Denkmal Gustav Tschermak

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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Abb. 1: Rudolf Marschall, Denkmal Gustav Tschermaks von Seysenegg, 1936 enthüllt, Bronzemedaille auf polierter Marmorplatte, Arkadenhof der Universität Wien.
Abb. 2: Lage des Denkmals, Nr. 28, Plan des Arkadenhofes der Universität Wien, Maisel 2007.
Abb. 3: Rudolf Marschall, Denkmal Gustav Tschermaks von Seysenegg, 1936 enthüllt, Bronzemedaille auf polierter Marmorplatte, Arkadenhof der Universität Wien.

Das Denkmal des Mineralogen Gustav Tschermak von Seysenegg (1836-1927) wurde von dem Bildhauer Rudolf Marschall (1873-1967) für den Arkadenhof der Universität Wien geschaffen und anlässlich des 100. Geburtstags des Mineralogen am 21. April 1936 enthüllt.

Abb. 4: Rudolf Marschall, Denkmal Gustav Tschermaks von Seysenegg, Detail Befestigung, 1936 enthüllt, Bronzemedaille auf polierter Marmorplatte, Arkadenhof der Universität Wien.

Beschreibung

Das Denkmal für Gustav Tschermak von Seysenegg besteht aus einer hochrechteckigen weißen Marmorplatte, in die eine Bronzemedaille mit Bildnis des Gelehrten und darunter eine Inschrift eingearbeitet wurden (Abb. 1). Letztere gibt in vergoldeten Lettern Kunde über den Gelehrten: GUSTAV TSCHERMAK VON SEYSENEGG (/) MINERALOGE (/) 1836 - 1929. Die Kanten sowie Ecken der polierten Platte sind abgerundet. Links und rechts erfährt die Platte eine Erweiterung, welche im Gesamtbild optisch querrechteckig erscheint. Die in den vier Ecken herausragenden, aus Metall bestehenden, runden Befestigungsnägel sind an der Oberseite blütenähnlich und in Knopfform ausgeformt. In der Seitenansicht werden ihre räumlichen Ausmaße deutlich (Abb. 4). Das Bildnis Tschermaks von Seysenegg ist als Flachrelief ausgeführt und erhebt sich etwa 3 cm vom glatten Medaillengrund.

Tschermak von Seysenegg ist im Profil nach rechts wieder gegeben und ist mitsamt Schulterpartie in zeitgenössischer Gewandung dargestellt. Der Schulteransatz stellt den vom Münzgrund aus am weitesten entfernten Bereich dar. An der Unterkante befindet sich die Signatur des Künstlers und die Jahreszahl: R. Marschall (19)35.

Notizen zur dargestellten Person

Gustav Tschermak von Seysenegg (1836-1927) war ein österreichischer Mineraloge und gilt als Begründer der Feldspattheorie. Er studierte an der Universität in Wien, wo er von 1868 bis 1906 als Lehrer tätig war und begründete dort das mineralogisch-petrographische Institut.[1] In Wien war er außerdem Direktor der mineralogischen Abteilung des Hofmuseums und für den Erwerb der dortigen Meteoritensammlung zuständig. Seine ebenso erfolgreichen Söhne sind der Physiologe Armin Tschermak-Seysenegg sowie der Botaniker und Pflanzenzüchter Erich Tschermak-Seysenegg. Letzterer war eng mit Hans Molisch befreundet, welchem ebenfalls ein Denkmal im Arkadenhof gewidmet ist. In Anerkennung seiner wissenschaftlichen Leistungen wurde er 1906 von Kaiser Franz Joseph I in den Adelsstand erhoben.

