Denkmal Gustav Tschermak

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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Anlässlich des 100. Geburtstags des Mineralogen Gustav Tschermaks wurde ihm zu Ehren am 21. April 1936 ein Denkmal im Arkadenhof der Universität Wien enthüllt. Der ausführende Bildhauer war Rudolf Marschall. Es befindet sich an rechter Seite der achten Arkade im linken Arkadengang und erhält nach Maisel-Zählung die Nr. 28 (Abb. 1).

Abb. 1: Plan des Arkadenganges mit den Büsten nach der Nummerierung in Thomas Maisel, Gelehrte in Stein und Bronze. Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien, Wien / Köln / Weimar 2007.
Abb. 2: Rudolf Marschall, Denkmal Gustav Tschermaks von Seysenegg, 1936 enthüllt, Bronzemedaille auf polierter Marmorplatte, Arkadenhof der Universität Wien.
Abb. 3: Rudolf Marschall, Denkmal Gustav Tschermaks von Seysenegg, Detail Befestigung, 1936 enthüllt, Bronzemedaille auf polierter Marmorplatte, Arkadenhof der Universität Wien.

Beschreibung

Abb. 4: Rudolf Marschall, Denkmal Gustav Tschermaks von Seysenegg, 1936 enthüllt, Bronzemedaille auf polierter Marmorplatte, Arkadenhof der Universität Wien.

Das Denkmal Gustav Tschermaks von Seysenegg besteht aus einer hochformatigen weißen Marmorplatte, in die eine Bronzemedaille mit Bildnis des Gelehrten und darunter eine Inschrift eingearbeitet wurden (Abb. 2). Letztere gibt in vergoldeten Lettern Kunde über den Gelehrten: GUSTAV TSCHERMAK VON SEYSENEGG (/) MINERALOGE (/) 1836 - 1929. Die Kanten der polierten Platte sind abgerundet. Links und rechts erfährt die Platte eine Erweiterung, welche sich im Gesamtbild optisch querrechteckig erfassen lässt. Die metallenen Befestigungen an den Kanten der Gesamtplatte sind kreisrund und haben ein blütenahnliches Zentrum mit je 14 Einkerbungen. In einer Seitenansicht werden ihre räumlichen Ausmaße deutlich (Abb. 3). Das Bildnis Tschermaks von Seysenegg ist als Flachrelief ausgeführt und erhebt sich etwa 3 cm vom Medaillengrund.

Tschermak von Seysenegg ist im Profil nach rechts wieder gegeben und ist mitsamt Schulterpartie in zeitgenössischer Gewandung dargestellt. Der Schulteransatz stellt den vom Münzgrund aus am weitesten entfernten Bereich dar. Der Bereich vom Grund zu diesem Punkt beträgt nach Augenmaß 3 cm. Von hier aus führt eine schräge Abflachung Richtung Münzgrund zurück, welche die geritzte Inschrift des Künstlers, sowie das Entstehungsjahr beherbergt: R. Marschall 35.

Der Lichteinfall erfolgt von links aus dem Arkadenhof. Am Nachmittag um etwa 16:00 scheint der ideale Zeitpunkt für eine Betrachtung des Reliefs gegeben zu sein (Abb. 4). Das spätnachmittägliche Licht aus dem Arkadenhof belebt das Bild deutlich. Das Gesicht des Gelehrten erfährt eine ausgeprägte Verräumlichung. Vor allem der Schnauzer wird ungeheuer greifbar. Tiefe Schatten verdunkeln die Augenpartie. Die Rahmung der Brille setzt kontrastierend helle Akzente. Auch die obere Haarwelle, welche s-förmig die Kontur Tschermaks sowie die Binnengestaltung auflockert, tritt deutlich hervor. Während uns das Gesicht sehr plastisch erscheint, nimmt die Tiefenwirkung in Richtung Hinterkopf ab. Die Haarpartien, mit Ausnahme der bereits genannten Welle, sind nur noch fein geritzt und werden daher auch vom einfallenden Licht kaum belebt. Richtung Gewandung nach unten hin nimmt die Plastizität stark ab. Während der Hals des Gelehrten an der Kehle noch deutlich durch Schlagschatten hervortritt, sind Schultern und Oberkörper nur mehr sehr wenig modelliert. Die Gewandung ist im Vergleich zu dem Rest stark vereinfacht.

