Denkmal Charlotte Bühler: Unterschied zwischen den Versionen

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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== Kunsthistorischer Vergleich und Analyse ==
 
== Kunsthistorischer Vergleich und Analyse ==
 
Thomas Baumann stellt in seinem Denkmal für Charlotte Bühler die Geehrte in Form einer Maske dar. Was zunächst an die Praktik und Abnahme von Totenmasken erinnert, entpuppt sich vielmehr als scheinbar lebendiges Antlitz, das dem_der Betrachter_in begegnet, was auch in der Anbringung auf Augenhöhe eines_einer Erwachsenen angelegt ist. Das Motiv der Maske kann insofern auch auf Bühlers Forschungsgebiet bezogen werden, da sie sich im Laufe ihrer Tätigkeit immer weitreichender mit dem Lebenslauf des Menschen auseinandersetzte und metaphorisch gesprochen hinter die Maske eines Menschen zu blicken versuchte. Tut man dies bei Baumanns Denkmal, wird man mit einer gröber bearbeiteten und amorphen Innenseite, einem Negativ der Maske konfrontiert. Obgleich das Denkmal eine dezidierte Vorder- und Rückansicht hat, ist zu vermerken, dass Bühlers Blick auf den Innenhof führt und die den Gang Entlanglaufenden jedoch zunächst die Rückseite als negativen Raum der Maske wahrnehmen. Das Denkmal verweist damit zum einen auf die eigene Beschaffenheit auf das Material als Ausgangspunkt und den Entstehungsprozess. Zum anderen scheint man auf metaphorischer und auch räumlicher Ebene durch das Motiv der Maske hinter sie blicken zu können.  
 
Thomas Baumann stellt in seinem Denkmal für Charlotte Bühler die Geehrte in Form einer Maske dar. Was zunächst an die Praktik und Abnahme von Totenmasken erinnert, entpuppt sich vielmehr als scheinbar lebendiges Antlitz, das dem_der Betrachter_in begegnet, was auch in der Anbringung auf Augenhöhe eines_einer Erwachsenen angelegt ist. Das Motiv der Maske kann insofern auch auf Bühlers Forschungsgebiet bezogen werden, da sie sich im Laufe ihrer Tätigkeit immer weitreichender mit dem Lebenslauf des Menschen auseinandersetzte und metaphorisch gesprochen hinter die Maske eines Menschen zu blicken versuchte. Tut man dies bei Baumanns Denkmal, wird man mit einer gröber bearbeiteten und amorphen Innenseite, einem Negativ der Maske konfrontiert. Obgleich das Denkmal eine dezidierte Vorder- und Rückansicht hat, ist zu vermerken, dass Bühlers Blick auf den Innenhof führt und die den Gang Entlanglaufenden jedoch zunächst die Rückseite als negativen Raum der Maske wahrnehmen. Das Denkmal verweist damit zum einen auf die eigene Beschaffenheit auf das Material als Ausgangspunkt und den Entstehungsprozess. Zum anderen scheint man auf metaphorischer und auch räumlicher Ebene durch das Motiv der Maske hinter sie blicken zu können.  
Im Vergleich zu traditionellen freistehenden Skulpturen, wird hier das Freistehen des Denkmals nicht genutzt um eine Allansichtigkeit zu demonstrieren – und dementsprechend einen vollständigen Körper zu zeigen –, sondern ins Negative verkehrt, um sowohl die künstlerische Ebene, als auch in diesem Fall die damit verbundene inhaltliche Bedeutung sichtbar zu machen.  
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Im Vergleich zu traditionellen freistehenden Skulpturen, wird hier das Freistehen des Denkmals nicht genutzt um eine Allansichtigkeit zu artikulieren – und dementsprechend einen vollständigen Körper zu zeigen –, sondern ins Negative verkehrt, um sowohl die künstlerische Ebene, als auch in diesem Fall die damit verbundene inhaltliche Bedeutung sichtbar zu machen.  
 
Obgleich es sich bei der Maske nur um das dreidimensionale Gesicht der Porträtierten handelt und der Hinterkopf fehlt, wirkt diesem die Drapierung entgegen, die der Maske Halt zu geben und ihr die Starre zu nehmen scheint.  
 
Obgleich es sich bei der Maske nur um das dreidimensionale Gesicht der Porträtierten handelt und der Hinterkopf fehlt, wirkt diesem die Drapierung entgegen, die der Maske Halt zu geben und ihr die Starre zu nehmen scheint.  
 