Entstehungsgeschichte

Die Aufstellung der Gedenktafel wurde auf den Wunsch der Familie Gustav Tschermaks vom Hohen Akademischen Senat beschlossen. Sie sollte zu Ehren des 100. Geburtstages des verstorbenen Mineralogen enthüllt werden. Dafür musste jedoch zunächst ein Senatsbeschluss erfolgen, da für die Aufstellung von Ehrendenkmälern für Gelehrte in der Universität eine 10 jährige Karenzfrist besteht. Auf den Wunsch der Familie und auch aufgrund der großen wissenschaftlichen Bedeutung Tschermaks von Seysenegg, wurde die Karenzfrist ausnahmsweise aufgehoben, da es sich auch nur um die Dauer eines Jahres bis zum Auslaufen handelte. Die Finanzierung für die Gedenktafel erfolgte durch ein Denkmalkomitee, an dessen Spitze die beiden Söhne des Verstorbenen standen.[2] Im Besitz der Familie befand sich schon vor dem Beschluss ein Bronzerelief, das für den Auftrag vergrößert werden sollte. Der Kunstausschuss der Universität entschied sich jedoch dagegen, und beauftragte den Bildhauer Rudolf Marschall mit einem neuen Entwurf. Mit der neuen Ausführung des Denkmals war der Kunstausschuss jedoch auch nicht zufrieden, da sie die Farbe des Marmors nicht passend fanden. Der weiße Stein würde sich zu sehr vom dahinterliegenden Steinpfeiler hervorheben. Da aber bis zur Enthüllung nicht mehr genug Zeit für eine Umänderung war, beauftragte der Ausschuss Rudolf Marschall damit, die Platte zu mattieren, um sie etwas dezenter zu gestalten. Diesem Auftrag kam der Bildhauer jedoch auch nicht nach und wurde stark kritisiert, da er sich über die Wünsche des akademischen Senats hinwegsetzte. So musste die Tafel unverändert präsentiert werden. Erst Monate nach der Enthüllung beauftragte der akademische Senat den Oberbaurat Leopold Bauer mit dem Tausch der Tafel. In Zusammenarbeit mit der Steinmetzfirma Eduard Hauser wurde eine Platte aus matt geschliffenem Osliper Stein ausgewählt und angebracht.

Kunsthistorischer Vergleich und Analyse

Abb. 4: Hans Bitterlich, Denkmal Richard Wettstein von Westersheim, 1963 enthüllt, Bronzetafel auf Marmorplatte, Arkadenhof der Universität Wien.
Abb. 5: E. Delug, Denkmal Eugen von Böhm-Bawerk, 1950 enthüllt, Bronzemedaille auf Steinplatte, Arkadenhof der Universität Wien.
Abb. 6: Rudolf Marschall, Widmungsmedaille anlässlich des 40. Dozentenjubiläums Gustav Tschermaks von Seysenegg, Vorder- und Rückseite, 1901, Bronze, Dm. 50 mm, Universitätsarchiv Wien.

Das Denkmal für Gustav Tschermak erfährt besonders durch den Lichteinfall, der in diesem Fall von der linken Seite erfolgt, eine besondere Wirkung. Das spätnachmittägliche Licht (ca. 16 Uhr) belebt das Bild deutlich. Das Gesicht des Gelehrten erfährt eine ausgeprägte Verräumlichung. Vor allem der Schnauzer wird besonders greifbar, während tiefe Schatten die Augenpartie verdunkeln. Die Rahmung der Brille setzt kontrastierend helle Akzente. Auch die obere Haarwelle, welche s-förmig die Kontur Tschermaks sowie die Binnengestaltung auflockert, tritt deutlich hervor. Während uns das Gesicht sehr plastisch erscheint, nimmt die Tiefenwirkung in Richtung Hinterkopf ab. Die Haarpartien, mit Ausnahme der bereits genannten Welle, sind nur noch fein geritzt und werden daher auch vom einfallenden Licht kaum belebt. Richtung Gewandung nach unten hin nimmt die Plastizität stark ab. Während der Hals des Gelehrten an der Kehle noch deutlich durch Schlagschatten hervortritt, sind Schultern und Oberkörper nur mehr sehr flach modelliert. Die Gewandung ist im Vergleich zu dem Rest stark vereinfacht. Die Farbwirkung wird durch den starken Kontrast zwischen heller Marmorplatte und dunklem Medaillon unterstützt.

