Denkmal Julius Tandler

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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Abb. 1: Büste von Julius Tandler, gefertigt von Josef Riedl, Arkadenhof der Universität Wien.
Abb. 2: Lage des Denkmals, Nr. 76, Plan des Arkadenhofes der Universität Wien, Maisel 2007.

Das Denkmal für den Mediziner Julius Tandler (1869-1936) wurde von dem Bildhauer Josef Riedl (1884-1965) für den Arkadenhof der Universität Wien geschaffen und am 28.November 1956 enthüllt.

Beschreibung

Das Denkmal von Julius Tandler befindet sich auf der Hofseite des Quergangs des Arkadenhofes der Universität Wien und ist zum Gang hin ausgerichtet.

Abb. 3: Postament von Julius Tandlers Denkmal im Arkadenhof der Universität Wien.

Auf einem schlichten im Querschnitt viereckigen Postament mit einer Höhe von 130 cm, einer Breite von 42 cm und einer Tiefe von 32 cm befindet sich eine Porträtbüste mit dem Konterfei Julius Tandlers, welche ihrerseits eine Höhe von ca. 72 cm, eine Breite von 39,9 cm und eine Tiefe von 30 cm aufweist (Abb. 1, 3). Im oberen Teil des Postaments ist eine goldene Inschrift angebracht, die wie folgt lautet: PROFESSOR DR. JULIUS TANDLER 1869 1936 (Abb. 3). Auf der linken Seite der Büste befindet sich die Künstler Signatur: JOS.FR.Riedl 1956 (Abb. 4).

Abb. 4: Signatur am Denkmal Julius Tandlers im Arkadenhof der Universität Wien.

Das Denkmal besteht aus Adneter Marmor, der durch seine rötliche Farbe sehr auffällig ist und von keinem der anderen Künstler im Arkadenhof Wien verwendet wurde. In den Marmorsteinbrüchen von Adnet in Salzburg findet ein Abbau der Kalksteine statt. Dieses außergewöhnliche Material ist eigentlich kein Marmor, sondern ein metamorpher Kalkstein der eigentlich nicht in Österreich entstanden ist. Dieser besondere Stein findet in ganz Europa in unterschiedlichster Weise Verwendung, im besonderen aber in der Stadt Salzburg.[1]

Porträtkopf und Korpus Tandlers sind frontal auf den Arkadengang ausgerichtet. Die Augen blicken ebenfalls geradeaus. Das etwas schüttere Haar trägt Tandler konservativ nach hinten gekämmt, wo hingegen sein dichter Schnurrbart der die Mundpartie verdeckt, dominant in den Vordergrund tritt. Der Korpus Julius Tandlers ist nicht so stark durchgebildet. Eine Fliege um den Hals ist deutlich erkennbar. Bei der Kleiderwahl ist allerdings eine Einschätzung nicht so einfach möglich, vermutlich trägt Tandler ein Jackett oder einen Weste.

Notizen zur dargestellten Person

Julius Tandler (*16. 02. 1869 in Iglau/Jihlava, † 26. 08. 1936 in Moskau) war ein österreichischer Anatom und sozialdemokratischer Politiker. In seinen wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigte er sich vor allem mit Entwicklungsgeschichte und Konstitutionslehre. Als Mitglied der Wiener Landesregierung 1919-34 kämpfte er für soziale Hilfe als Recht für alle, die sie brauchen. Er setzte sich intensiv für die Bekämpfung der hohen Säuglingssterblichkeit und Tuberkulose ein und schuf soziale Einrichtungen wie Kindergärten, Kinderhorte, Schulzahnkliniken und Mutterberatungsstellen. 1934 reiste Tandler nach China und 1936 nach Moskau, wo er schließlich auch verstarb.[2]

Seit 1949 gibt es in Wien Alsergrund den Julius-Tandler-Platz, vormals Althanplatz.[3]

Entstehungsgeschichte

Auf Antrag der Herren Professoren Leopold Schönbauer, Heinrich Hayek und Tassilo Antoine beschloss das Professorenkollegium der Medizinischen Fakultät der Universität Wien auf der Sitzung vom 23.11.1955 eine Büste von Prof. Tandler in den Arkaden der Universität aufzustellen.[4] Am 19.12.1955 erteilte der Akademische Senat der Universität Wien seine Zustimmung für das Vorhaben.[5]

