Adam Politzer

Aus Die Denkmäler im Arkadenhof der Universität Wien
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Abb. 1: Adam Politzer, Aufnahme von Rudolf Krziwanek. ©ÖNB
Abb. 2: Adam Politzer, Büste von József Kampfl, 1983.

Adam Politzer (*01. September 1835 in Albertirsa, Ungarn; † 10. August 1920 in Wien) war ein Arzt für Ohrenheilkunde, der die erste Ohrenklinik weltweit gründete. Sein Denkmal im Arkadenhof der Universität Wien wurde von József Kampfl errichtet und 1983 enthüllt.

Leben

Abb. 3: Politzers Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof.

Adam Politzer wurde am 1. September 1835 in Albertirsa in Ungarn als Sohn eines Lehrers und Enkel eines Chirurgen geboren und studierte Medizin in Pest und Wien, hier unter anderem bei Carl von Rokitansky, Josef von Skoda und Johann von Oppolzer.[1] Im Dezember 1859 promovierte er zum Doktor der Medizin und Chirurgie.[2]

1860 konnte er in der Josephinischen Akademie, der zweiten medizinischen Lehranstalt Wiens, im Laboratorium des Physiologen Carl Ludwig tierexperimentell die Innervationsverhältnisse der Binnenmuskeln des Ohres feststellen.[3] Diese Studien konnte er anschließend bei Hermann Helmholtz in Heidelberg und bei Claude Bernard in Paris fortsetzen. 1860 ging er auf Anraten Oppolzers zu Joseph Toynbee nach London, das damals als Zentrum der Ohrenheilkunde galt und ließ sich dort zum Ohrenarzt ausbilden,[4] danach studierte er Ohrenheilkunde auch in Würzburg.[5]

1861 habilitierte er sich an der Wiener Universität in seinem Spezialgebiet, bis 1870 war er Dozent (als erster in Österreich für Ohrenheilkunde), 1871 wurde er außerordentlicher Professor der Ohrenheilkunde und 1895 erhielt er Titel und Charakter eines ordentlichen öffentlichen Professors.[6] 1863 wurde Politzer zum Armen-Ohrenarzt der Stadt Wien für die Versorgungshäuser ernannt,[7] hier hatte er die Gelegenheit seine bisherigen Forschungsergebnisse durch Obduktionen zu bestätigen.[8] 1866 wurde er mit der „Allerhöchsten Zufriedenheit für die im Garnisonspital No. 1 geleisteten ärztlichen Dienste während des Krieges 1866“ ausgezeichnet.[9] Er war Commandeur des portugiesischen Christusordens, erhielt das Ritterkreuz des sächsisch-ernestinischen Hausordens sowie den Offizierskranz des rumänischen Kronenordens.[10] Politzer war Mitglied der k.k. Gesellschaft der Ärzte in Wien, Ehrenmitglied der königlichen Akademie der Medizin in Island, der kaiserlich ottomanischen medizinischen Gesellschaft der Ärzte in Konstantinopel, der otologischen Gesellschaft in London und der laryngo- rhino- und otologischen Gesellschaft in New York sowie zahlreicher weiterer Ärzte-Vereinigungen unter anderem in St. Petersburg, Würzburg, Rio de Janeiro, Stockholm und Turin. 1893 wurde er zudem zum offiziellen Delegierten des k.k. Ministeriums für Cultus und Unterricht für die Weltausstellung in Chicago ernannt.[11] Darüber hinaus machte er sich auch als Kunstsammler einen Namen.

Adam Politzer wohnte im ersten Wiener Gemeindebezirk in der Gonzagagasse 19, er starb am 10. August 1920 an den Folgen eines Schlaganfalls, der aufgrund eines Streiks der Telefongesellschaft nicht sofort behandelt werden konnte und wurde auf dem Wiener Zentralfriedhof (israelit. Abt. Gr, 8/1/45) bestattet.

Schaffen

Abb. 4: Darstellung des Gehörorgans und der Apparatur zum Hervorbringen und Messen von Luftdruckschwankungen.
Abb. 5: Gummiballon zum "politzern".
Abb. 6: Der Vorgang des Politzerns.
Abb. 7: Darstellungen verschiedener Krankheitszustände des Trommelfells.