Notizen zur dargestellten Person

Gustav Tschermak von Seysenegg (1836-1927) war ein österreichischer Mineraloge und gilt als Begründer der Feldspattheorie. Er studierte an der Universität in Wien, wo er von 1868 bis 1906 als Lehrer tätig war und begründete dort das mineralogisch-petrographische Institut.[1] In Wien war er außerdem Direktor der mineralogischen Abteilung des Hofmuseums und für den Erwerb der dortigen Meteoritensammlung zuständig. Seine ebenso erfolgreichen Söhne sind der Physiologe Armin Tschermak-Seysenegg sowie der Botaniker und Pflanzenzüchter Erich Tschermak-Seysenegg. Letzterer war eng mit Hans Molisch befreundet, welchem ebenfalls ein Denkmal im Arkadenhof gewidmet ist. In Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen wurde er 1906 von Kaiser Franz Joseph I in den Adelsstand erhoben.

Entstehungsgeschichte

Die Aufstellung der Gedenktafel wurde auf den Wunsch der Familie vom Hohen Akademischen Senat beschlossen. Sie sollte zu Ehren des 100. Geburtstages des verstorbenen Mineralogen enthüllt werden. Dafür musste jedoch zunächst ein Senatsbeschluss erfolgen, da für die Aufstellung von Ehrendenkmälern für Gelehrte in der Universität eine 10 jährige Karenzfrist besteht. Auf den Wunsch der Familie und auch aufgrund der großen wissenschaftlichen Bedeutung Tschermaks von Seysenegg, wurde die Karenzfrist ausnahmsweise aufgehoben, da es sich auch nur um die Dauer eines Jahres bis zum Auslaufen handelte. Die Finanzierung für die Gedenktafel erfolgte durch ein Denkmalkomitee, an dessen Spitze die beiden Söhne des Verstorbenen standen. Im Besitz der Familie befand sich schon vor dem Beschluss ein Bronzerelief, das für den Auftrag vergrößert werden sollte. Der Kunstausschuss der Universität entschied sich jedoch dagegen, und beauftragte den Bildhauer Rudolf Marschall mit einem neuen Entwurf. Mit der neuen Ausführung des Denkmals war der Kunstausschuss jedoch auch nicht zufrieden, da sie die Farbe des Marmors nicht passend fanden. Der weiße Stein würde sich zu sehr vom dahinterliegenden Steinpfeiler hervorheben. Da aber bis zur Enthüllung nicht mehr genug Zeit für eine Umänderung war, beauftragte der Ausschuss Rudolf Marschall damit, die Platte zu mattieren, um sie etwas dezenter zu gestalten. Diesem Auftrag kam der Bildhauer jedoch auch nicht nach und wurde stark kritisiert, da er sich über die Wünsche des akademischen Senats hinwegsetzte. So musste die Tafel unverändert präsentiert werden. Erst Monate nach der Enthüllung beauftragte der akademische Senat den Oberbaurat Leopold Bauer mit dem Tausch der Tafel. In Zusammenarbeit mit der Firma Eduard Hauser wurde eine Platte aus matt geschliffenem Osliper Stein ausgewählt und angebracht.

Kunsthistorischer Vergleich und Analyse

Abb. 5: Hans Bitterlich, Denkmal Richard Wettstein von Westersheim, 1963 enthüllt, Bronzetafel auf Marmorplatte, Arkadenhof der Universität Wien.
Abb. 6: E. Delug, Denkmal Eugen von Böhm-Bawerk, 1950 enthüllt, Bronzemedaille auf Steinplatte, Arkadenhof der Universität Wien.
Abb. 7: Rudolf Marschall, Widmungsmedaille anlässlich des 40. Dozentenjubiläums Gustav Tschermaks von Seysenegg, Vorder- und Rückseite, 1901, Bronze, Dm. 50 mm, Universitätsarchiv Wien.