Der Auftrag lautete eine Büste für Julius Tandler in Marmor auszuführen. Josef Riedl nahm sich der Aufgabe an und bemerkte in diesem Zusammenhang: "Das war wieder eine Entschädigung für die Schinderei an der letzten Arbeit. Auch der Kopf selbst war wie geschaffen für Adneter Stein. Da konnte man schon etwas machen; und ich habe von Anfang an gefühlt, bei dieser Arbeit redet mir niemand kleinlich drein. Und so war es auch. Bilder bekam ich genug, und zwar gute."[6] Am 18.04.1956 begutachteten der Stadtrat Patzer (die Gemeinde Wien übernahm die Finanzierung des Denkmals) sowie die Professoren Pillat und Hayek das Tonmodell der Büste von Tandler im Atelier Riedls, die sie als "durchaus ähnlich und als gute künstlerische Arbeit" befunden haben.[7]

Der Kunstausschuss der Universität Wien vom 07.05.1956 wies nach gründlichen Überlegungen dem Denkmal einen Platz unterhalb des Reliefs für den Zoologen Carl Claus auf der Juristenseite des Arkadenhofes zu.[8] Die Entscheidung zum Aufstellungsplatz des Denkmals wurde von Prof. Hayek beanstandet. Er sprach sich für den Platz zwischen den Büsten von Prof. Edmund von Neusser und Prof. Hans Horst Meyer aus. Der Kunstausschuss wies den Vorschlag Hayeks zurück, aus dem gleichen Grunde, aus dem schon Hayek den ursprünglichen Ort für nicht geeignet empfand. Dieser Grund war die unpassende Höhe des Denkmals. Zum neuen Aufstellungsplatz wurde eine Ecke des Arkadenhofes ausgewählt, vor dem Denkmal für Prof. Friedrich Hasenöhrl, wodurch eine Analogie zu dem Denkmal von Prof. Rudolf Much auf der anderen Seite des Arkadenhofes geschaffen wurde.[9] Die feierliche Enthüllung der Büste Tandlers fand, nach dem Vorschlag von Prof. Hayek, am 28.11.1956 statt.[10]

Kunsthistorischer Vergleich und Analyse

Abb. 5: Portraitfoto von Julius Tandler, Unbekannter Fotograf, o.J.

Das Material der Büste zu Ehren Julius Tandlers ist einzigartig im gesamten Arkadenhof, es handelt sich hier um Adneter Marmor, der durch seine rötliche Farbe besonders deutlich hervorsticht. Wie bereits oben erwähnt meinte der ausführende Bildhauer Josef Riedl einmal: "Der Kopf selbst war wie geschaffen für Adneter Stein".[11] Gemeint war damit Julius Tandlers Kopf. Das Denkmal weist große Plastizität auf, während der Büstenabschnitt flach ausgeführt ist, wurde der Kopf stark durchgestaltet. Dadurch entsteht der der Büste so eigentümliche ernsthafte, fast knorrige Gesichtsausdruck. Durch die starken Höhen und Tiefen im Material verteilen sich Licht und Schatten über das Gesicht und lösen eine eindrucksvolle Hell-Dunkel-Wirkung aus. Möglicherweise lässt sich die kantige, fast hölzerne, aber dennoch modelliert scheinende Ausführung der Büste auf die Kindheit des Bildhauers Josef Riedl zurückführen. Riedls Vater war Holzbildhauer-Gehilfe. Durch Tandlers geradeaus stehende Augen fühlt man sich als Betrachter angestarrt. Die zusammengezogenen Augenbrauen in Verbindung mit den Stirnfalten verleihen dem Gesicht einen ernsthaften, fast strengen Ausdruck. Riedl bemühte sich eine ausdrucksstarke Darstellung des bekannten Mediziners und Politikers Julius Tandler zu schaffen. Es ist ihm aber nur teilweise gelungen. Durch die zusammengezogenen Augenbrauen wirkt die Figur eher "grimmig" anstatt die Autorität, das Verantwortungsgefühl und/oder die Humanität Tandlers auszustrahlen. Die Aufstellung der Büste gerade an dieser Stelle im Arkadenhof der Universität Wien mutet vom künstlerischen Standpunkt aus merkwürdig an, da der ausdrucksstarke Adneter-Marmor hier nicht ausreichend zur Geltung kommen kann. Kaum ein Lichtstrahl erreicht das Denkmal.

