Adolf Lieben

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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Adolf Lieben

Adolf Lieben, (*03.12.1836 in Wien; † 06.06.1914 Wien) war ein österreichischer Chemiker und gilt als bedeutendster Vertreter der damals neuen, sich synthetischer Methoden bedienenden Richtung der organischen Chemie. Sein Denkmal von Carl Kundmann im Arkadenhof der Universität Wien wurde 1922 enthüllt.

Leben

Adolf Lieben war der Sohn des jüdischen Großkaufmannes Ignaz Lieben und Bruder des Bankiers Leopold von Lieben. Er wurde von Hauslehrern unterrichtet, von denen ihn besonders der liberale, demokratisch denkende Dichter Moritz Hartmann beeindruckte, der 1848 Abgeordneter im Deutschen Nationalkongress in Frankfurt wurde. Lieben studierte an der Wiener Universität Chemie bei Professor Redtenbacher und absolvierte Laboratoriumsübungen am k.k. Polytechnischen Institut in Wien. Bereits mit 18 Jahren veröffentlichte er seine erste wissenschaftliche Arbeit "Über die Ursache des plötzlichen Erstarrens übersättiger Salzsäuren".[1] Mit 19 Jahren ging er zu Robert Bunsen an die Universität Heidelberg, wo er unter anderem mit später berühmten Wissenschaftlern wie Henry E. Roscoe, Hans Landolt oder Lothar Meyer studierte und am 9. August 1856 summa cum laude zum Doktor der Philosophie promovierte. Danach ging er zu Professor Charles-Adolphe Wurtz an die Ècole de Médicine nach Paris, wo er internationale Kontakte knüpfen konnte und sich mit der Einwirkung von Chlor auf Acetaldehyd, Ethanol und Ether befasste und in Folge das nicht hundertprozentig stabile Chloracetal herstellte. Diese Experimente sollten den Weg für weitere Forschungen öffnen, die letztendlich zur Herstellung von Chloralhydrat führten, dem ältesten synthetischen Schlafmittel.

Er nahm auf Wunsch des Vaters 1959 eine Stelle als Industriechemiker in Lille an und ging ein Jahr später zurück nach Wien. Am 7. Oktober 1861 habilitierte er sich für Chemie an der philosophischen Fakultät in Wien. Eine Aussicht auf eine Lehrkanzel hatte er damals wegen seiner jüdischen Herkunft noch nicht, da die rechtliche Gleichstellung der Juden erst im Jahr 1868 erfolgte.[2]

Er war vor seiner Professur als Privatdozent in Wien tätig und wurde 1864 nach Palermo gerufen, wo er bereits nach einem Jahr Vorlesungen in der Landessprache hielt und zunächst als Vizedirektor des dortigen Universitätslaboratioriums wirkte. 1865 wurde er zum ordentlichen Professor an der Univesität Palermo ernannt. 1867 trat er die Nachfolge Raffaele Pirias als Professor für Chemie an er Universität Turin an und 1871 ging er an die Universität Prag.

Erst 1875 kam er als Professor an die Universität Wien, wo er bis 1906 im Amt blieb.[3] Er war zudem Vorstand des II. Chemischen Instituts in Wien.

Im Jahre 1863 schuf er die Ignaz L. Lieben Stiftung, durch die alle drei Jahre besondere Arbeiten aus dem Gebiet Chemie und Physik ausgezeichnet werden sollten. Dieser Preis wurde bis 1937 vergeben und dann erst wieder 2004 - nunmehr mit jährlicher Preisvergabe - ins Leben gerufen.[4] 1906, anlässlich seiner Emeritierung, wurde die Adolf-Lieben-Stiftung ins Leben gerufen, deren Ziel die Ausbildung junger Chemiker war.[5]

Im Jahr 1887 heiratete er Baronin Mathilde Schey, Tochter des bedeutenden Bankiers Friedrich Schey.[6]

Lieben war künstlerisch sehr interessiert und hatte zahlreiche Freunde unter in- und ausländischen Künstlern. Unter anderem war er mit Franz Grillparzer befreundet, der auch – wenngleich vergeblich - versuchte, seinen Einfluss bei Hof für eine Anstellung Liebens an der Universität noch vor 1868 geltend zu machen.[7] Adolf Lieben war Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften, so wurde er 1870 korrespondierendes und 1879 wirkliches Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Außerdem war er Mitglied der Akademien von Rom, München und Berlin, sowie Ehrenmitglied diverser gelehrter Gesellschaften.[8] 1873 war Lieben Mitglied der Wiener Weltausstellungskommission und einer der Bauherren des Palais Auspitz-Lieben in der Oppolzergasse 6 (Universitätsring 4, ehemals Karl-Lueger-Ring).[9] 1903 erhielt er das Komturkreuz des Franz-Joseph-Ordens, er war Komtur der französischen Ehrenlegion und seit 1910 Herrenhausmitglied. Lieben wohnte im Palais Schey auf der Mölkerbastei Nr. 5 und starb am 6. Juni 1914. Er wurde im Familiengrab auf dem Döblinger Friedhof bestattet.[10]

