Denkmal Elise Richter

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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Abb. 1: Catrin Bolt, Denkmal Elise Richter, Arkadenhof der Universität Wien, Nr. 155, 2016 enthüllt.
Abb. 2: Catrin Bolt, Denkmal Elise Richter, Detail der Wandfläche.
Abb. 3: Catrin Bolt, Denkmal Elise Richter, Detail der Wandfläche.
Abb. 4: Fotopostkarte von Elise Richter, undatiert, Wienbibliothek im Rathaus

Das Denkmal für die Romanistin Elise Richter (1865-1943) wurde von der Künstlerin Catrin Bolt (*1979) für den Arkadenhof der Universität Wien geschaffen und am 30. Juni 2016 enthüllt.

Beschreibung

Das Denkmal für Elise Richter, das von der Künstlerin Catrin Bolt stammt, befindet sich im linken Arkadengang auf dem ersten Arkadenpfeiler und trägt die Nummer 155.[1] Es besteht aus einem extrem flachen Relief, welches aus der Patina der Wandfläche herausgearbeitet wurde. Die Künstlerin nutzte dabei die unterschiedlichen Verwitterungsschichten der Fläche und gewinnt dadurch ein Hell-Dunkel-Relief mit drei Helligkeitsstufen, sodass "man fotografische Porträts zu einem Wandbild übersetzen" kann.[2] Für das Denkmal wurde eine schwarzweiße Porträtfotografie von Elise Richter als Vorbild verwendet, die einer Fotopostkarte an ihre Schwester Helene Richter (1861-1942) aus dem Jahr 1905 entnommen ist.[3] Richter sitzt zum Betrachtenden gewandt auf einem hinter ihrem Kleid zum Großteil verborgenen Sitzmöbel mittig in einem Innenraum – vermutlich einem Fotoatelier. Ihr Blick geht seitlich links an der Kamera vorbei aus dem Bild. Die Hände liegen im Schoß und halten locker ein Paar Handschuhe und einen schwarzen Schirm, dessen Spitze rechts den Teppichboden berührt. Elise Richter trägt eine weiße Bluse mit einem quer verlaufenden Lochmuster und weiten Ärmeln, sowie einen schwarzen, ebenso weiten Rock. Unter diesem ragt die Spitze eines schwarzen Stiefels hervor. Weiter ist Richter mit einem dunklen, großen Hut, einer breiten dunklen Krawatte bekleidet und trägt eine lange Halskette. Im rechten Bildhintergrund ist eine angeschnittene Kommode mit ausladendem Dekor zu erkennen, die ebenso wie das Sitzmobiliar, auf dem Teppich steht, welcher den darunter liegenden Fliesenboden verdeckt. Elise Richter wirkt auf dem Bild relativ ernst. Es handelt sich bei der Fotografie vermutlich um eine Aufnahme in einem Atelier, die Elise Richter zu privaten Zwecken anfertigen ließ. Im Vergleich zu der Fotografie ist das Relief-Denkmal kontrastreicher und wirkt dadurch ausdrucksstärker auch weil die Porträtierte dem Betrachtenden etwa lebensgroß begegnet und somit über das ursprüngliche Format der Fotografievorlage hinausgeht. Da nur die Helligkeitswerte der Wandoberfläche modifiziert wurden, wird die Materialität des Arkadenpfeilers in das Denkmal integriert. Die Verfugungen der Steinquader sind ebenso sichtbar, wie Unebenheiten und Beschädigungen derselben. Catrin Bolt äußerte sich du dem Hintergedanken der angewandten Technik wie folgt: "Die Idee hinter dieser Technik ist, die Ehrenmäler direkt in die Architektur und über Zeit entstandenen Schichten einzuschreiben und aus ihnen das Abbild herauszuarbeiten, als wäre es schon immer da gewesen."[4] Zum Schutz ist vor der bearbeiteten Wandfläche, mit wenigen Zentimetern Zwischenraum, eine Glasplatte angebracht. Im rechten unteren Bereich sind darauf der Name, die Profession, sowie Geburts- und Sterbejahr Elise Richters vermerkt.

Notizen zur dargestellten Person

Elise Richter (1865 - 1943) war Romanistin an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien und habilitierte hier 1905 als erste Frau.