Eine große Ähnlichkeit zwischen dem Portraitkopf Tandlers und einer Fotografie desselben ist ganz deutlich vorhanden (Abb. 5). Sowohl der Bart als auch der Gesichtsausdruck sind besonders stark in der Büste zum Ausdruck gebracht.

Abb. 6: Gedenktafel für Julius Tandler, Josef Riedl, Kinderübernahmestelle Wien Alsergrund, 1946.

Eine Gedenktafel zu Ehren Julius Tandlers, welche ebenfalls von dem Künstler Josef Riedl geschaffen wurde, befindet sich in der Lustkandlgasse in Wien Alsergrund im Hof der Kinderübernahmestelle (Abb. 6). Das Denkmal wurde am 10. Todestag von Prof. Dr. Tandler, genauer gesagt am 26.8.1946, enthüllt. Zur Feier "versammelten sich im Hofe der Kinderübernahmsstelle in der Lustkandlgasse die Vertreter der Regierung, der Gemeinde, der in- und ausländischen Hilfskomitees und zahlreiche Ehrengäste, um der Enthüllung der Tandler-Gedenktafel beizuwohnen. Unter den zahlreichen Gästen und Freunden Tandlers, waren u.a. die Minister Übeleis und Weinberger, Bürgermeister Körner, Vizebürgermeister Speiser, die StRe. Afritsch, Honay, Dr. Matejka und Sigmund sowie Magistratsdirektor Dr. Kritscha. Vizebürgermeister Speiser gedachte in seiner Ansprache u.a. der großen Verdienste Tandlers um das moderne Fürsorge- und Wohlfahrtswesen sowie der Bedeutung dieses großen Sozialpolitikers für Wien, für Österreich und für das gesamte Ausland."[12] Die Inschrift des Denkmals lautet: "Stadtrat Professor Dr. Julius Tandler 1869-1936 Schoepfer dieser Anstalt." Der größte Unterschied zwischen den beiden Ehrenbezeugungen ist, dass es sich bei dem Einen um eine Büste und bei dem Anderen um ein Relief integriert in eine rechteckige Tafel, handelt. Vergleicht man die Gedenktafel nun mit der Büste im Arkadenhof der Universität Wien fällt gleich als erstes der Materialunterschied ins Auge. Bei ersterem begegnet einem gewöhnliches Steinmaterial, wo hingegen das andere Denkmal durch den rötlichen Adneter-Marmor ins Auge sticht. Nach Riedls eigener Aussage war die Verwendung dieses besonderen Materials nicht für jeden Kopf gedacht. Spinnt man diesen Gedanken weiter, kann man vermutlich sagen, dass Adneter-Marmor auch nicht an jedem Standort passend ist. Beispielsweise hätte er hier am Haus der Kinderübernahmestelle zu gewaltig gewirkt, der dezentere gräuliche Farbton des Steinmaterials war dort sicherlich die richtige Wahl. Betrachtet man nun die Gesichter an den beiden Denkmälern fällt einem sogleich der dichte Bartwuchs über der Oberlippe auf, der übereinstimmt. Auch das stark gerundete Kinn sowie der ernste Blick, der an den gewölbten Augenbrauen zu erkennen ist, tritt an beiden Denkmälern hervor.

Abb. 7: Anton Hanak, Denkmal Emil Zuckerkandl, 1915-1924, Bronze, Arkadenhof der Universität Wien, enthüllt 1924.

