Denkmal Adolf Lieben

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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Abb. 1: Denkmal Adolf Lieben
Abb. 2: Lage des Denkmals, Nr. 61, Plan des Arkadenhofes der Universität Wien, Maisel 2007.

Das Denkmal für den Chemiker Adolf Lieben (1836-1914) wurde bereits 1908 von dem Bildhauer Carl Kundmann (1838-1919) für die Familie Lieben angefertigt. Die Büste wurde schließlich von der Familie für den Arkadenhof der Universität Wien zur Verfügung gestellt und am 21.Mai 1922 enthüllt.

Beschreibung

Abb. 3: Detail Denkmal Adolf Lieben

Die Porträtbüste Adolf Liebens befindet sich im Bogen des Durchganges zwischen linkem und hinterem Arkadengang, gegenüber jener für Viktor von Lang und trägt laut Maisel 2007 die Nummer 61 (Abb. 2). [1] Es besteht aus einer Büste aus weißem Marmor, die auf einer an der Wand befestigten Konsole steht. Die Büste ist 58 cm hoch und circa 53 breit und somit etwa in Lebensgröße ausgeführt. Lieben ist bis knapp unterhalb des Brustbereiches dargestellt, die Arme sind lediglich im Ansatz ausgeführt. Der untere Abschluss der Büste ist halbrund, die Armansätze enden oberhalb des unteren Büstenrandes, setzen die geschwungene Bewegung des Abschlusses allerdings fort. Adolf Lieben trägt Hemd mit breiter Krawatte und darüber offensichtlich einen Mantel, der vermutlich einen Arbeitsmantel darstellen soll, da er einen relativ schmalen Kragen hat und – zu den damals üblichen Jacken - hoch geschlossen ist. Der Mantel scheint sich über den Oberkörper zu spannen und klafft im unteren Teil auseinander. Lieben wird also in seiner Funktion als Chemiker, der in einem Laboratorium arbeitet, dargestellt. Ansonsten weisen jedoch keinerlei Attribute auf seine Tätigkeit hin. Der Dargestellte blickt fast frontal, den Kopf nur ganz leicht nach links gedreht, über den Betrachter hinweg. Seine Haare und sein Bart sind sehr lockig und voll ausgeführt, sie entsprechen damit nicht der Darstellung auf der Lithographie, die ihn mit glatterem und etwas struppigerem Haar zeigt. Übereinstimmend ist jedoch der hohe Haaransatz. Bemerkenswert ist die Ausführung des Blickes von Lieben. Sein Kopf ist erhoben und sein starrer Blick weist in die Ferne. Die aufgerissenen Augen scheinen fast hervorzuquellen. Auch die Augenpartie stimmt keinesfalls mit der Darstellung auf der Lithographie überein, die ihn mit wesentlich schmaleren Augen mit klugem, forschenden Ausdruck hinter einer runden Brille zeigen. Das Gesicht und die Stirn sind relativ faltig dargestellt, vor allem die Augenringe sind stark betont und verstärken den starren Blick.

An der rechten Schulter des Porträtierten befindet sich eine Signatur des Künstlers Carl Kundmann mit dem Datum 1908.

Die Büste selbst wurde nicht vollplastisch ausgeführt. Lediglich die Frontpartie und die Seiten wurden gestaltet, von der Rückenpartie lediglich Kopf und Halsansatz. Die Büste steht somit auf einem Sockel, der durch die Frontseite verdeckt wird und der direkt auf der Konsole angebracht ist. Die Skulptur dürfte für die Konsole aber etwas zu tief ausgeführt worden sein, da die Wand hinter dem Denkmal im Schulterbereich der Büste etwas ausgestemmt werden musste.

Die Konsole besteht aus grauem Marmor und hebt sich somit farblich von der Büste ab. Sie ist 65 cm hoch, im oberen Bereich circa 60 cm breit und 30 cm tief. Sie verschmälert sich von oben nach unten sowohl frontal auf etwa 37 cm, als auch seitlich auf 10 cm, und wird am unteren Rand von einem Blattfries abgeschlossen. Am oberen Rand wird sie von einem weiteren Blattfries und Voluten abgeschlossen über dem sich die Platte mit der Büste befindet. An den Seiten setzen sich die Voluten in einer Art Spindel fort, die sich aus den Voluten entwickeln. Im Mittelteil befindet sich an der Frontseite die eingravierte Inschrift in vergoldeten Lettern: "ADOLF LIEBEN / 1836 - 1914 / PROFESSOR DER CHEMIE / 1867 - 1906".

