Denkmal Hans Horst Meyer

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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Abb. 1: G. Hartmann, Porträtbüste Hans Horst Meyer, 1952/3, Bronze, Arkadenhof der Universität Wien.
Abb. 2: Lage des Denkmals, Nr. 78, Plan des Arkadenhofes der Universität Wien, Maisel 2007.
Abb. 3: G. Hartmann, Denkmal Hans Horst Meyer, 1952/3, Bronzebüste auf poliertem Marmorsockel, Arkadenhof der Universität Wien.
Abb. 4: G. Hartmann, Porträtbüste Hans Horst Meyer, 1952/3, Bronze, Arkadenhof der Universität Wien.

Das Denkmal für den Mediziner Hans Horst Meyer (1853-1939) wurde vermutlich von der Künstlerin Grete Hartmann geschaffen. Das Denkmal wurde am 13. Mai 1953 im Arkadenhof der Universität Wien enthüllt.

Beschreibung

Das Denkmal befindet sich im nördlichen Gang des Arkadenhofs und ist vom Innenhof aus durch die rechts äußerste Arkade der Nordarkaden sichtbar. Nach der Nummerierung lt. Maisel 2007 hat das Denkmal die Nr. 78 (Abb. 2). Die äußerst expressive Bronzebüste Hans Horst Meyers steht auf einem Sockel aus poliertem gesprenkeltem Marmor (Abb. 3). Sie umfasst Kopf und Hals des Gelehrten, sowie einen kleinen Ausschnitt seines nackten Oberkörpers (Abb. 1). Letzterer wird Richtung Sockel nicht rein anatomisch fortgesetzt, sondern von einem abstrahierten Konstrukt ergänzt, welches an linker Seite die Inschrift "G. HARTMANN" aufweist. An ihrer Rückseite ist die Büste von der Schulter abwärts gerade abgeschlossen. Dies zeigt sich in einer Seitenansicht der Büste (Abb. 4). Meyer ist in vornüber gebeugter Haltung dargestellt, Kopf und Nacken sind auch nach hinten hin naturgetreu modelliert. Die Inschrift des Sockels offenbart in Versalien Name, Profession und Lehrzeit des Gelehrten an der Universität Wien: HANS HORST MEYER (/) PROFESSOR DER PHARMAKOLOGIE (/) 1905 – 1924.

Der Arzt und Pharmakologe neigt seinen Kopf etwas zur Seite, seine Blickachse ist leicht schräg und dadurch entgegen einer strengen Frontalität aufgelockert. Die Pupillen sind nur schemenhaft angedeutet. Da Meyer seine linke Braue stark nach oben gezogen hat, wirkt er in seiner Mimik kritisch. Die Zone von Hals und Kinn mit stark hervortretenden Sehnen zeugt von dem sehr schlanken Körper eines Mannes im fortgeschrittenen Alter. Bart und Kopfhaar des Gelehrten sind mit zahlreichen Ritzungen durchmodelliert. Die Büste selbst und hierbei vor allem der abstrahierte untere Bereich, zeigt starke Bearbeitungsspuren der vor dem Bronzeguss entstandenen Fertigung durch den Bildhauer. Diese Spuren menschlicher Fertigung „stören“ ein wenig den Eindruck, der Dargestellte stünde uns von Angesicht zu Angesicht entgegen.

Eine interessante Situation ist die vollkommene Verschmelzung des Porträts mit der sockelartigen Konstruktion aus selbigem Material. Im Gegensatz zu einer 'klassischen' Büste erhält die Büste Meyers durch diese Abstrahierung einen neuen Charakter. Es entsteht eine völlig neue Gesamtform. Bemerkenswert ist die Doppelschichtung der wir hier begegnen: Eine Art Sockel auf einem realen Sockel sei hier gemeint. Wie zwei Gegensätze treffen sich am Übergang zum eigentlichen Sockel der Büste das von mechanischer Arbeit gezeichnete, dunkle Objekt oben und der glattpolierte Stein unten.

Notizen zur dargestellten Person

Hans Horst Meyer war ein deutscher Arzt und Pharmakologe. Sein Name ist in die Meyer-Overton-Theorie der Narkose eingegangen. Er gilt als Wegbegleiter der experimentellen Pharmakologie und als Begründer der österreichischen Schule dieser Disziplin.