Zwar auf einer anderen technischen Ebene, aber ähnlich wie bei Baumanns [[Denkmal Lise Meitner]] und dem [[Denkmal Berta Karlik]], legt der Künstler besonderen Wert auf die Dreidimensionalität und damit verbunden die Wirklichkeitsnähe der Porträtierten. Auch durch die Aufstellung zwischen den Arkadenpfeilern tritt das Denkmal Charlotte Bühlers hervor und nimmt den Raum ein.  
 
Zwar auf einer anderen technischen Ebene, aber ähnlich wie bei Baumanns [[Denkmal Lise Meitner]] und dem [[Denkmal Berta Karlik]], legt der Künstler besonderen Wert auf die Dreidimensionalität und damit verbunden die Wirklichkeitsnähe der Porträtierten. Auch durch die Aufstellung zwischen den Arkadenpfeilern tritt das Denkmal Charlotte Bühlers hervor und nimmt den Raum ein.  

Version vom 26. Februar 2019, 14:11 Uhr

Abb. 1: Thomas Baumann, Denkmal für Charlotte Bühler, Arkadenhof der Universität Wien, Nr. 157, 2016 enthüllt.

Das Denkmal für die Entwicklungspsychologin Charlotte Bühler (1893-1974) wurde von dem Künstler Thomas Baumann (*1967) für den Arkadenhof der Universität Wien geschaffen und am 30. Juni 2016 enthüllt.

Beschreibung

Das Denkmal für die Psychologin Charlotte Bühler befindet sich am Ende des linken Arkadenganges zwischen zwei Arkadenpfeilern ausgerichtet in Richtung Innenhof und ist mit der Nummer 157[1] Dieses besteht aus einem im Aluminiumgussverfahren hergestellten plastischen Gesicht Bühlers in Form einer Maske welche von einer stoffartigen Drapierung im selben Material umfangen ist. Diese steht auf einer runden Metallplatte, in die mit Hilfe eines Lasers ein kreisförmiges Labyrinth graviert wurde. Die Platte liegt auf einer im Durchmesser kleineren Betonsäule welche in einer Basis am Boden abschließt. Durch die Anbringung auf der Säule befindet sich die Maske in etwa auf Augenhöhe des Betrachtenden. Sowohl das modellierte Gesicht mit Drapierung, als auch die Platte selbst sind silberfarben, wodurch sie sich farblich und in ihrem Material von dem Sockel absetzen. Die Plastik zeigt Bühlers Gesicht, sowie den Hals- und den Haaransatz, welche beide fast nahtlos in die Drapierung übergehen. Die Ausführung der Gesichtsmerkmale ist realistisch. Mund, Nase und die Augen – bei letzteren blieben die Pupillen unausgeführt – sind soweit ausgearbeitet, dass sie die charakteristischen Gesichtszüge der Porträtierten erkennen lassen. Als Vorlage diente wohl eine Fotografie Charlotte Bühlers, welche diese in den 1930er Jahren auf einem Balkon zeigt.[2] Auf dieser Fotografie und ebenso auf anderen trägt Charlotte Bühler eine Perlenkette, die Thomas Baumann in das Denkmal mit aufgenommen hat. Der Geehrten wurde vom Künstler ein souveräner Gesichtsausdruck verliehen. Ihr Blick richtet sich in den Innenhof des Arkadenhofes. Da das Denkmal freisteht, ist auch die Innenseite der Maske einsehbar, die ebenso silberfarben gestaltet wurde und ein grobes Negativ des Gesichts Bühlers darstellt. Der Negativraum weist deutlich mehr Bearbeitungsspuren auf als die vordere Seite mit dem Porträt und bildet eine amorphe Struktur. Der sprichwörtliche Blick hinter die Maske und das Labyrinth als Untergrund können als Verweise auf das Forschungsgebiet Bühlers und ihre wissenschaftliche Verankerung in der Entwicklungspsychologie gelesen werden. Name, sowie Geburts- und Sterbejahr befinden sich auf einer Plakette oberhalb der Säulenbasis.

Notizen zur dargestellten Person

Charlotte Bühler (1893-1974) war Entwicklungspsychologin auf dem Feld der Kinder- und Jugendpsychologie und gilt als Begründerin der modernen Entwicklungspsychologie.

