Denkmal anonymisierte Wissenschaftlerinnen 1700–2005 (Elise Richter)

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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Elisabeth Penker, Büste anonymisierte Wissenschaftlerinnen 1700–2005 (Elise Richter), Bronze, 2005, Wien.
Elisabeth Penker, mit Büste "Denkmal Elise Richter – anonymisierte Wissenschaftlerinnen 1700–2005", Arkandenhof Universität, Wien.

Neben 154 Büsten und zahlreichen Gedenktafeln männlicher Akademiker ist zwischen 1888 und 2002 im Arkadenhof der Universität Wien nur eine einzige Gedenktafel einer Frau – Marie von Ebner-Eschenbach 1925 – gewidmet worden. Somit war es eine Besonderheit, als nach einigen hundert Jahren Bestehen der Universität ein erster Schritt zur Aufstellung einer Frauenbüste in die Wege geleitet und am 23. November 2005 ein weibliches Gesicht in Büstenform feierlich enthüllt und aufgestellt wurde. Sie war es, die als Repräsentantin für unzählige Frauen an den Universitäten fungieren und den Ist-Zustand an den Universitäten dokumentieren sollte. Bedauerlicherweise war die Aufstellung des Denkmals von Beginn an nur als temporäre Installation geplant und so musste die Wissenschaftlerin nach einem Jahr im Arkadenhof wieder weichen.

Beschreibung

"Ich wollte sichtbar machen, dass im gesamten Arkadenhof keine einzige Büste einer Frau steht.", betont Elisabeth Penker, ihre Bildhauerin. Dies war auch der Grund für die Wahl dieser Art der Repräsentation, die bis dahin ausschließlich Männern vorbehalten war. Doch dieser Büste wurde neben ihrer bereits offensichtlichen Vorrangstellung als Frau eine weitere, von den anderen Denkmälern hervortretende Eigenschaft zu teil: ihr Material. Sie wurde nicht wie die meisten Wissenschaftlerbüsten aus Stein gemeißelt, sondern wie nur wenige Denkmäler im Arkadenhof aus Bronze gegossen.

Diese Bronzebüste – auf einem rechteckigen, schlichten Pfeiler mit Sockelabschluss stehend – wurde von der Bildhauerin Elisabeth Penker anonym betitelt. Der nach unten hin verjüngte Steinsockel aus Wachauer Marmor weist längliche Schattierungen unterschiedlichster Grautöne auf und trägt die darauf verweisende Gravur anonymisierte Wissenschaftlerinnen 1700–2005, die golden hervorgehoben wurde. Die Büste hingegen trägt dafür stellvertretend für die unzähligen Wissenschaftlerinnen dieses Zeitraums das Gesicht der Jüdin Elise Richter: ersthabilitierte Frau Österreichs und Professorin für Romanistik. – Die Künstlerin Elisabeth Penker hält sie für eine "faszinierende Persönlichkeit", die großartige Leistungen in der Wissenschaft sowie im privaten Leben vollbracht hat und wählte daher ihr Gesicht aus, als Platzhalterin für alle anderen vergangenen wie auch zukünftigen Akademikerinnen zu fungieren. Das Denkmal weist eine glatte Oberflächengestaltung und realistische Züge auf. Es ist schlicht gestaltet und mit wenigen Details ausgestattet. Bei der Wissenschaftlerin handelt sich um eine 3/4-Büste mit geradem Abschluss, wobei der seitliche Abschluss der Schultern ebenfalls gerade vertikal gerade nach unten verläuft.

Entstehungsgeschichte

Der Wettbewerb

Elisabeth Penker nahm 2005 bei dem von Open Mind ausgeschriebenen Wettbewerb Utopie und Freiheit teil. "Das Hauptaugenmerk lag dabei auf der Förderung der Kunst und Kultur Schaffenden und die Umsetzung der eingereichten Projektideen sowie die Sichtbarmachung von künstlerischen Positionen in der Öffentlichkeit." Die einzige Vorgabe war der Themenbereich "öffentlicher Raum". Dabei hatte die ambitionierte Künstlerin das Anliegen, den männerdominierten Arkadenhof der Universität Wien in Angriff zu nehmen, um auf das Thema "Ungleichgewicht – Gleichberechtigung für Frauen" – welches ihr besonders unter den Fingernägeln brannte – aufmerksam zu machen. Ihr Projekt lief unter dem Titel Wo ist Elise Richter, wo ist ...? und war beim ausgeschriebenen Wettbewerb von 257 vollständig eingelangten Einsendungen zwischen dem 21 März und 7 Juni 2005 unter jenen 21, die von der Jury für die weitere Umsetzung ausgewählt worden waren und deren Kosten in Folge von der Stadt Wien übernommen wurden. Die ausgewählten Projekte des von Open Mind veranstalteten Wettbewerbs wurden auch in der Kunsthalle Exnergasse im Wuk-Projektraum von 18. Oktober bis 4. November ausgestellt.