Schaffen

Der Chemiker Ernst Späth würdigte Liebens Leistung mit den Worten: „Lieben darf mit Recht als ein Pionier der Strukturforschung angesehen werden, auf dessen Arbeiten über einfache Verbindungen vielfach verwickelte Probleme der Konstitutionsermittlung aufgebaut wurden." [11]

Am Beginn seiner Tätigkeit wandte er sich vor allem der durch den deutschen Chemiker August Kekulé entwickelten Atomverkettungstheorie zu. Lieben war der bedeutendste österreichische Vertreter dieser damals neuen Forschungsrichtung, die sich vor allem synthetischer Methoden bediente.[12] Seine bedeutendste Leistung ist die von ihm in vielen Untersuchungen durchgeführte Aufstellung einer lückenlosen der homologen Reihen vom niederen Glied, der Ameisensäure (Methansäure) mit einem Kohlenstoffatom systematisch fortlaufend zum höchsten Glied, der Oenanthylsäure (Heptansäure) mit sieben Kohlenstoffatomen. Diese Aufstellung gab Einblick in die Struktur zahlreicher Körper und war in ihren Ergebnissen wichtig für die gesamte aliphatische Chemie.[13]

Weitere bedeutende Forschungen führte er zur Aldehydkondensation und zur Chelidonsäure durch sowie zu der von ihm entwickelten und nach ihm benannten Jodoformreaktion (Lieb'sche Iodoform-Reaktion).

Adolf Lieben gilt als bedeutendster Vertreter der damals neuen, sich bereits weitgehend synthetischer Methoden bedienenden Forschungsrichtung der organischen Chemie. Seine Arbeit war grundlegend für die gesamte aliphatische Chemie.

Als Lehrer und Freund war Lieben gleichermaßen beliebt, zu seinem 70. Geburtstag wurde ihm eine 750 Seiten umfassende Festschrift gewidmet, unter deren Autoren sich auch fünf Preisträger des Ignaz-Lieben-Preises befanden.[14] Sein bedeutendster Schüler wurde Carl Auer von Welsbach, der neben der Erfindung des Gasglühlichtes auch die Elemente Praseodym und Neodym entdeckte.[15]

Schriften

(in Auswahl):

  • Synthese von Alkoholen mittels gechlorter Äther, 1862-1875.
  • Über Blutalkohol, Amylalkohol, Valeriansäure, Capronsäure, Hexylalkohol, 1869-1877.
  • Kondensationsprodukte der Aldehyde, 1879-1902.
  • Untersuchungen über Chelidonsäure, 1883-1885

Weiters schrieb er zahlreiche Abhandlungen in verschiedenen Zeitschriften. Wie zum Beispiel:

  • Gazzetta chimica italiana, Palermo
  • Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft zu Berlin[16]; Digitalisiert, abgerufen am 16.6.2014 [[3]].

Quellen

  • R.O. Herzog, Adolf Lieben gestorben, Nachruf [[4]]
  • Neue Freie Presse 1906: Festschrift für Adolf Lieben zum 50-jährigen Doktorjubiläum und 70. Geburtstag, Neue Freie Presse, 1.12.1906.
  • Neue Freie Presse 1909: Adolf Lieben, Neue Freie Presse, Nr. 16290 vom 28.12.1909, S. 6. Anlässlich seiner Ernennung zum lebenslangen Mitglied des Herrenhauses, digitalisiert, abgerufen 26.6.2014, [[5]]
  • Simon Zeisel 1914: Simon Zeisel, Adolf Lieben, in: Neue Freie Presse Nr. 17899, Abendausgabe vom 25.Juni 1914, S. 22-24. Nachruf auf Adolf Lieben, digitalisiert, abgerufen 26.6.1914 [[6]]

Literatur

  • UAW Senat S 304 747

UAW = Universitätsarchiv Wien

  • Oberhummer 1972: Oberhummer, Lieben Adolf, in: Österreichische Akademie der Wissenschaften (Hg.), Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL), 5, Wien 1972, S. 192.
  • Soukup 2004: Werner Soukup, Adolf Lieben - Nestor der organischen Chemie in Österreich, in: Evi Fuchs / Gabriele Kohlbauer (Hg.), Die Liebens. 150 Jahre Geschichte einer Wiener Familie, Wien 2004, S. 125-136.

Einzelnachweise

  1. Soukup, 2004, S. 126.
  2. Soukup, 2004, S. 127.
  3. UAW Senat S 304 746 4.
  4. Österreichische Akademie der Wissenschaften, Abruf 18.6.2014, [[1]].
  5. Soukup 2004, S. 131.
  6. Soukup 2004, S. 130.
  7. Soukup 2004, S. 127.
  8. Österreichische Akademie der Wissenschaften, Abruf 18.6.2014, [[2]].
  9. Soukup 2004, S. 129.
  10. Czeike 2004, S. 53.
  11. Soukup 2004, S. 132.
  12. Oberhummer 1972, S. 192.
  13. Soukup 2004, S. 132.
  14. Soukup 2004, S. 131.
  15. Soukup 2004, S. 136.
  16. UAW Senat S 304 746 4.

Weblinks

  • Eintrag zu Adolf Lieben im Austria Forum, abgerufen 2013: [[7]]
  • Ignaz-L-Lieben-Preis: [[8]]

Darstellungen


Evelyn Haspl, Gabriele Böhm-Nevole