Entstehungsgeschichte

Das Denkmal für Charlotte Bühler entstand anlässlich der 650-Jahrfeier der Universität Wien und wurde am 30. Juni 2016 feierlich enthüllt. Neben Bühler wurden sechs weitere Wissenschaftlerinnen mit Denkmälern geehrt: Marie Jahoda (1907-2001), Berta Karlik (1904-1990), Lise Meitner (1878-1968), Elise Richter (1865-1943) und Olga Taussky-Todd (1906-1995). Die detaillierte Entstehungsgeschichte wird in einem gesonderten Artikel behandelt: Entstehungsgeschichte der sieben Denkmäler für Wissenschaftlerinnen 2016

Kunsthistorischer Vergleich und Analyse

Thomas Baumann stellt in seinem Denkmal für Charlotte Bühler die Geehrte in Form einer Maske dar. Was zunächst an die Praktik und Abnahme von Totenmasken erinnert, entpuppt sich vielmehr als scheinbar lebendiges Antlitz, das dem_der Betrachter_in begegnet, was auch in der Anbringung auf Augenhöhe eines_einer Erwachsenen angelegt ist. Das Motiv der Maske kann insofern auch auf Bühlers Forschungsgebiet bezogen werden, da sie sich im Laufe ihrer Tätigkeit immer weitreichender mit dem Lebenslauf des Menschen auseinandersetzte und metaphorisch gesprochen hinter die Maske eines Menschen zu blicken versuchte. Tut man dies bei Baumanns Denkmal, wird man mit einer gröber bearbeiteten und amorphen Innenseite, einem Negativ der Maske konfrontiert. Obgleich das Denkmal eine dezidierte Vorder- und Rückansicht hat, ist zu vermerken, dass Bühlers Blick auf den Innenhof führt und die den Gang Entlanglaufenden jedoch zunächst die Rückseite als negativen Raum der Maske wahrnehmen. Das Denkmal verweist damit zum einen auf die eigene Beschaffenheit auf das Material als Ausgangspunkt und den Entstehungsprozess. Zum anderen scheint man auf metaphorischer und auch räumlicher Ebene durch das Motiv der Maske hinter sie blicken zu können. Im Vergleich zu traditionellen freistehenden Skulpturen, wird hier das Freistehen des Denkmals nicht genutzt um eine Allansichtigkeit zu artikulieren – und dementsprechend einen vollständigen Körper zu zeigen –, sondern ins Negative verkehrt, um sowohl die künstlerische Ebene, als auch in diesem Fall die damit verbundene inhaltliche Bedeutung sichtbar zu machen. Obgleich es sich bei der Maske nur um das dreidimensionale Gesicht der Porträtierten handelt und der Hinterkopf fehlt, wirkt diesem die Drapierung entgegen, die der Maske Halt zu geben und ihr die Starre zu nehmen scheint. Zwar auf einer anderen technischen Ebene, aber ähnlich wie bei Baumanns Denkmal Lise Meitner und dem Denkmal Berta Karlik, legt der Künstler besonderen Wert auf die Dreidimensionalität und damit verbunden die Wirklichkeitsnähe der Porträtierten. Auch durch die Aufstellung zwischen den Arkadenpfeilern tritt das Denkmal Charlotte Bühlers hervor und nimmt den Raum ein. Die Maske als Form eines Denkmals zur Würdigung einer Individualperson und nicht als Mittel zu einer allegorischen Darstellung ist ungewöhnlich und nicht üblich. Alleine als Totenmaske fungiert dieses Motiv im Feld der Erinnerungskultur. Ein kunsthistorischer Bezug lässt sich dennoch in der silberfarbenen Oberfläche des Denkmals zu Bruno Gironcoli (1936-2010), dem Lehrer Thomas Baumanns, finden. Gironcoli setzte die Farbe Silber und andere metallischen Farbstufen sowohl in seinem skulpturalen,[3] als auch in seinem graphischen Werk prominent ein,[4] sodass eine visuelle Bezugnahme zumindest naheliegt.

Quellen

Rezeption in der Presse

Einzelnachweise

  1. Die Nummerierung der Denkmäler des Arkadenhofes wurde von Thomas Maisel 2007 eingeführt und nachfolgend im Jahr 2017 ergänzt. (vgl. Ingeborg Schemper-Sparholz/Martin Engel/Andrea Mayr/Julia Rüdiger (Hg.), Der Arkadenhof der Universität Wien und die Tradition der Gelehrtenmemoria in Europa, Köln/Weimar/Wien 2017, S. 381-386.
  2. https://geschichte.univie.ac.at/de/personen/charlotte-buhler-geb-malachowski-tit-ao-prof-dr, aufgerufen am 17.12.2018.
  3. vgl. Bettina M. Busse (Hg.), Bruno Gironcoli. Die Skulpturen, Ostfildern 2008.
  4. vgl. Manuela Ammer (Hg.), Bruno Gironcoli. In der Arbeit schüchtern bleiben. Arbeiten auf Papier, (Kat. Ausst., Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig, Wien 2018), Köln/Wien 2018.

Charlotte Reuß