Die Spezialisierung auf Ohrenheilkunde vollzog sich in Wien innerhalb nur einer Generation unter Adam Politzer und Josef Gruber. 1864 begründete Politzer mit den deutschen Ärzten Anton Friedrich Freiherr von Tröltsch und Hermann Schwartze die erste deutsche Fachzeitschrift auf diesem Gebiet, das Archiv für Ohrenheilkunde, die spätere European Archives of Oto-rhino-laryngology.[12] 1867 begründete er mit Josef Gruber (mit dem er in ständigem Wettstreit stand) und anderen die Monatsschrift für Ohrenheilkunde sowie für Nasen-, Rachen-, Kehlkopf- und Luftröhren-Krankheiten.[13]

1873 begründete er die Klinik für Ohrenkranke, die die erste ihres Faches weltweit war.[14] Hier konnte er seine Erfahrungen und Kenntnisse durch Forschungen weiter verfeinern.[15] Ab 1873 war er auch – ohne Gehalt – Vorstand dieser Klinik.[16] Einer Klinik, die anfangs lediglich aus einem einzigen Raum bestand, den sich Politzer und Gruber – nur durch eine mobile Wand getrennt – teilen mussten. Von der letztendlich aber eine weltumspannende Wirkung ausging.[17] 1897 wurde er zudem Vorstand der 1. Universitäts-Ohrenklinik, eine Position, die er bis zu seiner Pensionierung 1907 behielt.[18] Noch im 19. Jahrhundert entstanden nach Politzers Vorbild an zahlreichen Spitälern der Monarchie eigene Abteilungen für Ohrenkrankheiten, so in Wien unter anderem am Kaiser-Franz-Joseph-Spital und am Rudolf-Spital, die mit Schülern Politzers besetzt wurden.[19]

Politzer arbeitete insgesamt 46 Jahre in seinem Gebiet, und er schaffte es, aus einer „sterilen, hoffnungslosen Disziplin“ ein anerkanntes akademisches Fach herauszubilden.[20] Ab 1903 war das Fach Ohrenheilkunde – anfangs mit fünf Wochenstunden durch ein Semester – an der medizinischen Universität Wien vertreten. Nahezu sämtliche Otologen Österreichs, aber auch zahlreiche Ohrenfachärzte aus Deutschland studierten bei Politzer. Die Liste der Abschiedsadresse, die die Schüler anlässlich seiner Pensionierung an ihn richteten umfasst 366 Otologen aus 21 Staaten.[21] Einer seiner Schüler war der Nobelpreisträger Robert Barany.[22] Den Unterricht führte er, in Fortsetzung der Tradition der Wiener Medizinischen Schule, vorwiegend anschaulich am Krankenbett durch.[23]

Wenngleich er sich seinem Fach zuerst auch mittels der experimentell-physiologischen Methodik näherte, wusste er doch, dass er sich der Otologie auch morphologisch annähern musste. In Würzburg machte er sich mit der mikroskopischen Forschung vertraut, in London mit der pathologischen Anatomie des Ohres. Diese Ausbildung befähigte ihn letztendlich zu seiner Meisterschaft in präparatorischer Technik. Seine künstlerischen Fähigkeiten und sein – an großen Malern geschultes Auge - wiederum befähigten ihn zur anschaulichen Skizzierung von Befunden.

1878 konnte er erstmals die Ursache von Mittelohrschwerhörigkeit (Otosklerose) nachweisen.[24]

Politzer entwickelte ein nach ihm „politzern“ benanntes Verfahren zur Behandlung von Schwerhörigkeit, bei dem Luft mittels eines Gummiballons durch die Nase ins Mittelohr geblasen wird und durch das Eindringen der Luft in die Gehörgänge die Durchgängigkeit der Ohrtrompete überprüft werden kann.[25] (Abb. 5 und 6). In zahlreichen Publikationen veröffentlichte er seine diesbezüglichen Forschungen und Erfahrungen, so unter anderem in der Abhandlung Über den Einfluss der Luftdruckschwankungen in der Trommelhöhle auf die Druckverhältnisse des Labyrinthinhaltes,[26] die er zum besseren Verständnis mit entsprechenden Darstellungen veranschaulichte. (Abb. 4)

Ein weiterer Schwerpunkt seiner Arbeit lag in der Trommelfellforschung, die sich in seiner Publikation „Die Beleuchtungsbilder des Trommelfells in gesunden und kranken Zustande“ sowie in der 31 Jahre später überarbeiteten Fassung „Atlas der Beleuchtungsbilder des Trommelfells in gesunden und kranken Zustande“ wiederspiegelt. (Abb. 7)

Er widmete sich sämtlichen Bereichen der Otologie und konnte richtungsweisende Arbeiten über die Anatomie, Physiologie, Pathologie und Therapie des Gehörorgans vorweisen.

Sein „Lehrbuch der Ohrenheilkunde“, das zwischen 1878 und 1908 fünf mal aufgelegt wurde und ins Englische, Französische und Spanische übersetzt wurde, gilt als Standardwerk und gehörte zu jenen Publikationen, mit der auch die Ohrenheilkunde der Wiener Medizinischen Schule internationale Geltung errang.