Entstehungsgeschichte

Schon zu Lebzeiten Meyers machte der berühmte österreichische Bildhauer Ambrosi Gustinus der Universität Wien das Angebot eine Bronzebüste für den Pharmakologen zu erstellen.[1] Dieses großzügige Angebot musste aber abgeschlagen werden, da nur Denkmäler für besonders ausgezeichnete Gelehrte entstehen durften, die schon mindestens fünf Jahre tot waren. Man riet dem Bildhauer dennoch sein Werk zu vollenden um es der Familie zu schenken, so dass diese es, nach dem Ableben Hans Horst Meyers, an die Universität Wien stiften könnten. Den Akten zu Folge wurde jedoch diese Bronzebüste bereits 1924 in den Senat der Universität Wien geschaffen.

Am 15. Oktober 1952 wurde von einem Professorenkollegium der medizinischen Fakultät beschlossen einen Antrag, zur Aufstellung eines Denkmals im Arkadenhof der Universität Wien, zu stellen.[2] Nun waren alle Voraussetzungen erfüllt und eine bereits vorhanden Büste konnte von der Kunstkommission inspiziert werden. Dem Antrag wurde daraufhin zugestimmt und die, von der Familie gewidmete Büste Hans Horst Meyers wurde am 13. Mai 1953 um 11:30 vormittags im Arkadenhof enthüllt. Aufgrund der Undurchsichtigkeit der Akten und Geschichte dieser Büste gibt es mehrere mögliche Künstler, die dem Werk zugeteilt werden können. Unter anderem der deutsche Bilhauer Johannes Hartmann, da er ene ähnliche Jahre zuvor im Auftrag für die Universität Marburg erschuf. Am wahrscheinlichsten scheint jedoch die Bildhauerin Grete Hartmann, da diese während des 20. Jahrhundert mehrere Gelehrte poträtierte als auch die Signatur G. Hartmann auf ihren Namen schließen lässt.

Kunsthistorischer Vergleich und Analyse

Abb. 5: Gustinus Ambrosi, Büste von Hans Horst Meyer, 1923/4, Bronze.
Abb. 6: Ehrenpromotion der emeritierten Univ.Professoren Julius Wagner-Jauregg, Anton Eiselsberg und Hans Horst Meyer (Meyer in 1. Reihe Mitte), 1937, Fotografie, 23,5 x 17,7.
Abb. 7: Max Klinger, Büste Wilhelm Wundt, 1908, Bronze, Höhe 66,8 cm, Museum der bildenden Künste Leipzig.
Abb. 8: Max Klinger, Büste Wilhelm Wundt, 1908, Bronze, Höhe 66,8 cm, Museum der bildenden Künste Leipzig.

Leider lässt sich das Œuvre Grete Hartmanns nicht genauer erschließen. Weder Recherchen im Biliothekenverbund noch im Research Center des Belvedere konnten Aufschluss über weitere Werke Grete Hartmanns geben. Aus dem Universitätsarchiv geht lediglich hervor, dass Grete Hartmann im 20. Jhdt mehrere Gelehrte porträtierte. Über ihre Schaffensweise können uns somit nur Vergleiche mit anderen Künstlern Aufschluss geben.

Idealerweise haben wir in der von Antonio Gustinus geschaffenen Büste im Universitätsarchiv Wien die gleiche Person porträtiert und können somit sehr gut die individuelle Gestaltung heraus arbeiten. Auch sind beide Büsten aus Bronze und Meyer scheint vom selben Alter zu sein. Während Hartmanns Büste den bereits erwähnten fragmentarischen Charakter aufweist und nur Kopf und Halsausschnitt inkludiert, zeigt die Büste Ambrosis einen größeren Bereich des Oberkörpers des Gelehrten. Schultern, wie auch ein Teil Meyers‘ Oberkörper sind gegenwärtig, an der Brust ist die Büste in dynamischer Linie abgeschnitten. Der Oberkörper bei der Version Gustinus‘ zeigt den Gelehrten in aufrechter Haltung. Nur eine leichte Beugung oberen Rückens ist erkennbar. Diente womöglich bei der später entstandenen Version ein älterer Hans Horst Meyer als Vorlage? Diese These würde durch das deutlich schütterere Haar des Gelehrten bei Hartmann bestätigt. Der Bart der früher entstandenen Büste ist ein wenig länger. Der Gesichtsausdruck wirkt durch das Fehlen der hochgezogenen Augenbraue milder. Trotz dieser Unterschiede lassen sich doch viele Ähnlichkeiten erkennen. Der Porträtierte ist beide Male ohne Bekleidung dargestellt. Ebenso wie bei Hartmann ziehen sich auch durch Ambrosis Büste Unebenheiten durch die gesamte Oberfläche. Sie ist noch expressiver als jene Hartmanns, was sich vor alle an der belebteren Oberfläche zeigt, wie an der sehr dynamischen Gestaltung von Haar und Bart. Vor allem in einer seitlichen Ansicht erschließt sich uns die sehr lebendige „Kontur“ des Barts. Überhaupt ist die gesamte Silhouette sehr lebendig und von einem permanenten Auf und Ab gekennzeichnet. Die feinen Ritzungen Hartmanns weichen sehr freie Formen, die durch sich durch einen Wechsel von vor- und zurückstrebenden Gebilden kennzeichneten. Sicherlich hat Hartmann die zu Lebzeiten Meyers entstandene Büste eingesehen, inwieweit sie sich an ihr angelehrt ha ist allerdings fraglich. Sowohl die Beugung als auch der moderne Situation der Verschmelzung mit sockelähnlichem Konstrukt weichen stark von der früher entstanden Büste ab. Während Hartmann sich in der Binnengestaltung realistischer zeigt als Ambrosi, ist das Konstrukt, aus welchem sie Hals und Kopf des Gelehrten herauswachsen lässt eigentümlich und neu. Es bildet eine Sonderposition in der Gesamtheit der für den Arkadenhof gestalteten Büsten.