Entstehungsgeschichte

Das Denkmal für Elise Richter entstand anlässlich der 650-Jahrfeier der Universität Wien und wurde am 30. Juni 2016 feierlich enthüllt. Neben Richter wurden sechs weitere Wissenschaftlerinnen mit Denkmälern geehrt: Charlotte Bühler (1893-1974), Marie Jahoda (1907-2001), Berta Karlik (1904-1990), Lise Meitner (1878-1968), Grete Mostny-Glaser und Olga Taussky-Todd (1906-1995). Die detaillierte Entstehungsgeschichte wird in einem gesonderten Artikel behandelt: Entstehungsgeschichte der sieben Denkmäler für Wissenschaftlerinnen 2016

Kunsthistorischer Vergleich und Analyse

Die Methode der Übersetzung einer Schwarzweißfotografie als Bild durch drei Tonwerte auf den Stein des Universitätsgebäudes wurde von Catrin Bolt auch bei dem Denkmal für Marie Jahoda angewandt. Zurückgeht diese Technik in ihrem Ursprung auf die Street Art Szene, in der sie unter dem Begriff des "Reverse Graffiti" bekannt ist und bei der durch partielle Reinigung von Oberflächen (Gebäude, Autos, etc.) ein Bild aus einer verschmutzen Fläche herausgearbeitet wird. Dabei werden meist Schablonen (Stencils) benutzt, die die Anbringung erleichtern. Inhalt der Reverse Graffiti sind neben bildlichen Darstellungen oft auch schriftliche Aussagen, die dann auch in den Bereich der Werbung fallen können.[5] Im Bereich der traditionellen Gedenkkultur sind "Reverse Graffiti" weniger geläufig. Die mit dieser Technik verbundene Thematisierung des öffentlichen Raums schlägt sich auch in Catrin Bolts Werk nieder. Sie konnte bereits einige Male Projekte im öffentlichen Raum realisieren, so von 2013 bis 2015 mit "Lauftext Mahnmal" oder seit 2014 mit dem "Alltagsskulpturen Mahnmal" in Wien. Auch auf thematischer Ebene wird im Denkmal für Elise Richter die Frage nach der Öffentlichkeit beziehungsweise des Privatraumes durch die Anbringung einer ehemals privaten Fotografie mittels einer im öffentlichen Raum angesiedelten Technik gestellt. Wie auch beim Denkmal Marie Jahoda, wird durch den Einsatz einer für private Zwecke gebrauchten Aufnahme, die in Richters Fall von einer an ihre Schwester Helene adressierte Bildpostkarte stammt,[6] ein unwillkürliches Näherrücken der Porträtierten an den konkreten Ort des Denkmals erzeugt. Anders als bei Jahoda schafft lediglich die Kleidung Richters, welche um die Jahrhundertwende getragen wurde, eine Distanz zum Hier und Jetzt. Richter wird in der damals zwar noch relativ professionell und gestellt wirkenden Atmosphäre einer Fotografieaufnahme gezeigt, tritt jedoch als Person hinter ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit hervor. Der Fokus richtet sich auf sie als Individuum, weniger als auf den Teilaspekt ihrer universitären Stellung. Dass es sich bei der Fotografie, um eine an Helene Richter versandte handelt, verweist auf die enge Beziehung, die die Schwestern pflegten und stellt nochmals den Aspekt der Privatheit in den Vordergrund. Im Vergleich zu den vorhandenen Denkmälern im Arkadenhof, erfährt die Form des Denkmals bei Catrin Bolt eine wesentliche Neuerung: durch das Einarbeiten eines Bildes in die Wandoberfläche wird diese auf gänzlich neue Art und Weise aktiviert und als Material miteinbezogen. Das Denkmal wird dadurch aus der bereits vor Ort vorgefundenen Architektur gewonnen und nicht im klassischen Sinne hinzugefügt.

Literatur

  • Christiane Hoffrath, Bücherspuren. Das Schicksal von Elise und Helene Richter und ihrer Bibliothek im „Dritten Reich“, Köln 2009.

Quellen

Rezeption in der Presse

Einzelnachweise

  1. Die Nummerierung der Denkmäler des Arkadenhofes wurde von Thomas Maisel 2007 eingeführt und nachfolgend im Jahr 2017 ergänzt. (vgl. Ingeborg Schemper-Sparholz/Martin Engel/Andrea Mayr/Julia Rüdiger (Hg.), Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa, Köln/Weimar/Wien 2017, S. 381-386.)
  2. https://www.univie.ac.at/ueber-uns/auf-einen-blick/wissenschafterinnen-im-arkadenhof/#c5551, aufgerufen am 22.01.2019.
  3. http://wbadmina.wienbibliothek.vss.kapper.net/bestaende-sammlungen/objekte-monats/objekte-monats-2015/objekt-monats-maerz-2015-elise-richter-150, aufgerufen am 22.01.2019.
  4. https://www.univie.ac.at/ueber-uns/auf-einen-blick/wissenschafterinnen-im-arkadenhof/, aufgerufen am 22.01.2019.
  5. https://www.youtube.com/watch?v=gAxxRQXkcjg, aufgerufen am 26.01.2019.
  6. http://wbadmina.wienbibliothek.vss.kapper.net/bestaende-sammlungen/objekte-monats/objekte-monats-2015/objekt-monats-maerz-2015-elise-richter-150, aufgerufen am 22.01.2019.

Charlotte Reuß