Sonstiges

Seit 1978 besteht die Politzer Society - International Society for Otologic Surgery and Science, mit Sitz in London, der international renommierte Otologen angehören.

Werke / Schriften

(in Auswahl):

  • Die Beleuchtungsbilder des Trommelfells im gesunden und kranken Zustande. Klinische Beiträge zur Erkenntnis und Behandlung der Ohren-Krankheiten, Wien 1865. Digitalisiert [[1]]
  • Lehrbuch der Ohrenheilkunde, Stuttgart 1878. (5. Auflage 1908).
  • Zehn Wandtafeln zur Anatomie des Gehörorgans, Wien 1873.
  • Die anatomische und histologische Zergliederung des menschlichen Gehörorgans im normalen und kranken Zustande, Stuttgart 1889.
  • Atlas der Belichtungsbilder des Trommelfells mit 392 chromolithographierten Trommelfellbildern nach den Originalbildern des Verfassers, Wien / Leipzig 1896.
  • Atlas der Beleuchtungsbilder des Trommelfells, Wien 1899.
  • Geschichte der Ohrenheilkunde, 2 Bände, Stuttgart 1907 and 1913.
  • Zahlreiche Beiträge in der Wiener klinischen Wochenschrift.

Quellen

  • UAW Senat S 304.979: Adam Politzer, in: UAW Senat S 304.979 Fol. 4., ohne Datum.

UAW = Universitäts-Archiv-Wien

Rezeption in der Presse

  • Wiener Medizinische Wochenschrift 1920/22: Rückblick auf die 25-jährige Tätigkeit der österreichischen otologischen Gesellschaft. Festrede von Professor Dr. Adam Politzer, in: Wiener Medizinische Wochenschrift, 22, 22. Mai 1920, S. 985-990.

Anlässlich des Ablebens von Adam Politzer erschienen – neben der Würdigung in Fachzeitschriften – auch in der Tagespresse zahlreiche Nachrufe, die sein Leben und Wirken würdigten (in Auswahl):

  • Neue Freie Presse 1920: Tod des Universitätsprofessors Dr. Adam Politzer, in: Neue Freie Presse, 20099, 11. August 1920, S. 7.
  • Wiener Zeitung 1920: Hofrat Professor Dr. Adam Politzer, in: Wiener Zeitung, 182, 11. August 1920, S. 2.
  • Wiener Medizinische Wochenschrift 1920/33/34: Hofrat Professor Dr. Adam Politzer, in: Wiener Medizinische Wochenschrift, 33/34, 22. Mai 1920, S. 1455-1456.

Literatur

  • Czeike 2004: Felix Czeike, Adam Politzer, in: Historisches Lexikon Wien, 4, Wien 2004, S. 569.
  • Lesky 1978: Erna Lesky, Die Wiener Medizinische Schule im 19. Jahrhundert, Wien 1978.
  • Mudry: Albert Mudry, The Role of Adam Politzer (1835-1920) in the History of Otology, 2010. Digitalisiert, Abruf 15.6.2014 [[2]]
  • ÖBL 2003-2013: E. H. Majer, Politzer Adam, in: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL), 8, Wien 2003-2013, S. 179. Digitalisiert, Abruf 15.6.2014 [[3]]

Einzelnachweise

  1. Czeike 2004, S. 569.
  2. UAW Senat S 304.979, S.1.
  3. Austria-Forum, Abruf Mai 2013.
  4. Lesky 1978, S. 152.
  5. Czeike 2004, S. 569.
  6. UAW Senat S 304.979, S. 1.
  7. Austria-Forum, Abruf Mai 2013.
  8. Czeike 2004, S. 569.
  9. UAW Senat S 304.979, S. 3.
  10. UAW Senat S 304.979, S. 4.
  11. UAW Senat S 304.979, S. 4.
  12. Lesky 1978, S. 421.
  13. Lesky 1978, S. 421.
  14. Lesky 1978, S. 422.
  15. Czeike 2004, S. 569.
  16. UAW Senat S 304.979, S. 2.
  17. Lesky 1978, S. 430.
  18. UAW Senat S 304.979, S. 2.
  19. Lesky 1978, S. 432.
  20. Lesky 1978, S. 422.
  21. Lesky 1978, S. 430.
  22. Maisel 2007, S. 97.
  23. Lesky 1978, S. 431.
  24. Czeike 2004, S. 569.
  25. Czeike 2004, S. 569.
  26. Wiener Medizinische Wochenschrift 1862, 12 S. 197.

Weblinks

  • Politzer Society [[4]]

Darstellungen


Angela Libal, Gabriele Böhm-Nevole