Josef Riedl hielt, nach eigenen Worten, große Stücke auf den Bildhauer Anton Hanak.[13] Ein Werk Hanaks, das ebenfalls im Arkadenhof der Universität Wien zu finden ist, stellt Emil Zuckerkandl dar (Abb. 7). Dieser war ebenso wie Tandler ein Anatom. Auffallend ist die starke Gestik, die vor allen Dingen durch die nach vor gereckten Arme zum Ausdruck kommt. Auch der Gesichtsausdruck mutet konzentriert an, er ist ebenso durchdringend wie Tandlers. Da das Denkmal von Emil Zuckerkandl bereits 1924 im Arkadenhof der Universität Wien aufgestellt und enthüllt wurde, liegt die Vermutung nahe, dass Riedl Kenntnis davon hatte. Er selbst meinte, er sei mit seinem Sohn Rupert im Säulenhof, also der Aula der Universität Wien gewesen.[14]

Abb. 8: Denkmal von Karl Luick, Heinz Satzinger, 1956 enthüllt im Arkadenhof der Universität Wien.
Abb. 9: Denkmal von Heinrich Swoboda, Franz Strahammer, 1956 enthüllt im Arkadenhof der Universität Wien.

1956, im selben Jahr in dem das Denkmal Julius Tandlers enthüllt wurde, fanden auch das Portraitrelief zu Ehren Karl Luicks von Heinz Satzinger (Abb. 8) und eine Büste für Heinrich Swoboda, erschaffen von Franz Strahammer (Abb. 9), Aufstellung im Arkadenhof der Universität Wien. Die beiden Denkmäler unterscheiden sich stark von Josef Riedls Gestaltung von Julius Tandlers Büste. Sowohl das Material als auch die Ausführung der drei Denkmäler sind völlig unterschiedlich. Auch der Standort ist bei allen Dreien ein anderer, es herrscht demnach keinerlei Blickkontakt zwischen den Denkmälern. Die Büste Swobodas ist im rechten Gang gleich zu Anfang zu finden (Maisel 2007, Nr. 149), wo hingegen die Gedenktafel mit dem Portraitrelief Luicks zwar auch im rechten Gang aber weiter in den Arkadenhof hinein aufgehängt ist (Maisel 2007, Nr. 105). Julius Tandler befindet sich im Quergang. Am ehesten liegen Ähnlichkeiten in der detailreichen Gestaltung der Künstler in den drei Arbeiten. Alle drei Männer weisen starke Falten im Gesicht auf, vor allem im Bereich der Stirn. Sie ähneln sich auch in ihrem Gesichtsausdruck, der vermutlich als ernsthaft bis streng zu beschreiben ist.

Ereignisse seit der Aufstellung im Arkadenhof

Von einer Demontierung oder Verstellung des Denkmals ist nichts bekannt.

Quellen

  • UAW Senat S. 222.28, Schachtel 562.

(UAW = Universitätsarchiv Wien)

Rezeption in der Presse

Über eine Rezeption in der Presse ist nichts bekannt.

Einzelnachweise

  1. Buchberger 2001, S. 135.
  2. Sablik 2010.
  3. http://www.wien.gv.at/strassenlexikon/internet/
  4. UAW Senat S 222.28, Z 66 aus 1949/50
  5. UAW Senat S 222.28, Auszug aus dem Sitzungsprotokoll vom 19.12.1955.
  6. Riedl 2005, S. 273.
  7. UAW Senat S 222.28, Schreiben Prof. Pillat vom 20 April 1956.
  8. UAW Senat S.222.28, Sitzungsprotokoll vom 7. Mai 1956.
  9. UAW Senat S 222.28, Sitzungsprotokoll vom 15. Oktober 1956.
  10. UAW Senat S 222.28, Einladungskarte.
  11. Riedl 2005, S. 273.
  12. http://www.wien.gv.at/rk/historisch/1946/august.html
  13. Riedl 2005, S. 274.
  14. Riedl 2005, S. 273.

Literatur

  • Buchberger 2001: Eva Buchberger, Dekorgesteine der Stadt Salzburg, Dipl.-arbeit (ms.), Salzburg 2001.
  • Maisel 2007: Thomas Maisel, Gelehrte in Stein und Bronze. Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität, Wien u.a. 2007.
  • Riedl 2005: Rupert Riedl (Hrsg), Leben und Schaffen des Bildhauers Josef Riedl: eine Künstlerbiografie, Frankfurt/M; Wien [u.a.] 2005.
  • Sablik 2010: Karl Sablik, Julius Tandler: Mediziner und Sozialreformer, Frankfurt/M, Wien [u.a.] 2010.

Hanna Sumislawska-Glessner, Magdalena Fleming, Verena Sulzbachner