck in neun verschlossenen Rundbogenfenstern, der von Ignaz Schönbrunner und Christian Petersen ausgeführt wurde. In jedem Rundbogenfenstern befinden sich je drei allegorische Figuren unter Baldachinen und mit Attributen verschiedener Wissenschaften ausgestattet. Im Obergeschoß darüber sind die teilweise verblendeten Fenster mit ornamentaler Sgraffitomalerei versehen. In den Zwickeln darüber befinden sich weitere allegorische Darstellungen.[11]


Im Detail

Linker Flügelbau mit Eckpavillon, Hauptfassade Universität Wien

Die Theologie nimmt die linke Seite neben dem Eingangsrisalit bis einschließlich dem innerem Eckpavillon des linken Seitenflügels ein. Die Giebelgruppe über dem diesem Pavillon stammt von Edmund Hellmer und stellt die theologische Fakultät allegorisch dar. Am niedereren Trakt zum Mittelrisalit befinden sich acht allegorische Attikafiguren: Dogmatik, Apologetik, Moral- und Pastoraltheologie von Alois Düll und Kirchenrecht, Kirchengeschichte, Bibelwissenschaft und Patristik von Werner David. Die zwei Fenster an der zwei Seiten des Eckpavillons sind von je zwei Figuren in Nischen flankiert: Moses, Petrus, Augustinus und Chrysostomus. Über ihnen werden vier runde Portraitreliefs von Isaias, Paulus, Hieronymus und Anastasius von Löwenköpfen getragen. Die der Theologie zuzurechnenden Namensschildern am Kranzgesims lauten Petavius, Robert Bellarmin, Caesar Baronius, Karl Borromäus, Raimund von Peñaforte Bonaventura, Thomas von Aquin, Bernardus, Anselmus, Origines.

Die Jurisprudenz befindet sich am rechten Pavillon auf Ringstraßenseite bis zum Mittelrisalit der Ringsstraßenfassade. Die Giebelgruppe des Pavillons zeigt die Allegorie der Jurisprudenz, die acht Attikafiguren erstrecken sich entlang der Hauptfassade: Rechtsphilosophie, Justitia, Rechtsgeschichte von Rudolf Weyr und Staatsrecht, Handels-, See-, Bergrecht und Volkswirtschaft von Josef Lax und Strafrecht, Zivilrecht, Prozessrecht und Völkerrecht von Josef Beyer. Die vier Nischenfiguren am Pavillon stellen Solon, Justinian, Karl den Großen und Karl V von Edmund Hofmann von Aspernburg dar. Die darüberliegenden, löwengetragenen Rundreliefs zeigen Portraits von Papinian, Eike von Repgow und Friedrich Joseph Colestin von Schwarzenberg. Die zehn Namensschilder nennen Zeiller, Eichhorn, Savigny, Sonnenfels, Adam Smith, Montesquieu, Hugo Grotius, Cujacius, L. Andreae und Yrnerius.

Die Giebelgruppe der Philosophie (Geistes- und Naturwissenschaften) von Edmund Hellmer hat seinen Platz am linken, äusseren Eckpavillon. Rechts daneben sind vier Figuren an der Attika des Flügelbaus, Philosophie, Physik, Mathematik und Geschichte von Edmund Hofmann von Aspernburg angebracht. Weitere acht Attikafiguren an den beiden Risaliten der linken Seitenfront angrenzend zum Rathauspark zeigen Hermes mit drei Grazien Aglaja, Euphrosine und Thalia von Franz Koch, Apollo, Klio, Helike und Mneme von Anton Schmidgruber. Vier Nischenfiguren am hinteren Eckpavillon zum Rathauspark: Platon, Aristoteles, Archimedes und Euklid, darüber vier Portraitmedallions von Descartes, Leibnitz, Erasmus von Rotterdam von Josef August und Scaliger. Weitere vier Nischenfiguren am hinteren, rechten Eckpavillon: Aristarch, Herodot, Hipparchus und Ptolemäus, darüber vier Medallions in welchen Newton, Galilei, Kopernikus und Kepler abgebildet sind. 31 Namensschilder beansprucht diese weitreichende Fakultät für sich: Champollion, J. Grimm, Diez, Bopp, Lessing, Kant, R. Brown, Barthold Georg Niebuhr, Joseph Hilarius Eckhel, Winckelmann, Heinrich Ritter, Bentley. F. A. Wolf, Herbart, Hegel, Bolzano, F. Schegel, W. Humboldt, Cuvier, Berzelius, Liebig, Faraday, Volta, Fresnel, Bessel, Gauss, Lavoisier und Laplace.

Die Medizin nimmt den äusseren Teil des rechten Flügelvorbaus an der Hauptfassade und die rechte Seitenfassade an der Universitätsstraße ein. Die allegorische Giebelgruppe der Medizin gestaltet Rudolf Weyr. Die vier nicht mehr vorhandenen Attikafiguren an der Ringfront zeigten Hygiene, Psychologie, externe und interne Medizin von Johann Kalmsteiner. Die acht Attikafiguren an den Risaliten der rechten Seitenfassade sind Neptun, Urania, Gaia und Prometheus (nicht mehr vorhanden) als Personifikation der vier Elemente von Josef Silbernagl und Orpheus, Medea, Kirke und Herakles von Anton Paul Wagner. Weiter geht es mit den Nischenfiguren am hinteren Pavillon auf der Universitätsstraße: Hippokrates, Galen, Erasistratus und darüber vier Portraitmedallions des Averraes, Avicenna, Heliodorus und Aretaeus und weitere Nischenfiguren von Empedokles, Theophrastus, Pythagoras und Demokrit, darüber vier Portraitreliefs von Dioskurides, Plinius, Asklepiades und Geber. Die 29 Namensschilder am Kransgesims nennen Soranus, Vesalius, Paracelsus, Paré, Auenbrugger, William Harvey, Malpighi, Sydenham, Boerhaave, Palfyn, Morgagni, Cheselden, Albrecht von Haller, John Hunter, Pinel, Curt Sprengel, Jenner, Bichat, Laennec, Johann Müller, E. H. Weber, Drebbel, Otto von Guericke, Boyle, Huygens, Leuwenhook, Benjamin Franklin und Julius Robert Mayer.[12]

Einzelnachweise

  1. Mühlberger 2007, S. 60.
  2. Rüdiger 2013, S. 229 – 244.
  3. Pippal (Hg.) 1984, S. 3-5.
  4. Pippal (Hg.) 1984, S.4.
  5. Mühlberger 2007, S. 55 - 58.
  6. Pippal (Hg.) 1984, S. 10 - 11.
  7. Rüdiger 2013, S. 229 - 230.
  8. Pippal (Hg.) 1984, S. 10.
  9. Rüdiger 2013, S. 232 – 233.
  10. Mühlberger 2007, S. 56 - 60.
  11. Mühlberger 2007, S. 52 - 59.
  12. Mühlberger 2007, S. 60 - 65.

Literatur

  • Kurt Mühlberger, Palast der Wissenschaft. Ein historischer Spaziergang durch das Hauptgebäude der Alma Mater Rudolphina Vindobonensis, Wien, 2007.
  • Martina Pippal (Hg.), Die Universität am Ring. 1884 – 1984, Wien, 1984.
  • Julia Rüdiger, Die Gelehrten an der Fassade der Universität Wien, in: Herbert Bannert, Elisabeth Klecker (Hg.), Autorschaft. Konzeptionen, Transformationen, Diskussionen, Wien, 2013.