Eine Rezeption der Büsten Rodins ist naheliegend. Besonders auffallend ist der Vergleich mit einer 1908 von Max Klinger geschaffenen Büste Wilhelm Wundts (Abb. 7-8). Ein ähnliches Konstrukt schließt hier im unteren Bereich an eine Büste an, die sich lediglich aus Kopf und Hals zusammensetzt. Auch hier sieht man sehr stark die Bearbeitungsspuren des zu modellierenden Ursprungsmaterials durch den Künstler. Während Klingers Konstrukt sich jedoch asymmetrisch zeigt, ist jenes Hartmanns annähernd symmetrisch. Auch ist ersteres deutlich abstrahiert, während sich das Gebilde Hartmanns mit einem Sockel assoziieren lässt. Klinger greift in seiner Darstellung Wilhelm Wundts auf Rodin zurück.[3] Auch dieser kontrastiert in seinem reichen Œuvre gerne stärkere und weniger starke aus dem Stein herausgearbeitete Partien. Rodins Werke zeugen insgesamt von einem Bruch mit der Tradition, so auch seine Büsten. Er vertritt eine neue Hinwendung zum Inneren, zum psychologischen Ausdruck.[4]Im gesamten Zeitgeschehen des späten 19. Jhdts lässt sich infolge neuer Forschungen zur Seele, Psyche und des Innenlebens (als solche sei auch Freuds Psychoanalyse zu nennen) eine Wendung zum Inneren verzeichnen, von der die Kunst stark beeindruckt war und von der sie wichtige Impulse für jenes Kunstschaffen erhielt, das man heute als Moderne bezeichnet. Klinger partizipierte an dieser Bewegung und er war Zeitgenosse Rodins. Die Parallelen zwischen Klingers Büste Wundts und Hartmanns Büste Meyers sind so markant, dass die Vorstellung Hartmann habe diese Büste Klingers gekannt oder sogar rezipiert durchaus denkbar wäre. Trotz zahlreicher Parallelen zeigen sich im Vergleich der Büsten Klingers und Hartmanns auch Unterschiede, vor allem in der Gestaltung des Porträtierten selbst. Während Hartmann ein annähernd realistisches Bild von Meyer wiedergibt, nimmt bei Wundt ein dynamisches Abstrahieren Überhand, (welches sich etwa im Bereich des Barts erkennen lässt) Weiters stärkere Ausarbeitung der Halspartie und das Herausarbeiten eines Halsausschnitten, der an einer mehr oder weniger klaren Grenze in abstrakte Form kulminiert. Dem entgegen geht bei Klinger die stark bearbeitete Form vom Gesicht schon entlang des Halses, überaus fließend und keiner deutlichen Linie folgend ins Abstrahierte über. Leider lässt sich, da es an Vergleichsbeispielen weiterer Werke Grete Hartmanns mangelt, kein Schluss auf eine speziell für Hans Horst Meyer gewählte psychologisierende Darstellungsweise ziehen. Sehr markant ist die stark vornüber geneigte Haltung. Davon, dass Meyer in seinem Alter eine stark gebeugte Haltung aufwies, zeugt eine Fotografie aus dem Jahr 1937, die zwei Jahre vor dem Ableben des Gelehrten entstand (Abb. 6). Die Haltung lässt sich somit nicht direkt auf ein rein psychologisches Moment in der Gestaltung zurückführen. Auffallend ist jedoch, dass das Kinn des Gelehrten in die Länge gezogen ist und somit manieristisch wirkt. Dadurch wird - womöglich vom Künstler in der Weise bezweckt - der fragile Charakter des alten schlanken Mannes optisch verstärkt.