Vergleichen wir das Reliefbildnis Tschermaks von Rudolf Marschall mit jenem welches sich auf dem (vom Haupteingang der Universität aus gesehen) davor liegenden Pfeiler befindet, namentlich jenem Richard Wettsteins, ausgeführt von Hans Bitterlich, so haben wir bei letztgenanntem erst mal einen anderen Reliefgrund (Abb. 5). Das Bildnis Wettsteins ist nicht in eine Münze sondern in ein hochformatiges Feld eingearbeitet. Beide Darstellungen sind im Profil und somit in Nachfolge antiker Münzbildnisse. Beide sind jedoch nicht in antikisierender Gewandung gegeben, sondern in zeitgenössischer. Wettsteins Bildnis ist nur bis zum Hals ausgeführt, darunter prangt eine (lateinische) Inschrift. Der Botaniker ist entgegen Tschermak im Profil nach links wieder gegeben. Auch wenn wir mit dem Vergleichsbeispiel wegen dieses Richtungswechsels keine direkt parallelen Beobachtungen in punkto Beleuchtung des Gesichts anstellen können, fällt uns doch durch die vollkommen unterschiedliche Gestaltungsweise beider Künstler auf und wir können somit die Arbeitsweise Marschalls besser erschließen. Markant ist, dass das Relief von Bitterlichs deutlich vereinheitlichter ist und weniger von vereinzelt hervor tretenden Partien lebt. Zwar sind Bart, Ohr und die ein oder andere Haarsträhne Wettsteins etwas dunkler als der Rest, aber wir haben nicht dieses starke Spiel von Hell und Dunkel wie bei Marschalls Wiedergabe von Tschermak. Weiters sehen wir, dass das Relief von Bitterlichs sich Richtung Bildgrund aufweicht, während bei Marschall eine deutliche Kontur um das Relief erkennbar ist. Marschalls Relief tritt somit sehr stark vom Reliefgrund hervor, während von Bitterlichs Relief in aufgeweichter Kontur mit der Platte darunter verschmilzt. Wir sehen diesen Verschmelzungsprozess etwa sehr gut am Haar Wettsteins, welches sich nicht wirklich konturiert, sondern mit dem Bildgrund eins wird. In der Oberflächenbeschaffenheit des Haars gestalten Marschall und von Bitterlich ebenso unterschiedlich: Marschall arbeitet mit feinen Ritzungen, die deutlich graphischer anmuten als die freiere vereinheitlichendere malerische Gestaltung der Haartracht Wettsteins durch von Bitterlich.