Vergleicht man das Reliefbildnis für Gustav Tschermak von Rudolf Marschall mit jenem welches sich auf dem (vom Haupteingang der Universität aus gesehen) davor liegenden Pfeiler befindet, das für Richard Wettsteins, ausgeführt von Hans Bitterlich, so unterscheiden sie sich im Wesentlichen durch ihr Format (Abb. 5). Das Bildnis Wettsteins ist nicht in eine Medaille sondern in eine Plakette eingearbeitet. Beide Darstellungen sind im Profil, zeigen jedoch Unterschiede in ihrer Kleidung. Das Denkmal für Rudolf Wettstein zeigt seinen Geehrten in antiker Gestaltungstradition ohne Kleidung in heroischer Nacktheit, während Tschermak in zeitgenössischer Kleidung präsentiert wird. Wettsteins Bildnis ist nur bis zum Hals ausgeführt, darunter prangt eine (lateinische) Inschrift. Der Botaniker ist entgegen Tschermak im Profil nach links wieder gegeben. In beiden Denkmälern kann die unterschiedliche Arbeitsweise der beiden Künstler beobachtet werden: Hans Bitterlich zeigt Richard Wettstein in einer sehr weichen Modellierung mit einer feinen, verschwimmenden Linienführung und sehr flach in Bronze gearbeitet, das Relief wird in Richtung Untergrund der Plakette aufgeweicht. Während bei Rudolf Marschalls Relief für Gustav Tschermak dieser sehr genau und detailliert die einzelnen individuellen Merkmale betont und herausarbeitet, das Relief hebt sich durch eine klare Linienführung und deutlicher Kontur von dem glatten Hintergrund ab. Besonders gut lässt sich dies in der Ausarbeitung der Haarstruktur erkennen, die bei Bitterlichs Relief stärker mit dem Hintergrund verschmilzt. Marschall arbeitet mit feinen Ritzungen, die deutlich graphischer anmuten als die freiere vereinheitlichendere malerische Gestaltung des Haars bei Wettstein. Bitterlichs Relief erscheint daher insgesamt stärker als Einheit und lebt weniger von vereinzelt hervortretenden Partien. Marschalls Relief tritt sehr stark vom Reliefgrund hervor, während sich Bitterlichs Relief in aufgeweichter Kontur mit der Platte darunter zu einer Einheit verbindet.

In einem Vergleich mit dem Denkmal für Eugen von Böhm-Bawerk, welches als Medaillenporträt von dem Künstler E. Delug (vermutlich Alois Delug) ausgeführt wurde, könnensich einige Unterschiede in der Ausführung (Abb. 5) gesehen werden. Im Wesentlichen fällt zunächst der starke Unterschied der Platten auf, welche als Untergrund der Medaillen dienen. Das Medaillon mit dem Porträt Böhm-Bawerks ist auf einer hochformatigen unpolierten Steinplatte von 7 cm Tiefe befestigt, welche keine sonstigen Ergänzungen aufweist und äußerst grob bearbeitet wirkt. Im Vergleich dazu erscheint die polierte dünne Marmorplatte des Denkmals Tschermaks mit ihren Abrundungen und kunstvollen Befestigungen elegant. Kompositorisch sind die Denkmäler ähnlich gestaltet: Ein Porträt in zeitgenössischer Kleidung mit Schulterpartie, welche bis zum unteren Rand der Medaille reicht. Marschall nützte entgegen Delug die enstehende Fläche an der Unterkante zur Signatur. Beide Medailllen zeigen den Porträtierten im Profil (bzw. im Falle Delugs ein leichtes Dreiviertelprofil) nach rechts. Der Lichteinfall erfolgt in beiden Fällen von links. Während sich bei Tschermak (zur selben Tageszeit, Lichteinfall von links) Abdunklungen vor allem im Bereich von Bart und Augenpartie ergeben, sind es bei Böhm-Bawerk neben Augenpartie und Bart am Kinn die dominante Falte auf der Stirn. Der Bart des Mineralogen Tschermak ist länger und dennoch band ihn Marschall mehr an die Fläche als Delug es in seiner Ausführung Böhm-Bawerks tat. Dagegen hebt Marschall den Kehlkopf sehr stark hervor. Das Haar Böhm-Bawerks ist sehr fein durchmodelliert. Marschall gibt Tschermak von Seysenegg naturgetreu wieder. Betrachten wir jedoch die Darstellung Delugs wird klar, dass letzterer Marschall an Realismus überbietet. Die knittrigen Falten (va. in der Augenpartie) sind so virtuos ausgeführt, dass der Betrachter meint, eine Epidermis real vor sich zu haben. Auch das Ohr in seiner von dünner Haut umzogenen Knöchernheit erscheint in realer Begegnung mit dem Denkmal überaus gekonnt. In der Handhabung eines Porträts mit Brille verfahren Marschall und Delug unterschiedlich. So sind die Gläser Böhm Bawerks vollkommen transparent, während jene Tschermaks von Seysenegg wie undurchsichtige Scheiben erscheinen.