Das Projekt

Die Büste war der erste Teil des Projekts Elise Richter, welches ins Leben gerufen wurde, um auf das Ungleichgewicht von Männern und Frauen an der Universität aufmerksam zu machen. Das Projekt stellte laut der Künstlerin Elisabeth Penker die "systematische Ausblendung von Wissenschaftlerinnen aus der Universitätsgeschichte" dar, wobei die Aufstellung eines bronzenen Frauendenkmals als Dokumentation dieser auffälligen Absenz von Frauen im Arkadenhof diente. Bei der feierlichen Eröffnung waren unter anderem Universitätsmitglieder wie Monika Bernold, Ulrike Felt, Eva Kreisky, Dieter Schrage und weiters eine Vertreterin der ÖH sowie eine Stellvertreterin vom Verein Open Mind anwesend. Univ.-Prof. Dr. Ulrike Felt erklärte, dass es hierbei nicht darum ginge, "schnell eine Liste von Wissenschafterinnen zu erstellen, die der Würdigung wert empfunden werden, sondern auf strukturelle Bedingungen hinzuweisen." Mit dieser noch immer als "männlich [geltenden] Form der Ehrung" ist es laut ihr an der Zeit gewesen, "Symbole für den Ausschluss bestimmter Gruppen zu setzen, genau dort Platz zu nehmen und zu stören", wo bis zu der Zeit die Männer dominierten. Jedoch wäre es laut Frau Felt nicht ausreichend, eine einzige Büste den zahlreichen männlichen entgegen zu setzen – dies würde das Ungleichgewicht nicht beseitigen und es bedarf somit um einiges mehr, einen Schritt in Richtung Gleichberechtigung zu tätigen. Vor allem wäre es nötig, die Frauen "beim Namen zu nennen" und nicht nur anonym zu würdigen.

Den zweiten Teil des Gesamtkonzeptes der Künstlerin bildete die Plattform www.eliserichter.at. Die Künstlerin erteilte dem befreundeten Medienarchitekten Dr. Gernot Tscherteu – Leiter von Reality Lap – den Auftrag, eine Website zur Kommunikation Studierender und anderer Interessenten zu entwickeln. Die Idee war, die Möglichkeit zu bieten, Biographien von Wissenschaftlerinnen in diese Wikipedi-Software laden zu können und dadurch einen Austausch und Diskussion anzuregen. Man kann sich dies wie unser Projekt zu den Büsten des Arkadenhofs vorstellen. Dabei stand die Bekanntmachung von weiblichen Persönlichkeiten im Vordergrund, die in der Wissenschaft Leistungen erbracht haben. Diese Seite war als "transdisziplinäre Schnittstelle zwischen Diskursbildung und Forschung" zu verstehen und blieb bis zum Jahr 2010 aktiv. Nach diesem temporären Projekt wurde die Domän abgemeldet.

Als nicht mehr zeitgemäß empfunden, lehnte die Uni Wien die dauerhafte Aufstellung der Büste im Arkadenhof bedauerlicherweise vorerst ab. – Die Aula und der Arkadenhof "waren bis 2009 im ‚aktiven gedenkpolitischen Gebrauch‛, aber gemäß eines Entschlusses des Rektorats soll dieses Denkmals- und Ehrungskonzept nicht mehr weitergeführt, sondern durch neue Formen, die nicht mehr im 21. Jahrhundert angekommen sind, abgelöst werden." [1] Aus diversen Gründen kam es auch nicht dazu, dass sie woanders aufgestellt wurde, doch für die Bronzebüste fand sich nach einigen Jahren ein interessierter Käufer. Das original Wachsmodell blieb weiterhin im Besitz der Bildhauerin Elisabeth Penker und würde bei Bedarf weiterhin für die Universität zur Verfügung stehen, wobei es auch möglich wäre, einen weiteren Bronzeguss davon herstellen zu lassen. Doch nichts desto trotz war sie nicht die einzige Darstellung von Weiblichkeit im universitären Arkadenhof. – Seit einigen Jahren sitzt eine steinerne Nymphenskulptur auf einem Brunnen, wobei diese seit 2009 einen kämpfenden Schatten wirft, um auf Frauen an der Uni aufmerksam zu machen. Mehr zu den Projekten Kastalia-Brunnen und der Muse reicht's können Sie weiteren Artikeln entnehmen.

Im Jahr 2007 machte die Wanderausstellung "Frauen Leben Wissenschaft. 110 Jahre Wissenschaftlerinnen an der Universität Wien" im Arkadenhof ein weiteres Mal auf das Ungleichgewicht der Geschlechter aufmerksam. Biographien und Porträts der Wissenschaftlerinnen führten durch das Leben zahlreicher Wissenschaftlerinnen vom Studium bis zur Professor.