Notizen zur dargestellten Person

Adolf Lieben war ordentlicher Professor an der Universität Wien von 1867 bis 1906. Er gilt als der bedeutendste österreichische Vertreter der damals neuen, sich bereits weitgehend synthetischer Methoden bedienenden Forschungsrichtung der organischen Chemie.

Entstehungsgeschichte

Abb. 3: Detail Denkmal Adolf Lieben
Abb. 4: Detail Denkmal Adolf Lieben
Abb. 5: Detail Denkmal Adolf Lieben
Abb. 6: Detail Denkmal Adolf Lieben
Abb. 7: Denkmal Adolf Lieben im Chemischen Institut in Wien

Die Büste wurde vom Künstler mit "Kundmann 1908" signiert und ursprünglich für die Familie Lieben angefertigt. In den Quellen konnen keine Informationen zum ursprünglichen Auftrag gefunden werden. Jedoch ist bekannt, dass im Palais Schey - Lieben, das von Theophil Hansen auf der Mölkerbastei errichtet wurde, viele wichtige Persönlichkeiten der Zeit zusammenkamen, wie zum Beispiel Carl Auer von Welsbach, Josef Breuer der Hausarzt der Familie, Ludwig Boltzmann oder der Historiker Ludo Hartmann. Auch Karl Kundmann war ein Freund der Familie.[2]

Im Juli 1919 suchte der Vorstand des chemischen Institutes, Rudolf Wegscheider, gemeinsam mit den Professoren Schlenk, Herzig, Pollak und Franke zum ersten Mal[3] und unter Berufung auf dieses Schreiben ein weiteres Mal im März des Jahres 1921 um Bewilligung zur Aufstellung eines Denkmals für Adolf Lieben im Arkadenhof der Universität Wien an.[4]

Zu dieser Zeit hatte die Familie Lieben schon zugesagt die Büste, die sich in ihrem Besitz befand, dafür zur Verfügung zu stellen. Auch die philosophische Fakultät und die artistische Kommission äußertem sich dazu positiv. Der Rektor der Universität Wien stimmte nach wenigen Tagen der Aufstellung zu und vermerkte, dass die artistische Kommission über die Modalitäten des Postaments entscheiden würde. Im August 1921 wurde vom akademischen Senat beschlossen das Lieben-Denkmal an dem Bogen des Eckraumes, in dem sich das Denkmal von Leo Graf von Thun-Hohenstein befindet, gegenüber dem Denkmal von Adolf Exner, anzubringen. Daher sollte die Büste auch auf einer Konsole und nicht auf dem bereits bestehenden Postament zur Aufstellung kommen. Die artistische Kommission wünschte dafür eine kleine Konsole, die sich in ihrer Form dem Querschnitt des Denkmals anpasst und empfahl dafür hellgrauen Marmor. Vor der Ausführung sollte noch eine Skizze der artistischen Kommission vorgelegt werden. Aufgrund des Wunsches von Constanze Exner wurde das Denkmal ihres verstorbenen Gatten jedoch später versetzt und heute steht jenes von Viktor von Lange an dieser Stelle und somit gegenüber der Büste von Adolf Lieben.

Der Termin für die Enthüllung der Büste von Adolf Lieben wurde mit 21.Mai 1922 um elf Uhr festgesetzt, der Festakt durch die Akademische Sängerschaft Ghibellinen musikalisch untermalt. Neben Mitgliedern der Familie und zahlreichen Vertretern der Universität nahm auch Bundespräsident Hainisch an der Denkmalenthüllung teil.[5]

Kunsthistorischer Vergleich und Analyse

Die Büste Liebens ist eines von insgesamt sieben Denkmälern, die von Karl Kundmann für den Arkadenhof der Universität Wien geschaffen wurden und es befindet sich in unmittelbaren Umgebung zu denen für Hermann Bonitz, Leo Graf von Thun-Hohenstein, Franz Exner und Melchior Neumayr. Karl Kundmann wählte für seine Denkmäler unterschiedliche Darstellungsweisen: bei dem Denkmal Thun-Hohenstein handelt es sich um eines der aufwändigsten im Arkadenhof, was auf den Auftraggeber, das k.k. Ministerium für Kultus und Unterricht zurückzuführen ist, bei den anderen Darstellungen hingegen um Büsten beziehungsweise um ein Relief.