In einem Vergleich mit der 35 Jahre zuvor ebenso von Rudolf Marschall gefertigten Porträtmedaille Tschermaks präsentieren sich kaum Unterschiede (Abb. 6). Lediglich der Ausschnitt ist größer gewählt und zeigt etwas mehr vom Ansatz des Oberarms (Anm. d. Autorin: Die Medaille ist auf Anfrage bei Maisel leider nicht im Lesesaal vorlegbar und daher nur in mangelhafter Fotografie ersichtlich). Die Rückseite zeigt eine Eule auf einem Stein sitzend, sowie eine Prägung, welche auf das 40. Dozentenjubiläum Tschermaks verweist und darauf, dass die Medaille von Schülern und Verehrern gewidmet wurde. Auch das Entstehungsjahr 1901 ist erkennbar.

Ereignisse seit der Aufstellung im Arkadenhof

Es sind keine Ereignisse seit der Aufstellung des Denkmals im Arkadenhof bekannt.

Quellen

  • UAW, S 90. 39
  • UAW, Senat S 304.1297
  • Maisel 2007: Maisel, Thomas: Gelehrte in Stein und Bronze. Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien, Wien 2007, S. 44.
  • Hölbling 1998: Lothar Hölbling, Medaillen der Wissenschaft. Die Sammlung des Archivs der Universität Wien (Schriftenreihe des Universitätsarchivs, 13), Wien 1998.

Rezeption in der Presse

Artikel zur Enthüllung des Denkmals:

  • „Gustav Tschermak – zum hundertsten Geburtstag“, Der Tag, Wien, 19. April 1936
  • „Enthüllung eines Denkmals für Gustav von Tschermak“, Neues Wiener Tagblatt, Wien 22. April 1936
  • „Ein Denkmal für Gustav Tschermak-Seysenegg in der Universität“, Wiener Zeitung, Wien 22. April 1936
  • „Von gestern auf heute – Gedenktafel für Gustav von Tschermak-Seysenegg“, Wiener Neueste Nachrichten, Wien 22. April 1936
  • „Gustav Tschermak v. Seysenegg zum Gedächtnis“, Reichspost, Wien, 22. April 1936

Einzelnachweise

  1. Hölbling 1998, S. 113.
  2. UAW, S 90. 39 Denkmal für Gustav Tschermak-Seysenegg, Abstandnahme von der zehnjährigen Karenzfrist bei Aufstellung von Denkmälern

Literatur

Hölbling 1998: Lothar Hölbling: Medaillen der Wissenschaft. Die Sammlung des Archivs der Universität Wien (Schriftenreihe des Universitätsarchivs, 13), Wien 1998.
Maisel 2007: Thomas Maisel, Gelehrte in Stein und Bronze. Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien, hrsg. von der Universität Wien, Böhlau Verlag, Wien 2007
Constantin von Wurzbach: Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich, Wien 1883, Bd. 48, S. 36–41, online via [1]

Weblinks

Eintrag zu Gustav Tschermak bei austria-forum.org, online via http://austria-forum.org/af/AEIOU/Tschermak-Seysenegg,_Gustav


Samantha Foki, Katharina Schmidt