Während der Österreichischen Zeitgeschichtetage 2010 organisierte das Institut für Zeitgeschichte und das Forum Zeitgeschichte der Universität Wien in Kooperation mit dem Institut für Kunstgeschichte die Ausstellung Kunst & Zeitgeschichte | Erinnerung – Gedenken – Universität. Dabei war auch Elisabeth Penker mit ihrem Projekt passend bei der Ausstellung im modernen Ambiente des Instituts für Kunstgeschichte – mit dem thematischen Fokus auf "Gender und Wissenschaft" – vertreten, wobei dies nur in Form von Text-Bild-Tafeln erfolgte, da es aufgrund von Sicherheitsbedenken nicht möglich war, die Originalbüste nochmals aufzustellen. Im Zuge des 650-Jahre-Jubiläum der Universität Wien sind nun weitere Projekte in Planung, um Frauenbüsten an die Universität zu bringen. [2]

Herstellungsprozess der Büste

Elisabeth Penker, anonymisierte Wissenschaftlerinnen 1700–2005 (Elise Richter), Originalmodell, Wachs, 2005, Wien.

Zu Beginn fertigte Elisabeth Penker anhand eines Fotos der Wissenschaftlerin ein Wachsmodell – dabei wird ein Styroporkern mit Modellierwachs überzogen. Dieses kam daraufhin in die Kunstgießerei Walter Roms nach Tirol, wo aus dem Modell eine Silikonform gefertigt wurde, um daraus die hochwertige Bronzebüste zu gießen. Der Sockel wurde in Auftrag an die Steinmetzfirma Zehmann gegeben – er entstand aus einem Grabstein, der keine Verwendung mehr fand und sich dabei kostengünstiger gestaltete und wurde von Mario Jungbauer hergestellt. Von dieser Firma wurde auch die Gravur des Titels durchgeführt.

Kunsthistorischer Vergleich

Elisabeth Penker ist eine zeitgenössische Künstlerin, die sich mit modernen und innovativen Projekten befasst. Durchaus interessant ist die Beobachtung, dass die Bronzebüste sich von ihren anderen Werken sehr stark abhebt. Wie bereits vorhin erwähnt, wurde die weitgehend traditionell gestaltete Form so gewählt, dass sie sich am Repräsentationsstil des Arkadenhofs orientiert.

Im Institut für Romanistik hängt beim Eingang zum Stiegenaufgang eine Gedenktafel zu Ehren der Professorin Elise Richter. Es handelt sich hierbei um eine querrechteckige Tafel, welche in der Mitte das Profil Elise Richters reliefiert wiedergibt, wobei eine ausführliche Inschrift um diese herum gestaltet ist. Die Tafel ist ebenfalls wie die von der Künstlerin Elisabeth Penker gestaltete Büste aus Bronze gegossen worden und bietet sich perfekt zu einem Vergleich an. Sie wurde auf Initiative des Institutsvorstands Univ. Prof. Dr. Wolfgang Pollak vom Bildhauer Ferdinand Welz (ordentlicher Hochschulprofessor an der Akademie der bildenden Künste in Wien) anhand eines Fotos künstlerisch gestaltet und im März 1985 feierlich enthüllt. Meiner Meinung nach ähnelt das Relief besonders dem Foto, welches vor dem Elise-Richter-Saal unserer Universität hängt – es sind klare Grundzüge als Gemeinsamkeit wiederzuentdecken. Diese sind vor allem leicht zu erkennen, da beide Abbildungen im 3/4-Profil wiedergegeben wurden. Ich vermute, es könnte exakt dieses Bild gewesen sein, das als Vorlage herangezogen worden war. Auch Elisabeth Penker hat als Vorlage ein Foto verwendet, doch als Büste ist Elise Richter hier dreidimensional gestaltet und rundum begehbar. Sie scheint die Wissenschaftlerin in jüngeren Jahren darzustellen, welche weiters auch eine etwas schmälere Gesichtsform aufweist. [3]

Rezeption in der Presse

Quellen

  • Gespräch mit Herrn Dr. Herbert Posch, am 20.05.2014 und Mail-/Telefongespräche.
  • Interview mit Elisabeth Penker, am 24.06.2014.
  • Mail- und Telefonkontakt mit Herrn ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Robert Tanzmeister, Frau Univ.-Prof. Dr. Ulrike Felt, Juni 2014.

Einzelnachweise

  1. Herbert Posch, Kunst & Zeitgeschichte | Erinnerung – Gedenken – Universität, in: Linda Erker u.a., Hg., Update! Perspektiven der Zeitgeschichte, Zeitgeschichtetage 2010, Innsbruck u. Wien 2012, 708–733
  2. Herbert Posch, Kunst & Zeitgeschichte | Erinnerung – Gedenken – Universität, in: Linda Erker u.a., Hg., Update! Perspektiven der Zeitgeschichte, Zeitgeschichtetage 2010, Innsbruck u. Wien 2012, 708–733.
  3. Wolfgang Bandhauer 1985. "Niemals vergessen. Elise Richter zum Gedenken", in: Semiotische Berichte 1,2, 1985165-168, 165.

zusätzliche Darstellungen

Barbara Wessely, 1127710