Ereignisse seit der Aufstellung im Arkadenhof

Seit der Aufstellung des Denkmals im Arkadenhof der Universität Wien sind keine weiteren Ereignisse bekannt.

Rezeption in der Presse

Über eine Rezeption in der Presse ist nichts bekannt.

Quellen

  • Maisel 2007: Thomas Maisel, Gelehrten Porträt in Stein und Bronze, Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien. Wien/Köln/Weimar 2007, S. 70.
  • Archiv der Universität Wien: Senat S 88.42, Anbot von Bildhauer Gustinus Ambrosi auf kostenlose Ausführung von 20 Bronze-Büsten - Büste von Hans Horst Meyer, 1923.06.19-1924.05.05 (Akt). (Signatur: Senat S 88.42/Schachtelnummer:55)
  • Archiv der Universität Wien: Senat S 90.38, Portraitierung von Universitätsprofessoren: Hans Horst Meyer, Ernst Tomek (Maler: Karl Friedrich Gsur), 1934.09.23-1936.04.04 (Akt). (Signatur: Senat S 90.83/Schachtelnummer: 56)
  • Archiv der Universität Wien: Senat S 222.20, Meyer, Hans Horst: Errichtung eines Denkmals im Arkadenhof der Universität Wien, 1952.10.17 - 1953.05.20 (Akt). (Signatur: Senat S 222.20/Schachtelnummer: 562)
  • Merkel 1995: Ursula Merkel, Das plastische Porträt im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Geschichte der Bildhauerei in Frankreich und Deutschland, Berlin 1995.

Literatur

  • Engel 1994: Michael Engel, Hans Horst Meyer, in: Neue Deutsche Biographie (NDB), Berlin 1994, Bd. 17, S. 317–319.
  • Konzett 1975: Heribert Konzett, 70 Jahre österrreichische Phramakologie, in: Subsidia medica 1975, Nr.27, S. 1-6.
  • Legrum, Al-Toma und Netter 1992: Wolfgang Legrum, Adnan J. Al-Toma und Karl J. Netter, 125 Jahre Pharmakologisches Institut der Philipps-Universität Marburg. Marburg 1992.
  • Maisel 2007: Thomas Maisel, Gelehrten Porträt in Stein und Bronze, Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien. Wien/Köln/Weimar 2007, S. 70.
  • Meyer 1923: Hans Horst Meyer, Die Medizin der Gegenwart in Selbstdarstellungen. Leipzig 1923, S. 139–168.
  • Meyer/Gottlieb 1936: Hans Horst Meyer/Rudolf Gottlieb, Die experimentelle Pharmakologie als Grundlage der Arzneibehandlung, Berlin Wien, 1936.
  • Molitor 1940: Hans Molitor, Hans Horst Meyer. in: Archives internationales de Pharmacodynamie et de Thérapie 1940, Nr.64, S. 257–264.
  • Ostrowski 1963: Siegfried Ostrowski, Vom Schicksal jüdischer Ärzte im dritten Reich, in: Bulletin des Leo Baeck Instituts, 1963, Nr. 6, S. 313-351.
  • Wyklicky 1990: Helmut Wyklicky, Zur Geschichte des Pharmakologischen Institutes der Universität Wien (Gründungsproblematik, Forscherpersönlichkeiten und Auswahl einiger Leistungsschwerpunkte), in: Wiener klinische Wochenschrift, 1990, Nr. 102, S. 585–593.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. UAW: Senat S 88.42, Angebot von Bildhauer Gustinus Ambrosi auf kostenlose Ausführung von 20 Bronze-Büsten - Büste von Hans Horst Meyer, 1923.06.19-1924.05.05.
  2. UAW: Senat S 222.20, Meyer, Hans Horst: Errichtung eines Denkmals im Arkadenhof der Universität Wien, 1952.10.17 - 1953.05.20.
  3. Merkel 1995, S. 167.
  4. Merkel 1995, S. 35.

Carola Auer, Kevin Breiteneder, Katharina Schmidt