In einem Vergleich mit dem Denkmal Eugen von Böhm-Bawerks, welches als Medaillenporträt von dem Künstler E. Delug (womöglich Alois Delug) ausgeführt wurde, zeigen sich einige Unterschiede in der Ausführung (Abb. 6). Gehen wir vom Gesamteindruck ins Detail, so fällt uns zunächst der starke Unterschied der Platten auf, welche als Untergrund der Medaillen dienen. Das Medaillon mit dem Porträt Böhm Bawerks ist auf einer hochformatigen unpolierten Steinplatte von 7 cm Tiefe befestigt, welche keine sonstigen Zierungen aufweist und äußerst grob wirkt. Im Vergleich dazu wirkt die aufpolierte dünne Marmorplatte des Denkmals Tschermaks mit ihren Abrundungen und kunstvollen Befestigungen elegant. Kompositorisch sind die Denkmäler ähnlich gestaltet: Ein Porträt in zeitgenössische Gewandung mit Schulterpartie, welche bis zum unteren Rand der Münze reicht und dort, an ihrem höchsten Punkt, eine Rückwendung Richtung Bildgrund erfährt. Im Falle Delugs folgt nur der hintere Teil der Gewandung Böhm Bawerks einer solchen Bewegung, während Marschall die gesamte Kleidung an ihrem unteren Ende in dieser Form abschneidet. Marschall nützte entgegen Delug die enstehende (größere) Fläche zur Signatur. Beide Medailllen zeigen den Porträtierten im Profil (bzw. im Falle Delugs ein leichtes Dreiviertelprofil) nach rechts. Der Lichteinfall erfolgt in beiden Fällen von links. Während sich bei Tschermak (zur selben Tageszeit, Lichteinfall von links) Abdunklungen vor allem im Bereich von Schnauzer und Augenpartie ergeben, sind es bei Böhm Bawerk neben Augenpartie und Schnauzer auch Bart am Kinn und die dominante Falte auf der Stirn. Der Bart Tschermaks von Seysenegg ist länger und dennoch band ihn Marschall mehr an die Fläche als Delug es in seiner Ausführung Böhm Bawerks‘ Bart. Dagegen hebt Marschall den Kehlkopf sehr stark hervor. Das Haar Böhm von Bawerks ist sehr fein durchmodelliert. Marschalls gibt Tschermak von Seysenegg naturgetreu wieder. Betrachten wir jedoch die Darstellung Delugs wird klar, dass letzterer Marschall an Realismus überbietet. Die knittrigen Falten (va. in der Augenpartie) sind so virtuos ausgeführt, dass der Betrachter meint, eine Epidermis real vor sich zu haben. Auch das Ohr in seiner von dünner Haut umzogenen Knöchernheit erscheint in realer Begegnung mit dem Denkmal überaus gekonnt. In der Handhabung eines Porträts mit Brille verfahren Marschall und Delug unterschiedlich. So sind die Gläser Böhm Bawerks vollkommen transparent, während jene Tschermaks von Seysenegg wie undurchsichtige Scheiben anmuten.

In einem Vergleich mit der 35 Jahre zuvor ebenso von Marschall gefertigten Porträtmedaille Tschermaks präsentieren sich uns kaum Unterschiede (Abb. 7). Lediglich der Ausschnitt ist größer gewählt und zeigt etwas mehr vom Ansatz des Oberarms ein (Die Münze ist auf Anfrage bei Maisel leider nicht im Lesesaal vorlegbar und daher nur in mangelhafter Fotografie ersichtlich). Die Rückseite zeigt eine Eule auf einem Stein sitzend, sowie eine Prägung, welche auf das 40. Dozentenjubiläum Tschermaks verweist und auf darauf, dass die Münze von Schülern und Verehrern gewidmet wurde. Auch das Entstehungsjahr 1901 ist geprägt.

Ereignisse seit der Aufstellung im Arkadenhof

Quellen

  • UAW, S 90. 39
  • UAW, Senat S 304.1297
  • Maisel 2007: Maisel, Thomas: Gelehrte in Stein und Bronze. Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien, Wien 2007, S. 44.
  • Hölbing 1998: Lothar Hölbing, Medaillen der Wissenschaft. Die Sammlung des Archivs der Universität Wien (Schriftenreihe des Universitätsarchivs, 13), Wien 1998.

Rezeption in der Presse

Artikel zur Enthüllung des Denkmals:

  • „Gustav Tschermak – zum hundertsten Geburtstag“, Der Tag, Wien, 19. April 1936
  • „Enthüllung eines Denkmals für Gustav von Tschermak“, Neues Wiener Tagblatt, Wien 22. April 1936
  • „Ein Denkmal für Gustav Tschermak-Seysenegg in der Universität“, Wiener Zeitung, Wien 22. April 1936
  • „Von gestern auf heute – Gedenktafel für Gustav von Tschermak-Seysenegg“, Wiener Neueste Nachrichten, Wien 22. April 1936
  • „Gustav Tschermak v. Seysenegg zum Gedächtnis“, Reichspost, Wien, 22. April 1936

Literatur

Hölbing 1998: Lothar Hölbing, Medaillen der Wissenschaft. Die Sammlung des Archivs der Universität Wien (Schriftenreihe des Universitätsarchivs, 13), Wien 1998.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. Hölbing 1998, S. 113.



Samantha Foki, Katharina Schmidt