Während die Büsten für Hermann Bonitz und Franz Exner im antikisierenden Typus gearbeitet wurden, der die Dargestellten unbekleidet, mit geradem Abschluss und ohne Armansatz darstellt, wählte Kundmann bei Adolf Lieben eine Darstellungsform, die den Chemiker in zeitgenössischer Kleidung zeigt. Der untere Abschluss in gerundeter Form setzt sich in den Armansätzen fort und die eher glatte Form der Büste setzt sich stilistisch stark von der mit Voluten und Ranken verzierten Konsole ab. Der Büste, die direkt auf die Konsole gesetzt wurde, scheint ein Sockel zu fehlen, die gesamte Komposition wirkt dadurch unfertig und instabil. Der Gesichtsausdruck mit den hervorquellenden Augen Liebens erscheint trotz der ausgearbeiteten Pupillen starr und unnatürlich und hat wenig mit den überlieferten Darstellungen des Chemikers gemein. Von allen Denkmälern Kundmanns im Arkadenhof scheint sie die am wenigsten naturgetreue Abbildung eines Wissenschaftlers.

Eine Kopie dieser Büste befindet sich im Chemischen Institut der Universität Wien.

Ereignisse seit der Aufstellung im Arkadenhof

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme sollte im November 1938 die „Langemarck“-Feier durch NS-Studenten im Arkadenhof stattfinden. Im Zuge der Vorbereitungen wurden willkürlich Denkmäler für Professoren, die nach NS-Kriterien als „jüdisch“ eingestuft wurden, beschädigt, mit Farbe beschmiert oder umgestürzt. In der Folge der Überprüfung betreffend der Konformität der dargestellten Professoren mit den NS-Rassegesetzen, ließ die Universitätsleitung unter Rektor Fritz Knoll Denkmäler abtragen und in Depots lagern.[6] Darunter auch das Denkmal für Adolf Lieben. Alle beschädigten und entfernten Denkmäler konnten nach Kriegsende und nach Wiederherstellung im Jahr 1947 wieder im Arkadenhof aufgestellt werden. Adolf Liebens Denkmal befindet sich heute wiederum an derselben Stelle, an der es ursprünglich angebracht war.[7]

Quellen

  • UAW Senat S 304 746, Personalakte Adolf Lieben
  • UAW Senat 95.11.
  • UAW Senat 95.3. Adolf Lieben. Denkmal im Arkadenhof.
  • UAW Senat 95.3. 7.7.1919, Erster Antrag an den akademischen Senat.
  • UAW Senat 95.3. 4.4.1921, Schreiben Professor Wegscheiders.
  • UAW Senat 95.3. 16.3.1921, Schreiben an das Lieben Komitee.
  • UAW Senat 95.3. 5.8.1921, Schreiben des Rektors an die Universitätsgebäude Inspektion.
  • UAW Senat 95.3. 20.11.1922, Schreiben an den Vorsitzenden der artistischen Kommission.

UAW = Universitätsarchiv Wien

Rezeption in der Presse

Literatur

  • Maisel 2007: Thomas Maisel, Gelehrte in Stein und Bronze. Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien, Wien 2007.
  • Meister 1934: Richard Meister, Die Ruhmeshalle der Wiener Universität, Donauwörth / Wien / Basel 1934.
  • Arnrom 2004: Marie-Theres Arnrom, Man will wohnen an der Ringstraße, in: Evi Fuks / Gabriele Kohlbauer (Hg.), Die Liebens. 150 Jahre Geschichte einer Wiener Familie, Wien 2004, S. 55-68.

Einzelnachweise

  1. Maisel 2007, S. 61.
  2. Arnrom 2004, S. 65.
  3. UAW Senat S 95.3, GZ 991.
  4. UAW. Senat 95.11.
  5. UAW. Senat 95.3 Lieben.
  6. Maisel 2007, S. 14-15.
  7. Maisel 2007, S. 15.

Evelyn Haspl, Gabriele Böhm-Nevole